Eine Ausstellung in Stuttgart behandelt die Erfahrungen italienischer „Gastarbeiter“. Wie blicken deutsch-italienische Jugendliche auf die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern?
Luca Perazzotti lauschte schon immer gerne den Anekdoten seines Großvaters. Von Opa Giuseppe erfuhr der 17-Jährige, wie es damals gewesen sei mit dem Ankommen in Deutschland: die fremde Kultur, „Italiener verboten“- Schilder in Restaurants – aber auch die Hoffnung auf ein neues Leben.
Viele der Erzählungen hielt Perazzotti lange Zeit für nicht gerade wirklichkeitsgetreu. „Ich dachte, Opa hätte das meiste davon erfunden“, sagt der Jugendliche. Doch spätestens seit dem Besuch einer Ausstellung im Hauptstaatsarchiv Stuttgart weiß er: „Opas Geschichten sind tausendfach so passiert.“
Aufbruch ins Ungewisse, Ankunft in Stuttgart
Die Schau handelt von dem vor gut 70 Jahren beschlossenen deutsch-italienische Anwerbeabkommen. Hunderttausende Menschen wie Luca Perazottis Großvater wanderten ab 1955 vor allem aus dem armutsgeplagten Süden Italiens nach Baden-Württemberg und speziell in die Region Stuttgart aus. In der neuen Heimat leisteten sie einen gewichtigen, aber oft übergangenen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik.
Am Beispiel des ehemaligen CDU-Arbeitsministers Anton Storch zeigt die Ausstellung: Schon in den 1950er-Jahren gab es Migrationsgegner. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Anhand von historischem Material veranschaulicht die Ausstellung die Lebensumstände derer, die damals als „Gastarbeiter“ bezeichnet wurden. Da ist zum Beispiel ein Lederkoffer, mit dem ein Italiener einst ins Ungewisse aufbrach. Oder Fotos der Barackensiedlungen, in denen deutsche Unternehmen teilweise ihre ausländischen Arbeitskräfte unterbrachten.
Geschichte der „Gastarbeiter“ in Baden-Württemberg
Luca Perazzotti hat sich die Ausstellung zusammen mit dem Italienisch-Kurs der elften Klassen am Königin-Katharina-Stift Gymnasium (KKS) angeschaut. Die Lehrerin des Kurses: Perazzottis Mutter Jasmin Casuccio. Die 46-Jährige legt großen Wert darauf, mit ihren Schülerinnen und Schülern über das Thema Migration zu sprechen „Eine Führung durch die Ausstellung war für uns deshalb Pflichtprogramm“, sagt sie.
Zumal viele der Jugendlichen in Jasmin Casuccios Klasse einen familiären Bezug dazu haben. So etwa die 16-Jährige Gina Faul, deren Mutter ihre italienische Heimat in den 1980er-Jahren verließ. Doch mit den historischen Hintergründen habe sie sich bislang kaum befasst, sagt Faul. „Ich wusste nicht, dass allein nach Baden-Württemberg mehr als 200.000 Menschen aus Italien gekommen sind.“ Nun wolle sie mehr über deren Geschichten erfahren.
Migration heute
Sara Montana Lampo hat sogar selbst erlebt, wie es ist, sich als italienisches Kind plötzlich in einem neuen Land zurechtfinden zu müssen. Vor neun Jahren siedelte sie mit ihrer Familie nach Stuttgart über. Heute, als 19-Jährige, kommt ihr vieles in der Ausstellung bekannt vor. „In Süditalien gibt es noch immer wenig Arbeit, das ist wie damals“, sagt sie beispielsweise.
Für sie dagegen überraschend: die Bilder von den deutschen Barackensiedlungen der Zugewanderten in den 1950er- und 1960er-Jahren. „Das hat mich schockiert, dass die Menschen damals in so kleinen Häusern aus Holz leben mussten.“ Montana Lampo geht eigentlich auf die Schickhardt Gemeinschaftsschule, besucht aber den Italienisch-Kurs am KKS. Genauso wie Christian Enea, dessen Familie ebenfalls erst in seiner Jugendzeit nach Deutschland auswanderte. Der 18-Jährige erinnert sich noch gut an die sprachlichen Probleme zu Beginn: „Ich konnte erst einmal mit niemandem reden, das war schwer.“
Ein italienischer Opa und sein Stuttgarter Enkel
Auch Luca Perazzottis Großvater Giuseppe Casuccio stand zunächst alleine da. Er hatte sich Ende der 1950er-Jahre keinen Anwerbevertrag sichern können. Nachdem er auf eigene Faust ins französische Metz gereist war, fand er dort kein deutsches Unternehmen, das ihn ohne offizielle Arbeitserlaubnis aufnehmen wollte. In der Not sprang ihm ein anderer Italiener bei, der zu diesem Zeitpunkt bereits in Mannheim lebte. Er lud Casuccio in sein Auto ein und nahm in mit über die Grenze. Aus den beiden Männer wurden bald dicke Freunde.
Der sogenannte Gastarbeiter als Kunstfigur. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
In Mannheim angekommen, hangelte sich Casuccio von Baustellenjob zu Baustelllenjob. „Er hat sich langsam hochgearbeitet“, sagt Luca Perazzotti. Nach fünf Jahren dann allerdings ein Schicksalsschlag: Bei einem schweren Autounfall starb der Freund, dem Casuccio so viel zu verdanken hatte. Er selbst wurde dabei selbst schwer verletzt.
Daraufhin habe sein Opa noch einmal komplett neu anfangen müssen, weiß Luca Perazzotti. „Später hat er dann meine Oma kennengelernt – und meine Mutter ist entstanden.“ Die junge Familie tat das, was für die „Gastarbeiter“ ursprünglich nicht vorgesehen war: Sie blieben in Deutschland – ebenso wie Hunderttausende andere Italiener, Türken, Griechen. Ein Gewinn für die neue Heimat, wie die Ausstellung im Hauptstaatsarchiv deutlich macht. Luca Perazzotti hält diese Botschaft aktuell für enorm wichtig. Er sagt: „Bei den damaligen Migrationserfahrungen sehe ich viele Parallelen zu heute.“ Auch deshalb hört und erzählt er noch immer gerne Geschichten wie die seines Opas.