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Nichtmedizinische Beschneidung bei Jungen im Säuglingsalter können gesundheitliche Risiken bergen.Bild: dpa / Fabian Strauch

Gesundheit & Psyche

Bei Amazon UK gab es Beschneidungssets für Babys frei erhältlich. Nach Todesfällen und schweren Komplikationen wächst in Großbritannien der Druck auf Politik und Online-Plattformen.

14.01.2026, 17:2714.01.2026, 17:27

Kathrin Martens

Folgen

Beschneidungen von Jungen sind in vielen Ländern Teil religiöser und kultureller Traditionen und in Großbritannien grundsätzlich legal. Gleichzeitig handelt es sich um einen medizinischen Eingriff, der Risiken birgt – insbesondere, wenn er außerhalb klar geregelter medizinischer Standards durchgeführt wird. Genau diese fehlende Regulierung rückt nun in den Fokus, nachdem in Großbritannien Beschneidungssets für Babys online verkauft wurden.

Auslöser ist der Tod des sechs Monate alten Mohamed Abdisamad. Der Säugling starb 2023 an einer Streptokokken-Infektion nach einer Beschneidung. Ein britischer Gerichtsmediziner warnte daraufhin eindringlich vor den Folgen einer kaum regulierten Praxis.

Beschneidungs-Set bei Amazon verspricht einfaches Verfahren

In seinem Bericht machte Dr. Anton van Dellen laut dem „Guardian“ deutlich, wie groß die Lücken sind: In England könne grundsätzlich jede Person eine nicht-therapeutische männliche Beschneidung durchführen – ohne Ausbildung, ohne verpflichtende Hygienestandards, ohne geregelte Nachsorge. Er betont, dass dringend gehandelt werden sollte, um weitere Todesfälle zu verhindern.

Recherchen des „Guardian“ zeigen, wie leicht der Zugang ist. Im Januar fanden die Journalist:innen sogenannte „Plastibell“-Beschneidungssets für rund 200 Pfund (circa 230 Euro) auf Amazon UK. Die Werbung versprach ein Verfahren ohne besondere Nachsorge, ohne Verbände und damit vor allem eines: Zeit- und Kostenersparnis. Ähnliche Produkte waren auch bei eBay erhältlich.

Dabei ist die Lage in Großbritannien kompliziert. Nicht-therapeutische Beschneidungen sind legal und Teil religiöser Traditionen. In Schottland können solche Eingriffe sogar vom staatlichen Gesundheitssystem übernommen werden – allerdings nur unter strengen medizinischen Bedingungen. In England, Wales und Nordirland hingegen finden sie meist privat statt.

In Deutschland hat der Bundestag 2012 entschieden, dass religiös motivierte Beschneidungen bei Jungen unter bestimmten Bestimmungen durchgeführt werden dürfen.

Wie der „Spiegel“ dazu berichtet, fällt unter das Beschneidungsgesetz in Deutschland die „Entfernung der Vorhaut, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst erfolgt.“ Voraussetzung ist eine Betäubung oder Narkose für das Kind sowie ausreichend Aufklärung der Eltern.

Beschneidungen in UK: Verbände wollen klare Regeln

In Großbritannien kritisieren Fachverbände und Religionsgemeinschaften die verworrene rechtliche Situation nun gemeinsam. Sie unterstützen die Forderung nach klaren Regeln und verbindlichen Standards. Andere gehen noch weiter: Die Aktivistin Rebecca Steinfeld fordert denselben rechtlichen Schutz für Jungen wie für Mädchen – denn weibliche Genitalverstümmelung ist in Großbritannien verboten.

Seit 2001 sind sieben Todesfälle von Minderjährigen bekannt, bei denen eine Beschneidung eine Rolle spielte. Gleichzeitig prüft die Staatsanwaltschaft inzwischen, Beschneidung rechtlich stärker als potenzielle Straftat einzuordnen – zumindest in Fällen mit schweren Schäden.

Der liberaldemokratische Lord Scriven bringt die Kritik auf den Punkt: Ein Tätowierer brauche eine Lizenz und ein steriles Studio, um arbeiten zu dürfen. „Aber jemand, der Genitalchirurgie an einem Baby durchführt, nicht.“