Es ist eine offene Wunde der Stadtgeschichte: 40.000 Zwangsarbeiter schufteten in Stuttgart während des Dritten Reichs. Viele starben. Nun werden diese Schicksale beleuchtet.
Zwangsarbeiter? Nie gesehen! Die Kinder, die von den Lagern im Stuttgarter Norden nach Kornwestheim marschierten, um Schuhe zu nähen? Nie gesehen! Den Sklavenmarkt im Hof des Alten Schlosses, wo die Zwangsarbeiter verteilt wurden? Nie gesehen! Die Brüder Adam und Petro Drosd aus der Ukraine, die bei Eckardt in Bad Cannstatt malochten; die Französin Genofeva Gac, die bei Hirth in Zuffenhausen Motoren baute; der acht Jahre alte Russe Jurik Fedotow, der in Weilimdorf im Lager gefangen war? Nie gesehen!
Die Gesellschaft wollte sich nicht erinnern
Alle vier starben sie in der Fremde. Verscharrt im Massengrab, wie tausende andere, die an Krankheit, Erschöpfung, Misshandlung, durch Kugeln, Stricke, Knüppel, Bomben starben. Damit man sie nicht sehen musste. Und den Stuttgartern das Vergessen leichter fiel. Lange, viel zu lange, hielt dieser Gedächtnisverlust an. Von gelegentlichem Aufflackern des Erinnerns gibt es bisher keine systematische Aufarbeitung der Geschichte der 40.000 nach Stuttgart verschleppten Zwangsarbeiter.
Das ändert sich nun. Aus den Stolperstein-Initiativen heraus ist der Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart entstanden. Und hat sich seit vier Jahren intensiv mit den Schicksalen der Menschen beschäftigt, ihren Schicksalen, ihren Geschichten, und den Orten, die davon künden. Und das sind weit mehr als man denkt.
Herzstück ist eine Karte, die sich vom 20. Januar an auf der Webseite zwangsarbeit-in-stuttgart.de findet. Sie lässt sich vergrößern. Und man kann hinein klicken. Auf ihr sind alle Informationen hinterlegt, die zu finden waren. Erstellt wurde sie von den Experten von Museumsmedien, gefördert mit 8000 Euro von der Stadt.
Bilder der amerikanischen Luftaufklärung: Markiert ist die Firma Hirth in Zuffenhausen. Die Fabrik ist links unter Tarnnetzen verborgen, rechts das Lager der Zwangsarbeiter. Foto: Nara
Doch lebt die Karte ja nur durch die Informationen. Und da hat das Team um Sonja-Maria Bauer, Norbert Prothmann, Inge Möller und Harald Stingele tief graben müssen. Es gibt einige Literatur, so hat etwa Daimler als erste deutsche Firma überhaupt das Kapitel Zwangsarbeit aufbereitet. 1994 erschien das Buch „Zwangsarbeit bei Daimler-Benz“. Die Firma beschäftigte 1932 9000 Menschen, 1943 fertigten 65.000 Menschen Rüstungsgüter. Die Hälfte davon Zwangsarbeiter.
Das Experten-Team wühlte sich durch Archive, Sterbeurkunden, Friedhofsakten, Adress- und Meldbücher, Luftbilder der Allierten sowie Hinweise und Aussagen von Stuttgartern und ehemaligen Zwangsarbeitern. Im Zuge der Entschädigungen durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ wurden 5,2 Milliarden Euro gezahlt. Dadurch meldeten sich viele ehemalige Zwangsarbeiter.
Dennoch nähert man sich nur langsam der Frage „Was waren das für Menschen?“ Die Deutschen wollten schnell vergessen, und in den Heimatländern speziell im Osten galten die Heimkehrer als verdächtig. Viele ehemalige Zwangsarbeiter landeten zuhause in Infiltrationscamps, sie galten als Kollaborateure. Deshalb schwiegen sie lieber über ihr Schicksal.
Anders als in anderen Städten sind in Stuttgart die Ausweispapiere der Arbeiter vernichtet worden. Immerhin gibt es eine „Gräberliste für öffentlich gepflegte Gräber“ auf den Stuttgarter Friedhöfen von 1969. Diese erste Liste von glich man mit den Arolsen Archiven ab, das war früher der Internationale Suchdienst. So tastete man sich heran. Und fand heraus, dass Anatol Bedoronko im „Russenlager“ in Vaihingen im März 1945 geboren wurde und zwei Monate später an Lungenentzündung starb. Dass Adam und Petro Drosd bei einem Bombenangriff starben. In den Lagern gab es keine Schutzräume, allenfalls selbst ausgehobene Splittergräben. „Vollständige Zerreißung“, lautete die offizielle Todesursache.
Auch in der Römerschule lebten Zwangsarbeiter
Und natürlich hofft man nun, dass durch die Karte und die Webseite sich Menschen melden. Angehörige, wie jene Australierin, die auf den Spuren ihres Vaters nach Stuttgart kam. Der Papa war Kriegsgefangener aus Holland, der in Stuttgart unter Zwang arbeiten musste und später nach Australien auswanderte. Und Erinnerungen von Stuttgartern, auch Fotos womöglich. Denn die verblüffende Erkenntnis dieser Recherche ist: Die Zwangsarbeiter waren überall in der Stadt untergebracht. Lager wie auf der Schlotwiese oder entlang der Pragstraße. Aber auch in Gasthöfen. Und in Schulen. Die standen leer, weil die heimischen Kinder 1943 aufs Land geschickt worden waren. Weg von den Bomben. Und viele dieser Schulen gibt es noch. Etwa die Römerschule. Oder die Grundschule Ostheim. „Mein Sohn ging auf diese Schule“, sagt Stingele, „und ich habe erst jetzt erfahren, dass dort Zwangsarbeiter untergebracht waren.“
Die Lager der Firma Mahle, entlang der Pragstraße. Sie ziehen sich bin hin zur Wilhelma. Foto: Nara
200 Orte sind es, von denen man bis jetzt weiß. Es werden mehr werden, da ist man sich sicher. Noch hat man die Fragebogen nur oberflächlich ausgewertet, die das Stadtarchiv bis 2002 an ehemalige Zwangsarbeiter geschickt hatte. Die Geschichten ähneln sich. Sie wurden verschleppt, in Güterwaggons gepfercht, kamen am Hauptbahnhof an. Firmeninhaber tauchten auf, deuteten mit dem Finger auf die Ankömmlinge: „Du! Du! Du!“ Harte Arbeit, wenig Essen, Willkür, Tod.
Wenige Spuren gibt es nur noch. Deckungsgräben im Lager Haldenwies in Möhringen, die Splittergräben auf der Schlotwiese in Zuffenhausen oder den Absperrzaun bei Kreidler. Immerhin, es gab erste Versuche des Erinnerns. Stolperschwellen in Zuffenhausen etwa. Oder die Aktionen von Marcel Folmeg, der ehemalige Lager auf dem Pflaster markierte. Bisher durfte er dies nur mit abwaschbarer Farbe tun. Nun will man anregen, diese Signets dauerhaft anzubringen.
Die ehemalige Zwangsarbeiterin Nina Smirnowa Isajewa: Sie wurde aus Leningrad verschleppt, arbeitete in einer Fabrik in Bad Cannstatt. Sie überlebte den Krieg, kehrte in die Sowjetunion zurück. Foto: Memorial
Und man möchte analog zum Hotel Silber einen zentralen Ort der Erinnerung an die Zwangsarbeit schaffen. Etwa beim Alten Schloss. Oder im Bahnhofsturm, so die Idee. Sollte Stuttgart 21 irgendwann mal fertig sein, wären die Räume frei. Und die Bahn war ja nun tief verstrickt in die Verbrechen des Dritten Reiches. „Ein solcher Ort ist überfällig“, finden die Aktiven der Initiative. Damit keiner mehr sagen kann: Nie gesehen!