München kennt seit Jahrzehnten die Rivalität zwischen den Sechziger-Fans und denen des FC Bayern München, die bis zu übelsten Beschimpfungen reicht: „Lieber TBC als FCB“. Das ist aber durchaus nichts Neues, so etwas gab es schon in der Antike, Stichwort: Gladiatoren. Die von ihnen praktizierten, blutigen und öfter aber nicht immer tödlich endenden Kampfshows kannten zwei verschiedene Fanclubs, die „Parmularii“ und die „Scutarii“. Das waren die Anhänger der entweder mit kleinem oder mit großem Schild kämpfenden Unterhaltungskünstler, was die Gladiatoren nach römischem Verständnis waren.
Die Tifosi bei deren Shows waren fanatisch und wurden gern handgreiflich. So 59 n. Chr. in Pompeji, da steht das erste aus Stein gebaute Amphitheater: Tote, Verletzte, Straßenkampf. Der an Bürgerkrieg gemahnende Vorfall wurde von Tacitus beschrieben und ist auch in einer berühmten Wandmalerei in Pompeji dokumentiert, die die Münchner Sonderausstellung „Gladiatoren – Helden des Kolosseums“ in der Archäologischen Staatssammlung München als Replik zeigt.
Es wurden bisher nur 62 Ausrüstungsstücke von Gladiatoren gefunden, dazu gehört dieser Helm, den das Nationalmuseum Neapel nach München ausgeliehen hat. (Foto: Rógvi N. Johansen)
Mit dem Ende Roms verschwanden nach mehr als 500 Jahren auch die Gladiatorenkämpfe, der letzte ist für 435 belegt. Doch kein Phänomen der römischen Antike ist heute so populär und so bekannt und so beliebt wie die Gladiatoren, über die jede und jeder sich bestens informiert glaubt durch Filme wie „Gladiator“ oder „Spartacus“. Aber wie sah die Wirklichkeit dieser Kämpferkaste aus?
Diese Wirklichkeit, wie sie sich aus den spärlichen Fundstücken und Texten rekonstruieren lässt, versucht die Schau „Gladiatoren – Helden des Kolosseums“ zu enträtseln. Mit zahlreichen Lesetafeln und Originalstücken, viel aus Neapels Archäologischem Museum, wie Helmen, Beinschienen, Miniaturbildern, chirurgischen Instrumenten, Geschirr und einem immersiven Raum, in dem heutige Gladiatorenfans sich fühlen dürfen wie seinerzeit mitten im lärmenden Kampfgetümmel. Kuschelig war dieses Volksvergnügen ganz und gar nicht.
In Rom veranstaltete der Kaiser höchstpersönlich die Kämpfe, ein eigenes Ministerium war dafür zuständig. Denn Gladiatoren führten dem Publikum die auf Drill basierenden Tugenden des römischen Militärstaats vor, die Show war staatstragend. Vespasian ließ für diese ausnehmend beliebten Kampfshows dann das 188 Meter lange und noch heute imponierende Kolosseum aus Stein errichten, unten saßen die Reichen, oben das Prekariat. Der Kaiser finanzierte diesen Prunk- und Protzbau durch den aus Jerusalem geraubten Tempelschatz.
Das Kolosseum fasste 50 000 Fans und war ein Volksparlament, die Menschen konnten den Politikern und selbst dem Kaiser zu verstehen geben, was sie von ihnen und der Politik hielten. Neben dessen Minireplik gleich zu Beginn der Schau wirkt die kleinere des schlicht aus Holz gebauten, nur 45 Meter langen und für 500 Fans ausgelegten Amphitheaters bei Künzing 12 an der Donau vor allem eines: provinziell.
In eigens gebauten Arenen überall im römischen Reich traten die Kämpfer gegeneinander an. (Foto: Stefanie Friedrich/Archäologische Staatssammlung)
Überall traten im römischen Reich die Gladiatoren in solchen Arenen auf, sie wurden jenseits von Rom privat organisiert und waren kostspielig. Die Ausrüstung der Kämpfer wog bis zu 20 Kilogramm, Originale ihrer Helme, Beinschienen, Dolche, Schwerter und Spieße sind ausgestellt. Repliken der Helme darf sich das Publikum aufsetzen – um sich zu wundern, wie man mit solch einem schweren Klotz auf dem Kopf überhaupt aufrecht gehen soll, ganz zu schweigen von kämpfen.
Aber die Gladiatoren, meist Kriegsgefangene, Sklaven, Verbrecher und nur manchmal Freiwillige, übten täglich hart, lang und mit militärischem Drill für ihre Schaukämpfe, bei denen etwa jeder Zehnte starb. Kaum einer der Kämpfer wurde reich, sie wurden aber sorgsam umhegt, es gab vegetarische Nahrung (Bohnen, Gerstenschleim, einen Energydrink aus Knochenasche), medizinische Versorgung und Unterkunft, es winkten Geldprämien bei einem Sieg, Freilassung.
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Jeder Kämpfer war ein muskelbepackter, von Frauen umschwärmter Superstar, dessen Fettschicht ihn vor Verletzungen schützte. Das Risiko zu sterben war immer präsent. Eine Gewandschließe zeigt eine zentrale Szene en miniature: Ein Kämpfer ist zu Boden gegangen und bittet den Sieger per Handzeichen um Gnade. Ob sie ihm gewährt wurde? Kaum einer der Gladiatoren wurde älter als 30 Jahre, ihre Skelette zeigen häufig, wen wird es wundern, Schädelverletzungen.
Gladiatorenkämpfe waren Teil eines Volksfests, das einen Tag lang dauerte und bei dem immer Blut vergossen wurde
Erst ziemlich gegen Ende der Ausstellung, nachdem man den vier gängigen Kämpfertypen in Form von lebensgroßen Puppen sowie ihren Waffen, Schilden und Schutzvorrichtungen begegnet ist, wird erzählt, dass Gladiatorenkämpfe nur Teil eines Volksfests waren, das einen Tag lang dauerte und bei dem immer Blut vergossen wurde: Zuerst ein Umzug mit Elefanten, VIPs, Akrobaten und den Akteuren, dann Tierkämpfe, mittags Hinrichtungen von Verbrechern per Kreuzigung, Verbrennung oder Zerfleischung durch Tiere. Und dann die Gladiatoren.
Für heutige Menschen, die in der Regel schon Stierkämpfe als barbarisch empfinden, dürften diese Spektakel ganz sicher nicht das Richtige gewesen sein. Sie waren aber für die ständig andere Völker bedrohende und deshalb auch ständig selbst bedrohte Militärmacht Rom das ideale Mittel, um auf die Grundlagen des Staats zu verweisen, der sich in der Kaiserzeit als wehrhafte, waffenstarrende und immer zum Kampf entschlossene Diktatur verstand. Besonders sympathisch wirkt diese staatlich gelenkte Unterhaltungsbranche nicht und nach dieser Ausstellung sieht man die Gladiatorenfilme dann sehr viel skeptischer.
„Gladiatoren – Helden des Kolosseums“ in der Archäologischen Staatssammlung München, bis 3. Mai 2026, kein Katalog
