Zehn Meter steigt das Wasser bei Flut, zehn Meter fällt es bei Ebbe: Dieser enorme Gezeitenhub macht die Baie de Somme zur schönsen Bucht der Picardie. Was die Tiden zurücklassen, wenn sie sich zurückziehen, ist eine Urlandschaft aus Watt und Prielen, Salzwiesen und Sandbänken – eine amphibische Welt zwischen Meer und Land, die sich mit jedem Tidenwechsel neu erfindet.
70 Quadratkilometer misst diese dreieckige Bucht, die sich zwischen den Landzungen von Saint-Quentin und Le Hourdel in die Küste schneidet. Seit Jahrmillionen füllt sich diese tektonische Senke mit Sedimenten: 700.000 Kubikmeter spült die Somme jedes Jahr in ihre Mündung, Schicht um Schicht, zwei Zentimeter im Jahr.
Was entsteht, ist Lebensraum für mehr als 700 Pflanzenarten und 335 Vogelarten, für die größte Robbenkolonie Frankreichs – und für 3.600 Schafe, deren Fleisch zu den exquisitesten Delikatessen der französischen Küche zählt. Eine Landschaft, die Edgar Degas, Eugène Boudin und Georges Seurat faszinierte. Die Guerlain zu seinem berühmten Parfum L’Heure Bleue inspirierte. Und die seit 2011 zu den Grands Sites de France gehört.
Sonntag im Stau
Warum machen wir nicht hier noch einen Schlenker zur Baie de Somme, ehe es auf die A16 gen Norden geht? Was auf der Karte wie ein kleiner Abstecher zum Abschluss aussah, entpuppte sich als erstes als: Endlosstau. Dicht an dicht schob sich die Fahrzeugschlange auf der D940 durch flaches Land mit Salzmarschen, Schlickzonen und weitem Blick. La Baie de Somme: eine Landschaft wie in Norddeutschland, karg und weit, Natur pur.
Der Strand an der Somme. Foto: Hilke Maunder
Was wollen die hier nur alle Sonntagabend? Als Norddeutsche, denen solche amphibischen Landschaften von der Küste vertraut sind, standen meiner Tochter und mir mehr als eine Stunde Fragezeichen im Gesicht. Entnervt vom Stop & Go bogen wir ab nach Le Crotoy. Und landeten im nächsten Stau.
Diesmal kam er uns allerdings entgegen. Die Franzosen, die mittags ausgiebig im picardischen Fischerdörfchen geschlemmt hatten, fuhren jetzt heim.Die Restaurants servierten, obgleich erst früher Abend, die letzten Getränke, säuberten die Tische und meinten: pas de dîner ici. Abends wird hier an der Somme-Mündung sonntags nichts mehr serviert.
In den Restaurants von Le Crotoy kommen traditionell große schwarze Emailletöpfe mit Miesmuscheln auf den Tisch. Foto: Hilke Maunder
Muscheln & Lamm: schlemmen à la Somme
Mittags jedoch hatten die moules frites Hochsaison gehabt, verrieten die Berge an Muschelschalen in schwarzen Emailletöpfen. Und auf dem Trottoir. Hinter der Kaimauer zeigt sich, warum das winzige Dörfchen eine Hochburg des Strand- und Seafoodtourismus war.
Bllick auf Le Crotoy an der Somme-Mündung. Foto: Hilke Maunder
Vor uns breitete sich der Ästuar der Somme aus, als weite Landschaft mit Watt und Strand, Prielen und Watvögeln, die nach Würmer pickten.
In der Ferne sahen wir Schafe in großen Herden über die Salzwiesen und Niederungen ziehen. Frei und ungebunden durchquerten sie den weiten Fluss, weideten auf Wiesen, die im Wechselspiel der Tiden ganz natürlich mit Salz gewürzt werden. Diese natürliche Salznote macht die Lämmer zu einer begehrten Spezialität der französischen Küche: Agneau de Pré Salé. Köstlich!
Weiden frei in der Bucht: die Schafe der Baie de Somme. Foto: Hilke Maunder
Vor uns ließen Väter mit ihren Söhnen bunte Drachen steigen. Freundinnen saßen im Sand, klönten und lachen. Ein paar Jogger, ein paar Strandläufer, Mütter mit Kinderwagen, im Sand buddelnde Kinder – Szenen, wie gemalt. Und sehr französisch. Quel bonheur!
Inzwischen sind wir immer wieder an die Baie de Somme gereist. Wir sind mal länger, mal kürzer beim Pendeln geblieben, sind gewandert, geradelt, haben Muscheln genossen. Und vieles entdeckt, was uns begeisterte.
In Cayeux-sur-Mer beginnt die Somme-Bucht. Dort steht eine endlos lange Reihe von Strandkabinen auf groben Kieseln. Foto: Hilke Maunder
Ein Grand Site de France
Seit 2011 gehört auch die Mündungsbucht der Somme zu den Grands Sites de France. Seit Dezember 2012 bildet sie zudem das Herzstück des Meeresnaturparks der Picardie-Mündungen und der Opalküste. Den besten Einstieg bietet das Besucherzentrum Maison de la Baie de Somme. Es stellt die 250 Vogelarten, die im Mündungsgebiet der Somme rasten, nisten oder leben, in ihrer natürlichen Umgebung vor.

Die Maison de la Baie de Somme. Foto: Hilke Maunder
Im Museumsshop gibt es regionale Produkte, das ganze Jahr hindurch die unterschiedlichsten Frührungen und Aktivitäten. Auch die Radrouten durch die vielen Salzmarschen und Wiesen, Fischerdörfer und Badeorte beginnen dort. Ebenfalls zur Anlage gehört eine kleine Beobachungshütte für Vogelfreunde an einem Feuchtgebiet.
Der Beobachtungsstand der Maison de la Baie de la Somme. Foto: Hilke Maunder
Richtig sportlich wird am 14. September an der Baie de Somme gestrampelt, wenn Radprofis und Amateure in Abbeville zu La Picarde durch die Bucht starten – gegen die Uhr auf 191 Kilometer und 128 Kilometer langen Strecken. Oder ganz gemütlich bei der 50 Kilometer langen rando.
Das Rad- und Wanderwegenetz ist perfekt ausgebaut an der Somme-Bucht. Foto: Hilke Maunder
Naturwunder im macrotidalen System
Für die Wissenschaft ist die Baie de Somme mehr als eine malerische Küstenlandschaft. Sie ist ein macrotidales Ästuar, dessen extremer Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser alles prägt: die Topographie mit ihren ausgedehnten Wattflächen, die Sedimentation, die Artenvielfalt.
Bei Ebbe fallen weite Bereiche trocken, die bei Flut wieder überschwemmt werden. Diese Gezeitenzone – im Französischen estran genannt – gliedert sich in zwei Bereiche: Die Slikke, der tiefer gelegene, schlammige oder sandige Bereich mit Gezeitenrinnen und Sandbänken. Und die Schorre, höher gelegen und nur bei Springtide überflutet, wo salztolerante Pflanzen wie Queller, Strand-Aster oder das endemische Spartina maritima-Gras wachsen, das immer mehr vom eingewanderten Spartina anglais-Gras verdrängt wird.
Auf diesen Salzwiesen gedeihen 77 Pflanzenarten, die den Salzwiesenschafen ihren einzigartigen Geschmack verleihen – und der Bucht eine Flora, die in Frankreich einzigartig ist.
Schnauferlspaß an der Somme
Schienenwechsel für die Museumseisenbahn! Foto: Hilke Maunder
Entspannung und Genuss verbinden jeden Sonnabend von April bis September die Dîners auf der Schiene des Chemin de fer de la Baie de Somme. Seit 1887 rattert die Schmalspurbahn mit roter Dampflok und bunten Waggons von Cayeux-sur-Mer bis nach Le Crotoy einmal rund um die weite Bucht.
Dabei eröffnet sie Ausblicke, die von der Straße, beim Wandern oder Radfahren nicht zu erleben sind. 2021 feierte die Bahn ihren 50. Geburtstag als Museumseisenbahn.
Die alten Waggons sind noch aus Holz gefertigt. Foto: Hilke Maunder
Der Lokwechsel im Sackbahnhof von Saint-Valéry-sur-Somme ist jedes Mal ein Hingucker. Die rotgrüne Lok wird vom den hölzernen Waggons abgekoppelt, fährt auf eine Drehscheibe, macht eine Achteldrehung und rattert dann auf einem zweiten Gleisstrang zum Zugende. Dort stellt Lokführer Xavier die Weiche von Hand um und setzt die Lok wieder an den Zug.
Lokführer Xavier. Foto: Hilke Maunder
Vögel kieken!
Am Leuchtturm von Le Hourdel starten verrotières, früher Fischer zu Fuß, heute als Naturführer zu Ausflügen. Unterwegs verraten sie, welche Pflanzen und Tiere Dünen und Watt bewohnen und lassen Legenden aufleben.
Der Leuchtturm von Hourdel. Foto: Hilke Maunder
Vom Leuchtturm aus führen Wanderwege entlang der Küste auch zu den Überresten des Atlantikwalls. Immer wieder tauchen Bollwerke der Nazis aus dem Zweiten Weltkrieg am Strand auf.
Der Hafen von Le Hourdel fällt bei Ebbe trocken. Foto: Hilke Maunder
Die Küste zwischen der belgisch-französischen Grenze und der Somme-Bucht gehörten zu den am stärksten befestigten Abschnitten des mur de l’Atlantique an der französischen Westküste.
Brandenten, Löffelreiher, Graureiher, Schnepfen und andere gefiederte Gäste aus 350 Arten tummeln sich im 250 Hektar großen Parc Ornithologique du Marquenterre – bei Flut sind die Aussichten für Bird Spotter entlang der Lehrpfade und Beobachtungshütten im Vogelschutzgebiet am besten! Die Rückkehr der Zugvögel und den Beginn der Brut feiert alljährlich im April das Festival de l’oiseau et de la nature.
Bollwerk der Nazis am Somme-Strand. Foto: Hilke Maunder
Die Robben der Somme-Bucht
Auch die Robben atmen wieder auf, nachdem sie fast ausgestorben waren. Wissenschaftlich Phoca vitulina genannt, besiedelten vor Jahrzehnten die Sandbänke der Somme-Bucht, wo sie noch bis ins frühe 20. Jahrhundert von Fischern gejagt.
Während der Belle Époque nahmen Seeleute auf kleine, schnelle Boote in Le Crotoy und Saint-Valéry Jagdbegeisterte der Pariser Oberschicht. um inmitten der Wellen Robben zu jagen. Heute beherbergt die Baie de Somme Frankreichs größte Kolonie mit etwa 1.200 Tieren, darunter 400 Kegelrobben sowie Hunderte Graurobben. Dank Jagdverbot und Schutzmaßnahmenwuchs der Bestand seit 2020 um 15 bis 20 Prozent. Im Herbst paaren sich die Robben, im Frühjahrt kommen die Jungtiere zur Welt.
Heute leiden die Robben vor allem unter den Ausflügler, die sie von nah beobachten möchten. Ob Kajaktour oder Bootstörn: In den Ruhezonen rund um die Robbenruhestätten gilt in der Réserve Naturelle Nationale Baie de Somme – außer im Schifffahrtskanal der Somme – stets ein Mindesabstand von 300 Metern, um die Tiere nicht zu stören oder zu vertreiben. Als bester Robben-Spots gilt die Pointe du Hourdel bei Ebbe. Nehmt zum Beobachten nur das Fernglas oder das Zoom der Kamera, Drohnen sind verboten.
Hebt eine Robbe den Kopf, fühlt sie sich bedroht. Wenn ein Robbe den Kopf hebt, signalisiert das Bedrohung; man muss sofort zurückweichen, da Stress die Tiere ins Wasser treibt und Jungtiere gefährdet.
Maler und Parfümeure

Markant: die Fassade der Altstadtkirche von Saint-Valéry-sur-Somme. Foto: Hilke Maunder
Im Spiel des Lichts und der Gezeiten erfindet sich die amphibische Landschaft immer neu und lockte schon früh die Maler. Edgar Degas, Eugène Boudin und Georges Seurat logierten im mittelalterlichen Städtchen Saint-Valéry-sur-Somme und malten Werke, die weltberühmt wurden.
Den Parfümeur Guerlain inspirierten die wechselnden Schattierungen von Blau, Purpur und Violett, die in der Dämmerung die Bucht in magisches Licht tauchen, zu seinem berühmten Parfum L’Heure Bleue.
Mekka der Strandsegler
Savoir-vivre direkt am Strand der Somme. Foto: Hilke Maunder
Wie sie damals die Somme-Bucht erlebt haben müssen, lässt das Musée Picarvie ahnen, das als Replik eines picardischen Dorfes aus dem 19. Jahrhundert 40 Berufe und Werkstätten vorstellt: Hier eine Schlosserei, dort die Schmiede, die Korbmacherei, die Schule mit ihren Holztischen, und auch das Café, in dem das Grammophon steht, fehlt nicht!
Le Crotoy ist das Mekka der Strandsegler, die bei Ebbe über den Meeresboden sausen. Das Meer ist das Lebenselexier des Ortes, in dem noch immer die Fischer mit ihren Kuttern hinausziehen. Nicht immer kehren sie sicher zurück.
Das Sperrwerk der Somme bei Le Crotoy. Foto: Hilke Maunder
Die Fête de la Mer, die Crotoy alljährlich Anfang August feiert, ist daher mehr als ein maritimes Volksfest mit Umzug und Parade, Markt und Ball. Es ist auch ein religiöses Fest. Bei der Messe zum Auftakt wird das Meer gesegnet und um Schutz für die Fischer gebeten. Die anschließende Prozession mit Gesang der Marseillaise am Denkmal der Seeleute endet im Hafen. Dort dampft es bereits allerorten aus großen mobilen Töpfen und Pfannen. Mittagszeit mit moules frites – die Miesmuscheln sind an der Somme-Bucht das Nationalgericht.
Moules, Miesmuscheln, gibt es in vielen Variationen in Frankreich – aber immer mit Pommes Frites. Foto: Hilke Maunder
Die Fischereiwirtschaft in der Baie de Somme reicht bis ins Mittelalter zurück, und Häfen wie Saint-Valéry-sur-Somme und Le Crotoywaren Zentren für Muscheln, Krabben und Fische. Heute fahren nur wenige Fischer noch hinaus – die meisten von ihnen stecken eher die Füße in Gummistiefel und ernten bei der pêche à pied, der Fußfischerei die Meeresfrüchte der Bucht.
Rund 140 lizenzierte Fischer dürfen täglich maximal 150 Kilogramm Gesamternte – Herzmuscheln, Garnelen, Würmer – aus dem Watt holen, saisonal begrenzt und streng reguliert. Für Besucher liegt die Obergrenze bei fünf Kilogramm pro Tag.
Geradezu einen Boom erlebt das Meeresgemüse Salicorne, das auf 300 Hektar Konzessionsfläche wächst. Die Baie de Somme ist Hauptproduzent für 90 Prozent der französischen Salicorne-Ernte. 400 bis 600 Tonnen kommen jährlich zusammen, geerntet zwischen dem 1. Juni und dem 15. September. Der bio-zertifizierte Meeresspargel ist reich an Vitamin C und Mineralien und gilt dasher als Superfood. Sterneköche integrieren es in ihre Seafood-Fusion-Küche, verarbeiten es zu Salicorne-Pesto, Tempura oder Vinaigrette – und servieren das Salicorne zu Austern oder dem berühmten Agneau pré-salé.
Schlemmergericht Salzwiesenlamm

Weiden frei in der Bucht: die Schafe der Baie de la Somme. Foto: Hilke Maunder
Kein anderer Fleischlieferant – mit Ausnahme von Wild – ernährt sich noch so ursprünglich und naturnah wie das Lamm. In Frankreich grast es zu Tausenden auf den Salzwiesen der Picardie, der Normandie und der Bretagne. Puccinelli, Salzmelde, Queller, Seeaster und Schlickgräser salzen und würzen das magere, zartrosa Fleisch auf ganz natürliche Weise. Besonders delikat sind die Salzlämmer aus den Buchten der Somme und des Mont-Saint-Michel. Sie tragen seit 2007 beziehungsweise 2009 das Gütesiegel AOC, seit 2013 die geschützte Ursprungsbezeichnung AOP. Die Siegel garantieren, dass die Mutterschafe mit ihren Lämmern ab Anfang März mindestens 230 Tage auf den offenen Salzwiesen weiden.
Die Salzwiesenschafe der Somme. Foto: Hilke Maunder
Die Tiere legen täglich dabei 10 bis 15 Kilometer zurück und leben ohne Schutz vor Regen, Schnee und Sonne in der Natur. Exakt nach 90 Tagen der Aufzucht werden die jungen Lämmer geschlachtet. Seit dem Mittelalter holen die 13 Züchter der Baie de Somme Ende September ihre rund 3.600 Schafe von den tideabhängigen Salzwiesen zurück zu den Weiden an ihren Höfe, wo sie überwintern.
Diese traditionelle Transhumanz ist heute alljährlich Anlass für die Fête du Mouton in Crotoy. Neben den Tieren und den Verkostungen der Lammfleisch-Köstlichkeiten gehört dazu auch ein Markt mit regionalen Produkten, Musik und Geselligkeit.
Badeverbot wegen Bakterium
Die Idylle trübt jedoch ein Winzling namens Escherichia coli. Zuflüsse der Somme wie die Maye und der Dien, aber auch Regen und Tiden, spülen das Darmbakterium, das zum Großteil aus den Exkrementen von Mensch und Schaf stammt, in die Somme-Bucht – und sorgen dafür, dass das Baden in Le Crotoy seit 2018 verboten ist.
Le Crotoy reagiert umgehend, investierte 4,5 Millionen Euro in einen neue Kläranlage, ausgelegt auf maximal 500.000 Einwohner, und stellte einen Mehrjahresplan zur Trennung von Regenwasser und Abwasser auf. Ein Präfekturerlass verpflichtete die Schäfer außerdem, ihre Schafe bei den grandes marées, den große Fluten des Frühjahrs und Herbstes, aus der Bucht zu entfernen, damit die Exkremente nicht die Strände verschmutzen.
Die Modernisierung zeigt erste Erfolge: Um fast 40 Prozent sank die Gesamtbelastung der Bucht – bei Phosphor um 35 Prozent, bei Stickstoff um 28 Prozent, und satte 80 Prozent ist heute hier das Risiko der Algenblüte.
Dennoch hat der Grand Site de France das Problem noch nicht vollständig in den Griff bekommen. In der nördlich liegenden Authie-Bucht gibt es saisonale Beschränkungen für das Sammeln und den Verkauf von Muscheln. Nitratbelastungen von 18 bis 25 Milligramm pro Liter überschreiten in 52 von 66 Oberflächenwasserproben die Grenzwerte, hauptsächlich durch landwirtschaftliche Einträge aus 400.000 Hektar Ackerland.
Umweltherausforderungen und Zukunftsperspektiven
Die Baie de Somme steht vor Umweltproblemen, die natürliche Prozesse, der wachsende Tourismusdruck und andere menschliche Einflüsse verstärken. Jährlich lagern sich 700.000 Kubikmeter Sedimente ab, um zwei Zentimeter hebt sich der Meeresboden – jedes Jahr. Seit 1950 gingen so bereits 30 Prozent der Wattflächen verloren. Vier Millimeter steigt jedes Jahr der Meeresspiegel. Was nach wenig klingt, lässt jedoch die Dünen erodieren und die Salzwiesen immer häufiger überfluten.
Doch es gibt Hoffnung. Das EU-Projekt LIFE (2022 bis 2028) unterstützt mit 15 Millionen Euro die Renaturierung von 300 Hektar maritimer Lebensräume. Kontrollierte Deichöffnungen ließen 100 Hektar Salzwiesen wieder erblühen. Die lokale Verschlammung sank um 15 Prozent, zwölf Prozent mehr Vögel brüten hier bereits wieder.
Das Programm Vallée de Somme idéale zielt darauf ab, die Nitrat-Einträge im Somme-Tal um 30 Prozent zu minimieren, um so die Baie de Somme zu entlassen. Bis 2030 will die Baie de Somme CO₂ neutral sein.
Saint-Valéry-sur-Somme steckt voller Flair. Foto: Hilke Maunder
La Baie de Somme: meine Reisetipps
Die schönsten Orte
Saint-Valery-sur-Somme ist der meistbesuchte Ort in der Baie de Somme mit über einer Million Besuchern jährlich. Das mittelalterliche Städtchen am Südostufer begeistert mit seiner Stadtmauer und der Tours Guillaume, Fischerhäusern im Quartier des Marins und der Chapelle des Marins mit Panoramablick. Im Jachthafen starten Wattwanderungen und Bootsausflüge zur Robbenbeobachtung.
Le Crotoy an der Nordwestküste lockt als Badeort mit Sandstrand und historischer Festung aus dem 13. Jahrhundert, Fischmarkt und der Dampfbahn. Ideal für Familienausflüge und Kite-Surfen.
Cayeux-sur-Mer bietet elf Kilometer Sandstrand, einen 14 Kilometer langen Fahrradweg auf Schienen und Dünenwanderungen. Stolz präsentiert es sein historisches Erbe: Nussschalenboote!
Vor Le Hourdel an der Südwestspitze leben mehr als 1.000 Robben. Auf dem Kieselsstraend sind Ruinen des Atlantikwalls aus dem Zweiten Weltkrieg erhalten. Wahrzeichen ist der Leuchtturm an der Einfahrt zum Tidehafen.
Der Parc du Marquenterre ist ein Paradies für die Vogelbeobachtung mit zehn Kilometer markierter Pfade und 20 Beobachtungshütten für mehr als 300 Vogelarten. Im April feiert der Park das Festival de l’Oiseau.

Auch Jeanne d’Arc soll das Altstadttor von Saint-Valery-sur-Somme durchschritten haben. Foto: Hilke Maunder
Schlemmen & genießen
Stéphane liebt Salzwiesenlämmer – und bereitet sie auf immer neue Weise exquisit zu.
• 352, rue de la Dune, 80550 Saint-Firmin-les-Crotoy, Tel. 03 22 25 01 88, www.logishotels.com
La Conserverie de Saint-Christophe
Das gehört ins Gepäck: eine hausgemachte Terrine vom Salzwiesenlamm, beim kulinarischen Wettbewerb Concours de la Capelle ausgezeichnet mit der Goldmedaille.
• Petit Chemin, 80120 Argoules, Tel. 03 22 23 91 60, https://conserverie-st-christophe.com

Wunderschöne Hofanlage mit Ross: die ferme de Beaumer. Foto: Hilke Maunder
In der Nähe
Die Schlachten der Somme
Die Somme: Unsere Großeltern verbanden mit dem Namen die Erinnerung an ein Blutbad. Der Erste Weltkrieg zerstörte besonders im Jahr 1916 das Département Somme. Seine Narben sind noch heute, mehr als 100 Jahre später, noch immer sichtbar: Schützengräben, Minenkrater, zerstörte und wiederauferstandene Vegetation, aber auch Dörfer, die vollkommen dem Erdboden gleichgemacht wurden. Die wichtigsten Gedenkstätten, Denkmäler, Relikte, Museen und Friedhöfe könnt ihr auf einem chemin de la mémoire, einem Rundweg der Erinnerung, entdecken, der im Hinterland der Somme-Bucht Albert und Péronne miteinander verbindet.
Amiens
Nur 70 Kilometer trennen die Sommebucht von der Heimatstadt des französischen Präsidenten Macron, Amiens. Die Stadt überragt eine Kathedrale, die 2020 ihren 800. Geburtstag feierte. Amiens ist zudem berühmt für seine schwimmenden Gemüsegärten. Mehr zu Amiens und seinen Sehenswürdigkeiten erfahrt ihr hier.
Hier könnt ihr schlafen*
Der homme sur sa bouée steht mitten in der Somme in Amiens auf einer Boje. Foto: Hilke Maunder
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Im Blog
Alle Beiträge aus dem Département Somme vereint diese Kategorie.
Im Buch
Klaus Simon, Hilke Maunder, Secret Citys Frankreich*
Gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Klaus Simon stelle ich in diesem Band 60 Orte in Frankreich vor, die echte Perlen abseits des touristischen Mainstreams sind. Le Malzieu in der Lozère, Langogne im Massif Central, aber auch Dax, das den meisten wohl nur als Kurort bekannt ist.
Mit dabei sind auch Senlis, eine filmreife Stadt im Norden von Frankreich, und viele andere tolle Destinationen. Frankreich für Kenner – und Neugierige!
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