Ein großer Parkplatz, umzäunt und bewacht. Daran erinnern sich ältere Nürnberger, wenn sie auf den Innenhof der Kongresshalle angesprochen werden. Und die wenigsten haben gute Erinnerungen daran. Denn dort wurden über viele Jahre hinweg die im Stadtgebiet abgeschleppten Fahrzeuge abgestellt, gegen ein entsprechendes Entgelt konnten die Autos von ihren Besitzern wieder abgeholt werden.
Allzu viele Gedanken über den ungewöhnlichen Abstellort hat sich damals kaum jemand gemacht. Im Grunde war genau das die unausgesprochene Absicht der Stadtoberen. Über viele Jahrzehnte hinweg galt in der Frankenmetropole die Devise: Niemand sollte in der Kongresshalle heimisch werden, schließlich handelt es sich bei dem Torso um das größte bauliche Relikt, das in Deutschland von der Nazi-Herrschaftsarchitektur übrig geblieben ist. Obwohl unvollendet, beeindruckt das dem römischen Kolosseum nachempfundene Gebäude durch seine Wucht. Und diese Wucht, dem Größenwahn Hitlers entsprungen, stellte (und stellt) die Stadt Nürnberg vor kolossale Herausforderungen.
Wie kann man so einen Unort eigentlich nutzen?
Mit 39 Metern Höhe (geplant waren 68,5) und einer Grundfläche von 275 mal 265 Metern hätte man leicht ein Fußballstadion ins Innere integrieren können – tatsächlich war ein Fußball-Tempel, in dem der 1. FC Nürnberg seine Heimspiele hätte austragen können, eine Idee von vielen, die in den vergangenen Jahrzehnten debattiert wurden. Es gab teils skurrile Ansätze, die für die Nutzung des Kongresshallentorsos in der Zeit nach 1945 entwickelt und wieder verworfen worden sind, vom schicken Einkaufszentrum bis zur Wellness-Oase reichten die Fantasien. Verwirklicht worden ist nichts.

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Die Kongresshalle ist eins der größten NS-Bauwerke in Deutschland – und damit wichtiges Mahnmal.
Foto: Daniel Karmann, dpa
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Die Kongresshalle ist eins der größten NS-Bauwerke in Deutschland – und damit wichtiges Mahnmal.
Foto: Daniel Karmann, dpa
Aus gutem Grund: Über dem über Jahrzehnte währenden Stillstand schwebte schlicht die Frage, welche Nutzung an einem solchen Unort überhaupt möglich sein könnte. Ehe es darauf eine Antwort gab, einigte man sich auf viele kleinteilige Nutzungskonzepte: In einem der beiden Kopfbauten zogen die Nürnberger Symphoniker ein, einen Teil der Räumlichkeiten mietete das Versandhaus Quelle, einen anderen Teil stellte die Stadt Nürnberg Vereinen und Verbänden zur Verfügung, um dort Utensilien zu lagern. Und der dem Volksfestplatz zugewandte Part der Kongresshalle wurde als Büro für den Süddeutschen Schaustellerverband und als Volksfestwache genutzt. Kurzum: Pragmatismus war gefragt, Hauptsache nichts in Stein meißeln, um den nächsten Generationen alle Optionen für eine Nutzung des Nazi-Erbes offen zu lassen.
Im Herbst eröffnet das neu strukturierte Dokuzentrum
Erst vor einem Vierteljahrhundert wurde eine Veränderung dieser Taktik eingeleitet. Unter maßgeblicher Anschubfinanzierung durch den Verleger der „Nürnberger Nachrichten“, Bruno Schnell, wurde ein Dokuzentrum konzeptioniert, das über die Reichsparteitage, die Jahr für Jahr als Hochfest der Nazi-Propaganda inszeniert wurden, informieren sollte. Der Grazer Architekturprofessor Günther Domenig hatte dazu eine geniale Idee entwickelt: Ein Pfahl durchstößt seither den NS-Torso buchstäblich und öffnet einen der beiden Kopfbauten der Kongresshalle für hunderttausende Besucher aus aller Welt. Jahr für Jahr strömen sie in das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Ein Ansturm, mit dem anfangs niemand gerechnet hatte, maximal 100.000 Besucher waren geplant, 2019 waren es bereits über 300.000, das alte Dokuzentrum platzte aus allen Nähten. Heuer wird deshalb das neu strukturierte und erweiterte Dokuzentrum im Herbst eröffnet werden, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird dazu erwartet.
Wer sich dann in der neuen Ausstellung durch die Nazi-Architektur bewegt, wird jedoch unweigerlich von einer anderen, wuchtigen Baustelle in den Bann gezogen. Denn in den Innenhof, die letzten Jahrzehnte allenfalls temporär als Parkplatz genutzt, zieht Nürnbergs Musiktheater ein. Dort entsteht ein anfangs als Interim konzeptionierter Neubau, der Oper und Ballett ab der Spielzeit 2028/29 eine Heimat bieten soll.
Nürnberg erhält ein neues kulturelles Zentrum
Denn die alte, 1905 eröffnete Oper im Zentrum der Stadt, ist ein Sanierungsfall ersten Ranges. Brandschutz, Bühnentechnik und ganz generell der Zustand des Gebäudes bereiten der Kommune seit langem Sorgen, die Nutzung ist nur mit immer wieder erneuerten Sondergenehmigungen möglich. Weil aber niemand seriös abschätzen kann, ob in Nürnberg jemals eine neue Oper entstehen kann – die Kosten werden bereits jetzt auf bis zu einer Milliarde Euro geschätzt -, beherbergt das geplante Interim im Kongresshallen-Innenhof wohl auf unabsehbare Zeit einen Teil des Staatstheaters. Zunächst sind 25 Jahre Nutzungsdauer des so genannten Ergänzungsbaus vorgesehen.
Doch nicht nur einzelne Sparten ziehen in den Südosten Nürnberg: Ein Drittel des riesigen Kongresshallen-Torsos beherbergt künftig die Verwaltung des 650 Mitarbeiter zählenden Staatstheaters, längst sind die Büros für Intendanz & Co geplant, auch hier gilt: Der ursprünglich angedachte Rückzug in die Stadtmitte ist in die Zukunft gerückt. Nürnberg erhält also ein neues kulturelles Zentrum, eines, das dank einer bereits vorhandenen Straßenbahn-Anbindung gut erschlossen ist. Und eines, das dem Ort der Unkultur endlich kulturelles Leben einhauchen soll.
Puristen der Erinnerungskultur lehnten baulicher Veränderungen ab
Ehe es so weit kommen konnte, lieferten sich zwei Lager einen Schlagabtausch: Hier die Puristen der Erinnerungskultur, die jegliche bauliche Veränderung in dem denkmalgeschützten Nazi-Erbe kritisch beäugten. Sie witterten Ungemach, wenn etwa allzu seichte Operettenmusik zur Aufführung käme und mit Prosecco-Gläsern ausgestattete Operngäste über den Erinnerungsort schlendern. Die Fans einer Veränderung im Umgang mit Nürnbergs NS-Erbe sehen hingegen in der Ansiedlung des Staatstheaters eine große Chance. Letztere setzten sich in dem Diskurs durch, was vor allem an der umtriebigen und bestens vernetzten Kulturbürgermeisterin Prof. Julia Lehner lag. Die CSU-Politikerin, im Nebenamt oberste Kulturberaterin des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, ließ nichts unversucht, die Skeptiker zu überzeugen. Nürnbergs gescheiterte Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 ebnete den Weg für die kulturelle Nutzung der Kongresshalle. Im Vorfeld dieser Bewerbung wurde lebhaft diskutiert.
Entscheidend punkten konnten Lehner und ihr Team mit der Idee sogenannter Ermöglichungsräume, die ebenfalls in dem riesigen Rundbau, der genau genommen nur Teile des geplanten Treppenhauses für die Kongresshalle beherbergt, entstehen werden. Diese Räume bieten der freien Kulturszene Nürnbergs endlich den lange gewünschten Platz zur Entfaltung. Das Nebeneinander von Hochkultur, repräsentiert durch das Staatstheater, und der freien Szene verhalf den Befürwortern des Um- und Neubaus zu der nötigen Akzeptanz. Von Probenräumen für Bands über Ausstellungsflächen für bildende Künstler reicht die Palette der künftigen Nutzung.
Nürnberg rückt durch dieses besondere Kulturprojekt überregional in den Fokus
Seit geraumer Zeit finden Ausstellungen in der Kongresshalle statt, das Publikum soll auf den Geschmack kommen. Und das gelingt: Von Mal zu Mal steigt die Vorfreude auf den neuen, kulturellen Hotspot. Dazu trägt eine Erwartungshaltung bei, die bewusst geschürt wird: Nürnberg, so heißt es, rücke durch dieses besondere Kulturprojekt überregional in den Fokus. Schon heute wird intensiv an den ersten Inszenierungen gefeilt, kaum etwas dringt nach außen. Nur so viel: Es sollen internationale Maßstäbe gesetzt werden. Tatsächlich interessieren sich Medien und Kulturschaffende aus Deutschland und Europa zunehmend für das Areal, auf dem einst abgeschleppte Autos verwahrt wurden.
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