Kiel. Am Anfang war der Raum. Und die Herausforderung, ein Bühnenbild zu finden, dass die große Enge auf einem kleinen Boot vermittelt. Das ist die Kulisse für das Stück „Der blinde Passagier“ von Maria Lazar, das Regisseur und Bühnenbildner Malte Kreutzfeldt derzeit am Kieler Schauspielhaus in Szene setzt. Ein Fundstück aus dem Nachlass der lang vergessenen Wiener Schriftstellerin (1895-1948), 2022 in England entdeckt und im Mai 2025 am Schauspiel Düsseldorf mit großem Erfolg uraufgeführt.
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Die Geschichte, 1938 oder 1939 kurz vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, könnte auch einfach ein Krimi sein, mit dem Geflüchteten, den das dänische Paketschiff von Kapitän Petersen außer Landes zu schmuggeln versucht. Wäre der blinde Passagier nicht Jude und das Land, das er verlassen muss, nicht Nazi-Deutschland. So wirft die Rettungsaktion auf dem Boot schnell Fragen nach Haltung und Moral auf, die die Besatzung von Kapitän, Sohn, Tochter und Schwiegersohn in spe ganz unterschiedlich beantwortet. Und die eingespielte Gemeinschaft zusehends auseinandertreiben.
Das Allgegenwärtige im Stück „Der blinde Passagier“
„Darin entdeckt man einen enorm dicht geschriebenen Text, der auf verstörende Weise aktuell ist“, sagt Malte Kreutzfeldt. „Es gibt Zeilen darin, die einen so wach machen, für das, was in unserer Gegenwart passiert.“ Und die sich mühelos auch auf die Geschichten heutiger Geflüchteter projizieren lassen. „Das ist ein allgegenwärtiges Thema“, so der Regisseur. „Und über dem Abend steht ganz groß das Wort Zivilcourage. Als zeitloses Pendel, das für jede Generation neu schwingt.“
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Die psychologisch-naturalistische Spielweise, die Lazars Text suggeriert, erscheint dem Regisseur dafür als Zugang im Theater Kiel genau richtig. „Man muss als Publikum erleben können, was passiert. Und die Akteure müssen die Figuren auf der Folie ihres heutigen Seins entwickeln“, sagt er. Eine Nähe zum Stoff, vor der sich Kreutzfeldt auch ein wenig gefürchtet hat.
„Lazar hat beinahe archaische Figuren entworfen, die ganz unmittelbar aus dem Erleben geschrieben sind. Es gibt auf sie keine Draufsicht“, sagt auch Dramaturg Jens Paulsen und verweist dazu auf die Biografie der Autorin. Maria Lazar war als Wiener Jüdin und überzeugte Sozialdemokratin selbst aus Furcht vor den Nazis schon 1933 ins dänische Exil gegangen – zusammen mit Bertolt Brecht und Helene Weigel.
Theater Kiel: Regisseur Kreutzfeldt setzt in der Inszenierung auf Purheit
Darum, das Stück in der Inszenierung „naturalistisch zu illustrieren“, geht es dem Regie-Team bei all dem nicht. „Es muss pur sein”, so Malte Kreutzfeldt. „Das Drama hat mit sechs Personen eine kleine Personage, spielt in großer räumlicher Beschränkung, hat keine Ortswechsel, keine theatrale Überhöhung. Da darf es gar nichts an Effekten geben. Und die Bühne muss einfach den Raum frei machen für die Konflikte im Stück.“
Es gibt Zeilen im Stück, die einen so wach machen für das, was in unserer Gegenwart passiert.
Malte Kreutzfeldt
Regisseur
Die Taue und Poller, die anfänglich noch im Spiel waren, sind längst herausgeflogen. Es gibt kein Video, keine eigene Musik diesmal – anders als in Kreutzfeldts Umgang mit den großangelegten, epischen Stoffen, die er häufig bearbeitet, in Kiel etwa von „The Black Rider“ und „Maria Stuart“ bis „Reineke Fuchs“ und zuletzt David Bowies Musical-Vermächtnis „Lazarus“.
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Diesmal geht es dem Theatermacher eher darum, den großen Saal für die Beschränkung auf dem Boot tauglich zu machen. „Mittlerweile spielen wir auf vier Quadratmetern“, sagt er; in einem Raum, der mit Schiffsversatzstücken ebenso spielt wie mit der Idee eines Boxrings: „Das Stück braucht eine gewisse Konkretheit, aber keine örtliche Festlegung.“ Auch auf eine Historisierung haben Kreutzfeldt und Kostümbildnerin Katharina Beth in der Ausstattung verzichtet. Die Realität der Nazi-Zeit soll über das Radio hereinbrechen.
„Am Ende ist das Stück für mich ein Kaleidoskop, das im Verlauf der Proben immer vielschichtiger geworden ist“, sagt Malte Kreutzfeldt, „und eine extrem private Geschichte. Deshalb wird darin das Politische auch so laut.“
„Der blinde Passagier”: Premiere im Schauspielhaus, Fr. 16. Januar, Restkarten unter Tel. 0431/901901. Weitere Vorstellungen 17., 28., 30. Januar.
KN