Die deutschen Seestreitkräfte stehen nach Auffassung der Marine-Führung vor gewaltigen Herausforderungen, zu deren Bewältigung sie noch nicht ausreichend in der Lage sind. Das geht aus der Lage- und Aufgabenbeschreibung des Inspekteurs der Marine hervor, die Vizeadmiral Jan Christian Kaack hervor, am Donnerstagabend veröffentlicht hat. Kaack beschreibt in dem Text „Meine Absicht 2026“, eine hoch angespannte Lage in Ost- und Nordsee, ständiges, provozierendes Verhalten russischer Einheiten, „die Allgegenwart von Drohnen zweifelhafter Herkunft“, Operationen „des Gegners“ die sich „entlang der Eskalationsschwelle“ bewegten, so der Admiral.

Defizite, mit denen der Inspekteur nicht zufrieden sein kann

Deutschland blicke, so seine Folgerung „konkreter denn je auf die Gefahr eines Krieges“. Russland abzuschrecken, mit physischer Stärke, „mentaler Resilienz“ und vor allem „mit dem unbedingten Willen zur Durchsetzung“ sei die Forderung der Zeit. Neben beeindruckenden Erfolgen bei Führungsbereitschaft, Übungsgeschehen und Präsenz gebe es aber, so Kaack, „nach wie vor Defizite, mit denen ich als Inspekteur nicht zufrieden sein kann“. Dazu zählt der oberste Vertreter der deutschen Seestreitkräfte in aller Offenheit die personelle Unterbesetzung und materielle Schwäche. Man stehe, so konstatiert Kaack, „ganz am Anfang eines langen Prozesses der Erneuerung.“ Wobei Kaack einräumt, dass es weiterhin Hindernisse und Hürden gebe, die selbst gemacht seien. Dazu zählt er, bei allem Lob, „noch zu viele, die sich abwartend im Prozess verlieren“.

Harmlosigkeit ist keine Strategie

Solches Verhalten, so hebt Kaack in beachtlicher Strenge hervor, untergrabe Abschreckung und Kampfbereitschaft. Für den Aufbau einer kampfstärkeren Flotte brauche es „die richtige Haltung“, fordert der Inspekteur und die dürfe sich nicht in Absichtserklärungen erschöpfen. Die Rahmenbedingungen, so ermutigt Kaack das zivile und uniformierte Personal, seien gut wie nie: Die Regierung fordere Kriegstüchtigkeit und ermögliche finanziellen Freiraum, die Gesellschaft stehe mehr als je zuvor hinter der Bundeswehr und ihrer Marine. Daher könne man er norm viel bewegen, „sehr viel mehr als wir glauben“. Es gelte: „Die Glaubwürdigkeit unserer Taten bestimmt unsere Fähigkeit zur Abschreckung“. Und: „Harmlosigkeit ist keine Strategie zur Kampfvermeidung“.

Kopflastige, komplizierte Struktur vereinfachen

Mit Zuversicht blickt Kaack auf den neuen Wehrdienst, der es der Marine ermöglichen soll, mehr Seeleute zu gewinnen, ja, zu begeistern. Jede Anstrengung hierfür sei eine Investition in die Zukunft und alle sollten sich beteiligen, Kaack spricht von einem „Allemannsmanöver“. In der Verteidigungsaufstellung der Bundeswehr insgesamt brauche es eine Marine, die klar und konsequent am den Kernauftrag ausgerichtet sei: „Der Verteidigung unseres Landes und unserer Bündnispartner“. Kaack selbst trägt dazu seit Anfang 2022 an der Spitze der Marine wesentlich bei und hat die Teilstreitkraft seither neu ausgerichtet. Dabei formuliert der erfahrene Offizier klare, fordernde Erwartungen und verlangt hohe und höchste Einsatzbereitschaft. Kaack, dem Pathos fremd ist, wird in weit über die Marine hinaus als sachlicher und effizienter Offizier geschätzt, dem es zudem gelungen ist, auch die internationalen maritimen Kooperationen mit den Ost- und Nordseeanrainer zu stärken und dabei Führung nicht zu scheuen. Ebenso wenig wie einen kritischen Blick auf die eigenen Fähigkeiten.

Die heutige Struktur der Marine sei „zu kopflastig, zu kompliziert“ und biete zu viele „Möglichkeiten der Verantwortung zu entziehen“, schreibt Kaack. Dem entgegen müssten Strukturen gestrafft und die Verantwortung des Einzelnen gestärkt werden und neue Systeme – etwa Drohnen Über- und Unterwasser – rasch in die Marine integriert werden. Abschließend versichert Kaack allen etwas 15.000 Soldaten und 1800 zivilen Mitarbeitern in der Marine, er „unterstütze jeden, der die Initiative ergreift – und ich werde mich vor Sie stellen, wenn es Gegenwind gibt und Fehler passieren“. Das Ziel sei es, gemeinsam eine neue Marine zu bauen, „damit wir unseren Enkeln nicht vom Krieg erzählen müssen“.