Die jahrzehntelange Teilung Berlins macht die Hauptstadt zum wohl größten, real erlebbaren Lernkosmos, wenn es um den Mauerfall, die DDR und SED-Diktatur geht. Auch deshalb kommt diese Verordnung des Bildungssenats überraschend: So ist die deutsche Teilung für Berliner in der gymnasialen Oberstufe künftig kein Pflichtstoff mehr. Das sorgt für viel Kritik. Zuerst hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtet.
Die DDR-Geschichte wird demnach nicht vom Lehrplan an Gymnasien in der Hauptstadt gestrichen. Doch Mauerfall und Co. stehen unter dem Punkt „Zeitgeschichte ab 1945“ erst im dritten Kurshalbjahr auf dem Lehrplan. Eine neue Verordnung sieht vor, dass Schüler das Fach Geschichte im dritten und vierten Kurshalbjahr nicht mehr unbedingt belegen müssen. Schüler können die Geschichte der DDR im Lehrplan also einfach umgehen.
DDR-Geschichte wird schon in der Mittelstufe in Berlin nur eine Stunde pro Woche gelehrt
Dementsprechend könnte die deutsche Teilung bei vielen Berliner Schülern nur noch in der Mittelstufe auftauchen, doch an dieser Stelle gibt es das nächste Problem. Die DDR-Geschichte wird in vielen Schulen nur eine Stunde pro Woche unterrichtet, aufgrund des enormen Lehrermangels oft sogar von fachfremden Pädagogen. „Bereits heute zeigt sich, dass die Beschäftigung mit der DDR-Geschichte in der Sekundarstufe I häufig zeitlich stark begrenzt ist und vielfach verkürzt stattfindet“, heißt es in einem offenen Brief des Verbands der Geschichtslehrer- und lehrerinnen Deutschlands.

Mehrfach soll der Berliner Verband der Geschichtslehrer gefordert haben, mindestens zwei Wochenstunden Geschichte einzuführen – vergeblich. Und nun also der nächste Beschluss, der die deutsche Teilung als „Kann, muss aber nicht“-Thema im Lehrplan der Oberstufe verortet.
Geschichtslehrer: „Auseinandersetzung mit Diktatur ist kein beliebig disponibler Stoff“
„Die Auseinandersetzung mit Diktatur, Teilung und demokratischem Neubeginn ist kein beliebig disponibler Stoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil historisch-politischer Bildung“, heißt es in dem Schreiben des deutschen Verbands der Geschichtslehrer und Geschichtslehrerinnen an Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU). Es sei nicht nachvollziehbar, dass ausgerechnet in Berlin zentrale Kapitel dieser Geschichte im Schulunterricht an Verbindlichkeit verlieren sollen.
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Die Pädagogen betonen zudem die Bedeutung Berlins deutscher Geschichte: „Berlin steht in einer besonderen historischen Verantwortung. Keine andere deutsche Stadt ist in vergleichbarer Weise mit den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts verbunden.“
Berlins Bildungssenatorin Günther-Wünsch reagierte zurückhaltend. Den offenen Brief habe man erhalten, „die darin angesprochenen Hinweise nehmen wir zum Anlass, den betreffenden Sachverhalt nochmals in den Blick zu nehmen“, sagte ein Sprecher gegenüber dem „Spiegel“.