Das Koks, der Block, die Schlampe – Aykut Anhan alias Haftbefehl bellt die Schlagworte seines Stammvokabulars heraus, als gelte es, eine To-Do-List abzuhaken. Zügig geht es weiter mit einem Drogentoten, Stromausfall, Verbrechern und Geballer. Dazu knallen die Trap-Beats ordentlich aus den Boxen. Mit jeder Sekunde seiner neuen Single „Syndrom Stockholm“ signalisiert der Offenbacher Rapper: Ich habe es noch drauf! Hört mir zu!
Der Song ist der vorläufige Höhepunkt von Haftbefehls Comeback, das er stufenweise nach der Veröffentlichung der Netflix-Doku „Babo – Die Haftbefehl Story“ im Herbst gestartet hat. War wochenlang vor allem über seinen dort gezeigten drogenbedingten Verfall geredet worden (die Nase!), lenkte er die Aufmerksamkeit in der Folge geschickt auf die eigenen Aktivitäten.
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Damit will er beweisen, dass er die Kontrolle über sein Leben zurückgewonnen hat: Er trat bei einer Reihe kleinerer Shows auf, kündigte dann Konzerte in großen Hallen an und bringt nun auch wieder Musik abseits von Feature-Auftritten heraus.
So erschien im November das knapp zweiminütige „Dünya Garip“, das vollständig auf Türkisch gehalten ist. Mit Autotune-verzerrter Stimme steigert sich Haftbefehl zu einem schnellen Akustikgitarren-Arpeggio, wehmütigen Streichern und einem reduzierten Beat in eine verzweifelte Klage über die titelgebende „seltsame Welt“ hinein. Er singt von Geldgier, einer vergifteten Jugend, Angst, Bedrohung und einem Bruder, der seine Heimat vermisst.
Ganz ohne Rap-Part zeigt das Stück Haftbefehl von einer neuen Seite. Insgesamt wirkte es aber mehr wie eine Skizze, eine Fingerübung mit dem neuen Produzentenduo, dessen Name Oddworld vielleicht nicht zufällig nah an die englische Übersetzung von „Dünya Garip“ herankommt. Oddworld besteht aus den Düsseldorfern Alexis Troy und Minthendo, die zuletzt unter anderem für Eli Preiss, Anaïs, Makko oder Souly gearbeitet haben und nun auch für „Syndrom Stockholm“ verantwortlich sind. Und sie machen ihre Sache gut, erweisen sich als würdige Nachfolger von Bazzazian, Haftbefehls einstigem Stamm-Produzenten.
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Im Intro stellen sie ein leicht leierndes Streichermotiv und schepperige Glockenschläge vor, die den gesamten Song durchziehen. Das erzeugt zusammen mit den grollenden Beats eine unheilvolle Atmosphäre und klingt angemessen dreckig. Das Stück ruft die Erinnerung an Haftbefehls große Zeit in den Zehnerjahren wach, als er mit „Chabos wissen, wer der Babo ist“ bekannt wurde und mit dem Album „Russisches Roulette“ (2014) zum König des deutschen Straßenraps aufstieg.
Um die wiedergefundene Form und die alte Härte zu betonen, rappt Haftbefehl in einem extrem aufgekratzten Aggro-Flow. Im Video ist eine gewalttätige Konfrontation einer Polizeieinheit mit einer Menschengruppe aus einer Hochhaussiedlung zu sehen. Schlagstöcke, Feuer, Klopperei.
Wir sind von Grund auf Verbrecher/ Jungs aus der Drecksstadt.
Haftbefehl in „Syndrom Stockholm“
Haftbefehl geht in dem etwas mehr als zweiminütigen Stück auf Nummer sicher und blendet alles aus, was sich inzwischen ereignet hat. Genügend neuen Stoff gäbe es ja, wie die Dokumentation gezeigt hat. Doch stattdessen erzählt der längst in einer Villa lebende Rapper noch einmal die alte Gangster-Mär vom Block und verfällt in seine alte Misogynie, wenn er die Zeilen „Schlampe, wohin? Warst du schon Stoff holen?“ an zentrale Stelle setzt.
Nina und Aykut Anhan auf dem roten Teppich des Special Screenings der Netflix-Doku „Babo – Die Haftbefehl Story“ in der Astor Film Lounge.
© IMAGO/BREUEL-BILD
Seiner Frau Nina kann das eigentlich nicht gefallen. Im Video-Podcast „Nina & Aykut“ von RTL+, der ebenfalls Teil des Haftbefehl-Comebacks ist, sagt sie, dass Schimpfwörter sie „komplett auf die Palme“ bringen. Aus dem Hintergrund stimmt die Tochter des Paares zu. Sie sollte „Syndrom Stockholm“ ohnehin besser nicht hören.
Der Songtitel bleibt rätselhaft, im Text bezieht sich Haftbefehl nie explizit auf das eigentlich als Stockholm-Syndrom bekannte Phänomen, das positive Gefühle für einen Peiniger beschreibt. Meint er die angesprochene „Schlampe“, die Koks holen soll? Oder alle „am Block“ gefangenen Elenden? Man kann sich ähnlich wie bei Rosalías „Berghain“ den Kopf darüber zerbrechen – hängen bleibt der Titel auf jeden Fall.
Klar ist nach den drei bisher veröffentlichten Podcast-Folgen immerhin, dass die nach der Netflix-Doku vielfach bemitleidete Nina Anhan nicht unter einem Stockholm-Syndrom leidet. Sie kommt als selbstbewusste Frau rüber, die gern von ihrer schönen Jugend erzählt und sich auch nicht scheut, ihrem Mann klare Ansagen zu machen. Zum Beispiel, dass er nach einem Konzert gefälligst nach Hause zu kommen habe, statt auf Partys abzuhängen.
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Ansonsten erfährt man wenig Neues über den Rapper, der sich mitunter wie ein älterer Herr anhört, wenn er etwa sagt: „Rap ist nicht mehr das, was er mal war.“ Das Geschäft habe sich komplett geändert. „Allein, dass alles digital geworden ist. Früher hatten wir schön die CDs“, sagt Haftbefehl, der zugibt, nicht mehr so viel Spaß am Rappen zu haben wie einst. Nostalgie klingt auch durch, wenn er von New York spricht, wohin er unbedingt einmal reisen möchte, weil es die Heimat von HipHop ist. Und die seiner Vorbilder Puff Daddy und Notorious B.I.G., dem er in „Syndrom Stockholm“ eine Zeile widmet.
Während des Video-Podcasts, der auch als Audioformat gehört werden kann, trägt Haftbefehl einen beigefarbenen Schal über dem unteren Teil seines Gesichts. Derzeit zeigt er sich ausschließlich in dieser Art. Natürlich auch im Video zu „Syndrom Stockholm“, in dem er eine schwarze Sturmmütze trägt. Das Versteckspiel ist schlaues Marketing, denn jetzt wartet die halbe Republik gespannt darauf, dass Haftbefehl endlich seine operativ wiederhergestellte Nase zeigt. Vielleicht dann bei der nächsten Single.