Klicken, um die Teilen-Funktion zu öffnen.
Teilen
Atomwaffen waren jahrzehntelang in den Hintergrund gerückt. Doch nun setzen Grossmächte atomare Drohungen wieder zunehmend ein. Sicherheitsexpertin Claudia Major erklärt, wie sich Europa in der neuen nuklearen Unordnung behaupten kann.

Claudia Major
Politologin
Personen-Box aufklappen
Personen-Box zuklappen
Dr. Claudia Major ist Politikwissenschaftlerin und Vizepräsidentin des German Marshall Funds. Die forscht insbesondere zu europäischer und transatlantischer Sicherheitspolitik und nuklearer Abschreckung.
SRF News: Inwiefern hat sich die Bedeutung von Atomwaffen im globalen Powerplay verändert?
Claudia Major: Der wiederholte Angriff Russlands auf die Ukraine hat die Bedeutung von Atomwaffen als ultimativen Schutz bestätigt. Zum einen schützen sie Russland. Denn die westlichen Staaten sind sehr vorsichtig in ihrer Unterstützung für die Ukraine, aus Angst vor den russischen nuklearen Drohungen. Es funktioniert aber auch für die Nato-Staaten. Denn bislang hat Russland eine militärische Eskalation mit der Nato vermieden.
Die Bedeutung von Atomwaffen steigt wieder. Gleichzeitig laufen Abrüstungsverträge aus.
Es gibt aber noch eine weitere nukleare Dimension in diesem Krieg. Denn die Ukraine hat in den 90er-Jahren mit dem Budapester Memorandum die auf ihrem Territorium gelagerten sowjetischen Atomwaffen abgegeben, im Austausch gegen Sicherheitsgarantien unter anderem von Russland. Und damit ist die Lehre für viele Staaten: Wenn ich meine Atomwaffen abgebe, bin ich vogelfrei.
Der letzte verbliebene Abrüstungsvertrag läuft im Februar aus. Kommt jetzt das grosse atomare Aufrüsten?
Wir haben in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges geglaubt, dass wir Sicherheit in Europa mit immer weniger Atomwaffen sicherstellen können. Wir hatten Rüstungskontrollen und Abrüstungsverträge. Und wir merken, dass diese Zeit zu Ende ist. Die Bedeutung von Atomwaffen steigt wieder. Gleichzeitig laufen Abrüstungsverträge aus.
Legende:
Im Kalten Krieg rüsteten die USA und die Sowjetunion massiv auf. 1987 war ein Meilenstein in der Rüstungskontrolle. Der damalige sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan unterzeichneten den INF-Vertrag zum Verzicht auf atomare Mittelstreckenraketen.
SRF
China rüstet nicht nur konventionell, sondern auch im nuklearen Bereich stark auf. Wir haben die regionalen nuklearen Ordnungen Pakistan, Indien und andere. Wir haben neue Technologien im Weltall oder künstliche Intelligenz, die auch immer enger mit Atomwaffen verknüpft werden. Insgesamt kommen wir von einer nuklearen Ordnung in eine nukleare Unordnung.
Die Europäer müssen überlegen, wie sie von einer von den USA geführten europäischen Verteidigung zu einer europäisch geführten Verteidigung übergehen.
Für die Europäer wird es immer schwieriger, sich darin zurechtzufinden, insbesondere wenn wir nicht mehr so richtig wissen, wie verlässlich unsere amerikanischen Partner sind.
Was soll Europa konkret sicherheitspolitisch tun?
Momentan scheint es wenig wahrscheinlich, dass die USA die nukleare Abschreckung abbauen und aussetzen. Trotzdem müssen die Europäer anerkennen, dass die Amerikaner weniger Interesse an Allianzen haben, Europa keine Priorität mehr ist.
Legende:
Die nukleare Abschreckung hatte jahrzehntelang kaum eine Bedeutung. Nun kehrt das Thema wieder auf das politische Parkett zurück. (Symbolbild)
Reuters/Stringer
Die Europäer müssen überlegen, wie sie von einer von den USA geführten europäischen Verteidigung zu einer europäisch geführten Verteidigung übergehen. Wer stellt die Masse an konventionellen militärischen Fähigkeiten bereit? Da müssten die Europäer unheimlich nachholen. Auch bei Aufklärung, Zielerfassung, Flug und Raketenabwehr, Logistik, Cyber. Das dauert lange.
Wie viel Zeit hat Europa?
Wir gehen davon aus, dass Russland zwischen drei und acht Jahre nach einem Einstellen der Kämpfe in der Ukraine braucht, um wieder einsatzfähig zu sein. Der deutsche Generalinspektor, also der höchste Soldat, und der deutsche Verteidigungsminister reden von einer Deadline 2029. Bis dahin soll Deutschland, soll Europa einsatzfähig sein.
Legende:
In Europa besitzen Grossbritannien und Frankreich eigene Atomwaffen. Zudem sind US-Atomwaffen stationiert auf Militärbasen in den Niederlanden, Belgien, Deutschland und Italien.
ICAN/SRF
Die Schweiz ist nicht Mitglied der Nato, sitzt aber geografisch mittendrin. Kritiker sagen, sie sei eine Profiteurin.
Die Schweiz profitiert in der Tat davon, dass sie von Nato und EU Staaten umgeben ist. Sie profitiert damit auch von dem Schutz, den Nato und EU unter hohem Kostenaufwand bereitstellen.
Nukleare Abschreckung in Europa
Box aufklappen
Box zuklappen
Die nukleare Abschreckung in Europa besteht aus drei Pfeilern: die strategischen Atomwaffen der USA, die nukleare Teilhabe (US-Waffen, die in Europa gelagert werden, und von europäischen Alliierten ins Ziel getragen würden) sowie die französischen und britischen Atomwaffen. Für Sicherheitsexpertin Major ist klar: Eine Veränderung der nuklearen Ordnung bedeutet in der Regel weniger Sicherheit für Europa und ist nicht erstrebenswert. Sollten die USA ihre nukleare Abschreckung nicht mehr bereitstellen wollen, wäre die am wenigsten schlechte Option, gemeinsam mit den beiden europäischen Nuklearmächten Frankreich und Grossbritannien ein neues europäisches Abschreckungssystem aufzubauen.
Frankreich und Grossbritannien haben im Sommer 2025 die sogenannte Northwood-Erklärung unterschrieben. Darin kündigen sie an, dass sie bei der nuklearen Abschreckung enger zusammenarbeiten wollen und damit mehr Verantwortung für Europas Schutz übernehmen.
Das Gespräch führte Viviane Manz.
Klicken, um die Teilen-Funktion zu öffnen.
Teilen