„Alles, was in der Gesellschaft passiert, bildet sich zuallererst am Bahnhof ab. Die Bahnhofsmission ist sowas wie der Seismograf der Gesellschaft“, sagt Swetlana Berg (60). Seit 2007 leitet sie die ökumenische Hilfseinrichtung der Diakonie am östlichen Ende der Gleise 2-5. Gar nicht so leicht zu finden – trotzdem klingeln hier täglich dutzende Menschen an der Tür: „Das sind unsere Gäste. Wir bitten sie hinein und fragen, was wir ihnen Gutes tun können.“ Und so unterschiedlich wie die Gäste sind auch ihre Nöte.

Geschichte wiederholt sich: Menschenfänger am Dortmunder Hauptbahnhof
Gegründet wurde die Dortmunder Bahnhofsmission im Jahr 1900. Damals boomte die Industrie, viele Menschen kamen vom Land in die Stadt, um Arbeit zu suchen – auch junge Frauen und Mädchen. Doch wo die Industrie boomt, boomt auch das Rotlichtmilieu: Männer fingen Frauen damals mit falschen Versprechen an den Bahnhöfen ab und zwangen sie in die Prostitution. Um die Ankommenden stattdessen in sichere Arbeitsverhältnisse zu leiten, wurde die Dortmunder Bahnhofsmission ins Leben gerufen. „Damals haben die am Bahnhof wohl richtige Wettrennen gemacht, wer schneller an der Frau ist“, schildert Swetlana Berg beim Besuch unserer Redaktion.
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An diese historische Szenerie fühlte sich Swetlana zu Beginn des Ukraine-Konfliktes schmerzlich erinnert: „Männer kamen zum Hauptbahnhof und behaupteten, sie hätten Wohnraum, könnten jemanden mitnehmen. Die Frauen wollten sie sich dann aber unbedingt selbst aussuchen.“ Einmal seien ihr bei einem Rundgang durch die Bahnhofshallen zwei Frauen aufgefallen, die bitterlich weinten. Auf Nachfrage habe sie erfahren, dass ein Dortmunder der 20-Jährigen und ihrer Mutter offenbar ein Zimmer angeboten hatte, sie sogar instantan zum Bürgeramt gebracht und bei sich angemeldet hatte. Die Unterkunft entpuppte sich dann jedoch als Einzimmerwohnung, in dessen Mitte ein XXL-Bett stand. „Wir sind jetzt eine Familie und ihr gehört mir jetzt, wir schlafen alle in einem Bett“, habe der Mann laut Swetlana zu den Ukrainerinnen gesagt. Den Frauen gelang die Flucht und sie begaben sich zum einzigen Ort, den sie in Dortmund bereits kannten: dem Hauptbahnhof. Die gut vernetzte Einrichtungsleiterin habe ihnen schnell eine sichere Unterkunft in einer Kirchengemeinde organisieren können.

Berüchtigtes Pflaster: Der Hauptbahnhof in Dortmund, sein Vorplatz und die Nordstadt in seinem Rücken gelten als Hotspot der Gewaltkriminalität.
© FUNKE Foto Services | Socrates Tassos
Swetlana Berg stammt ursprünglich aus Kasachstan, spricht fließend Russisch. Das habe sich schnell herumgesprochen, immer mehr Ukrainerinnen seien mit Hilfegesuchen zu ihr in die Bahnhofsmission gekommen: „Irgendwann konnte ich meine eigentliche Arbeit nicht mehr erledigen. Deshalb entstand die Idee, dass wir jeden Mittwoch ab 13 Uhr ein Erzählcafé für die Ukrainerinnen einrichten.“ Die Frauen würden sich dort inzwischen vor allem gegenseitig mit Briefen und Anträgen helfen: „Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe.“
Die Bahnhofsmission als Reise- und Rückkehrhilfe
Eine ebenfalls stark vertretene Nationalität unter den Gestrandeten sei Polen. Oft Männer, die eigentlich zum Arbeiten kamen, was aus verschiedensten Gründen dann aber in der Obdachlosigkeit endete. In solchen Fällen würde die Bahnhofsmission den Kontakt zum Dortmunder Projektverbund „Willkommen Europa“ herstellen oder gleich mit einem Rückfahrticket in die Heimat aushelfen. Diese Hilfsleistung werde selbstverständlich auch innerhalb von Deutschland angeboten. Was jedoch nicht gehe, seien Familienausflüge auf Kosten der Diakonie: „Wir prüfen da schon den Bedarf“, betont Swetlana. Doch auch, wer sich unsicher fühlt, sich wegen Einschränkungen nicht gut zurechtfindet oder Umsteigehilfe braucht, kann die Bahnhofsmission vorab kontaktieren und wird entsprechend unterstützt.
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„Die Bahnhofsmission ist für alle Menschen da, die am Bahnhof Hilfe brauchen“, so Swetlana. Diese suche man im Rahmen der Präsenzdienste auch gezielt auf oder spreche hilflos wirkende Reisende bei regulären Rundgängen an. Die Mitarbeitenden seien an ihren blauen Westen leicht zu erkennen und würden gerne angesprochen – sei es auch nur wegen des kürzesten Weges zum richtigen Zug.

Ehrenamt zwischen Empathie und Selbstschutz
„Ich bin fast 20 Jahre jeden Tag mit dem Zug gefahren, daher sind mir die Mitarbeiter in den blauen Westen immer vor Augen gewesen“, sagt Sozialarbeiter Jürgen Fuchs (67). „Als ich vor drei Jahren in Rente ging, suchte ich mir eine ehrenamtliche Tätigkeit, die einen Bezug zu meinem Leben, zu meiner Lebenseinstellung hat.“ In dem 56-köpfigen Team leitet er den Einsatz der vielen Ehrenamtlichen. Diese übernehmen pro Woche bis zu zwei Dienste à drei Stunden, nachdem sie an verschiedenen Trainings teilgenommen haben. Dazu gehören mitunter Schulungen zum Thema Deeskalation, Gesprächsführung, Resilienz und Selbstschutz.

Student Sven D. übernimmt ehrenamtlich Dienste bei der Dortmunder Bahnhofsmission.
© Funke Medien NRW | Tom Hoops
Bei Letzterem spielen auch die blauen Westen eine wesentliche Rolle: „Mir hilft, dass wir Arbeitskleidung haben. Beratungsgespräche – besonders, wenn die Stimmung kippt – finden nicht mit mir als Privatperson statt, sondern mit der Weste“, sagt der ehrenamtliche Helfer Sven D. (34). Der Soziologie-Student hat einige Situationen, die Bahnhofsmission-Gäste durchmachen, in seiner Jugend selbst erlebt: „Ich war mal obdachlos und habe damals sehr viel Hilfe bekommen. Auf diese Art und Weise will ich ein bisschen was zurückgeben.“ Auch für sein Studium sei dieses Ehrenamt sehr wertvoll: „Man ist direkt am Sozialraum Bahnhof dran. Viele neue Entwicklungen, die für die Forschung interessant sind, kriege ich hier hautnah mit.“
An erster Stelle stehe aber stets die Selbstfürsorge, wie Chefin Swetlana Berg erklärt: „Das Schwierigste ist wohl, auszuhalten, dass wir nicht immer und allen Menschen helfen können.“ Die Bahnhofsmission versuche grundsätzlich, ihre Gäste so zu nehmen, wie sie sind: „Aber wir können den Moment, den sie bei uns verbringen, für sie etwas schöner machen. Und das trägt zu gegebener Zeit dann auch Früchte.“