Wenn Jürgen Büllesbach in dem neuen Bürohaus im Oberhachinger Gewerbegebiet die Treppe hinuntergeht, kann er nicht anders als mal eben über das Holzgeländer zu streichen. Holz ist hier überall, das sagt schon der Name „Woodstocx“. Das Immobilienunternehmen Opes hat es vor zwei Jahren an diesem Standort, gut zehn Autominuten von der Münchner Stadtgrenze entfernt, errichtet und zum Teil auch selbst bezogen. Büllesbach, Geschäftsführer von Opes, sagt: „Man riecht das Holzgebäude.“

Opes hat an diesem Abend in das Woodstocx geladen, um zu zeigen, wie Nachhaltigkeit auch im Gewerbebau funktioniert, wie Wohlfühlatmosphäre im Büroalltag geschaffen werden kann und warum es sich lohnt, ein paar Euro mehr zu investieren. Denn der Prototyp der Holz-Häuser von Opes bekommt jetzt einen großen Bruder in unmittelbarer Nachbarschaft. Mit mehr als 10 000 Quadratmetern Mietfläche wird das „Woods München/Oberhaching“ doppelt so groß.

Geplant hat es der dänische Architekt Thore Hemmersbach aus Kopenhagen. Einer, der sich auskennt mit der Gestaltung von Räumen und Gebäuden, die auf die Bedürfnisse der Nutzer und Nutzerinnen ausgerichtet sind und deren Wohlbefinden steigern sollen. Hemmersbach bringt Hygge nach Oberbayern.

Das dänische Lebensgefühl Hygge kennt man hierzulande längst. Das skandinavische Versprechen von Geborgenheit, Wärme, Achtsamkeit und Entspannung, die Suche nach einem Rückzugsort haben sich nicht nur schwedische Möbelhäuser zu eigen gemacht, auch wenn der Begriff ursprünglich aus Norwegen stammt und sich in Dänemark etabliert hat. Hemmersbach sagt: „In Skandinavien betrachten wir Arbeit als Teil des Lebens – nicht als Gegensatz dazu, daraus entsteht ein anderer Anspruch an Lebensqualität – auch im Büro.“

Diese Haltung hat weniger mit Romantik zu tun als vielmehr mit der Erkenntnis, dass Menschen, die sich in einer Umgebung wohlfühlen, bessere Arbeitsergebnisse bringen. Hemmersbach arbeitet in einem der größten Architekturbüros Dänemarks, PLH, das damit wirbt, durch die Kraft von Architektur, strategischen Denkens und gutem Design positive Veränderungen zu schaffen.

Thore Hemmersbach ist überzeugt davon, dass die Zeit konservativer, rein funktional gestalteter Büros endgültig vorbei ist und Investoren wie Architekten das Bürogebäude neu erfinden müssen. „Junge Fachkräfte erwarten von ihrer Arbeitsumgebung dieselbe Qualität, die sie aus anderen Lebensbereichen kennen – das erfüllen viele klassische Bürogebäude heute nicht mehr“, sagt der 33-jährige. Gute und hochwertige Architektur sei heute ein Entscheidungskriterium für junge Menschen, welchen Job sie wählen – und für Unternehmen ein Instrument, um Mitarbeiter von sich zu überzeugen.

Marcel Becker (von links), Inhaber des Unternehmens „Apo vid“, ist einer der ersten Mieter im Woodstocx. Daneben: Jürgen Büllesbach vom Immobilieunternehmen Opes  und Architekt Thore Hemmersbach.Marcel Becker (von links), Inhaber des Unternehmens „Apo vid“, ist einer der ersten Mieter im Woodstocx. Daneben: Jürgen Büllesbach vom Immobilieunternehmen Opes  und Architekt Thore Hemmersbach. (Foto: Claus Schunk)

Er fragt: „Wo wollen wir hin?“, und hat auch gleich die Antwort darauf parat: „Wir wollen den besten Arbeitsplatz bieten.“ Es gehe um die Vision, wer wir sein wollen und zugleich solle Marke und Identität widergespiegelt werden. In Dänemark gebe es zudem die Bestrebung, die Menschen aus dem Homeoffice zurück an den Arbeitsplatz zu holen.  „Gesellschaft funktioniert nur, wenn Menschen zusammenkommen. Die Leute müssen sich in die Augen schauen, um Probleme zu lösen“, sagt der Architekt.

Die Bürogebäude so zu gestalten, dass sie für die Mitarbeiter als hyggelig empfunden werden, nennt sich auch „New Work“, und nach Ansicht der dänischen Architekten sollen diese modernen Arbeitswelten, die die Bedürfnisse der Mitarbeiter nach Flexibilität, Selbstbestimmung und Sinnhaftigkeit erfüllen. Für Hemmersbach bedeutet das auch: „Wir müssen die Funktionen einer Stadt in das Bürogebäude reinplanen, also den Ruderklub, die Sauna, das Café, das Fitnessstudio, den Badesteg, den Dachgarten und die Bürgerküche“, nennt er Beispiele von großen Projekten in Dänemark.

Einen Badesteg wird es im Woods in Oberhaching zwar nicht geben. Doch die Planer versprechen ein Bürogebäude der Zukunft, auch weil der Baustoff Holz eine schöne Optik, ein angenehmes Raumklima und eine motivierende Atmosphäre schafft und so den Wohlfühlpegel ansteigen lassen soll.

Opes lässt sich diese Holzbauweise etwas kosten, 15 Prozent mehr als herkömmliche Bauten, teilt das Unternehmen mit. Die Immobiliengruppe managt seit 1989 die Immobilienaktivitäten der Familie Thiele. Der 2021 verstorbene Unternehmer Heinz Hermann Thiele schuf nicht nur den Weltkonzern Knorr-Brem­se, sondern hatte nach Auskunft von Opes auch eine Leidenschaft für Architektur und Städtebau.

So soll das „Woods“ in Oberhaching auch äußerlich kein Allerwelts-Gewerbebau werden. Im Rathaus erhofft man sich einen echten Hingucker, wenn man sich von Grünwald aus von Westen der Gemeinde im Hachinger Tal nähert. „Und das hat nichts mit der Ortsgestaltungssatzung zu tun“, sagt Oberhachings Wirtschaftsförderer Alexander Maierhöfer. Denn die gelte ja nicht in Gewerbegebieten. Gleichwohl er überzeugt ist, dass dieser moderne Holzbau, der sich in drei Flügel gliedert, die Gemeinde am Ortseingang schmücken werde. „Erkennbare Architektur, die nicht im Münchner Allerlei untergeht“, begründet Opes-Geschäftsführer Büllesbach die Pläne.

Holz ist überall präsent im Woodstocx in Oberhaching. Das verrät allein schon der Name.Holz ist überall präsent im Woodstocx in Oberhaching. Das verrät allein schon der Name. (Foto: Claus Schunk)

Die Architekten legen Wert auf die Materialien und auf Licht, aber auch darauf, dass die Gebäude Raum für ganz unterschiedliche Funktionen bieten: Austausch, Kreativität, Konzentration, Meetings, Workshops – und das alles sowohl in Präsenz als auch zugeschaltet. Die drei Flügel des Woods sollen unterschiedliche Raumkonzepte ermöglichen, traditionell gegliederte Büroeinheiten genauso wie offene, kommunikative Arbeitslandschaften oder flexible Kombinationen. Jede Fläche lässt sich individuell an die Bedürfnisse des Nutzers anpassen, der das gesamte Gebäude, nur einen Flügel, ein Stockwerk oder auch nur ein Drittel eines Flügels mieten kann. „Auch Flexibilität ist Nachhaltigkeit, weil man sich laufend verändern kann“, sagt Architekt Hemmersbach.

Anfang 2019 hatte sich die Immobiliengruppe für den Standort Oberhaching und den Bau ihres Prototyps „Woodstocx“ entschieden. Auch, wie Büllesbach sagt, „weil in Oberhaching die Genehmigungen neun Monate dauern und wir in München-Moosach sei neun Jahren auf einen Bebauungsplan warten.“ Einer der Mieter des ersten Oberhachinger Holz-Bürohauses ist Marcel Becker, Inhaber des Unternehmens „Apo vid“. Er sagt: „Holz ist spürbar.“ Und er schätzt die Gemeinschaftsarbeitsplätze, um Ideen zu entwickeln. „Im Büro sind die Leute relativ entspannt. Das Gefühl, das das Gebäude vermittelt, überträgt sich auf die Mitarbeiter.“

Geplant hatte das Woodstocx allerdings noch ein Architekturbüro aus Vorarlberg. Seit 2020 ist OPES nun auch in Kopenhagen tätig, hat dort eine Immobilie erworben, Büllesbach dort die Einstellung zu Wohlbefinden, Zufriedenheit, Freude und Inspiration kennengelernt. Er bestätigt dem Dänen Hemmersbach: „Bei euch ist es etwas anders als bei uns. Die gesellschaftliche Atmosphäre ist partnerschaftlicher als bei uns aber sehr nah an dem hier.“ Im neuen Woods werden die Büroeinheiten um den zentralen Bereich angeordnet, Terrasse oder einen Balkon haben und durch Lichthöfe mit Tageslicht versorgt. Ein skandinavisches Atrium über drei Geschosse mit einer gewundenen Holztreppe soll vermitteln: Schön, hier zu sein. Hemmersbach findet: „Das ist Hygge in Perfektion.“