Das drohende Fiasko beim Luftkampfsystem FCAS überschattet die deutsch-französische Rüstungskooperation seit Monaten. Eine Entscheidung darüber, ob und – wenn ja – wie es mit dem Megaprojekt bestehend aus Kampfflugzeugen, Drohnen und digitalen Gefechtswolken weitergeht, steht weiter aus.
Anders als geplant sind sich Berlin und Paris bis Jahresende nicht einig geworden. Ein Sprecher der Bundesregierung erklärte Ende Dezember, auch kein neues Datum für eine Entscheidung nennen zu können. Die Industriepartner Airbus und Dassault halten sich bedeckt. Auslöser des Streits um FCAS ist das französische Drängen auf eine Neujustierung der Aufgabenteilung.
Im kleineren Rahmen gibt es dagegen Beispiele, dass die deutsch-französische Rüstungskooperation gelingt. So hat das Konsortium aus den Unternehmen Daimler Truck und Arquus von der französischen Generaldirektion für Rüstung (DGA) gerade den Zuschlag zum Bau von 7000 Militärlastwagen erhalten.
Ziel ist die Modernisierung der logistischen und taktischen Fähigkeiten der französischen Landstreitkräfte. Das Auftragsvolumen beträgt rund zwei Milliarden Euro, die Lieferung der Lastwagen mit einer Nutzlast von bis zu sechs Tonnen soll über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren erfolgen. Der Vertrag sieht die Option auf 3000 weitere Fahrzeuge vor.
Für den Kriegseinsatz in unwegsamem Gelände
Daimler Truck stellt die Lastwagen in Wörth am Rhein und im französischen Molsheim nahe Straßburg her. Die Militarisierung, Systemintegration und die Montage der geschützten Kabinen übernimmt Arquus in seinen französischen Fabriken in Limoges, Garchizy und Saint-Nazaire.
Daimler Truck wurde 2021 vom Mutterkonzern Daimler (heute wieder Mercedes-Benz) abgespalten, der noch rund 30 Prozent der Kapitalanteile hält. Arquus, hervorgegangen aus der Sparte Trucks Defense des französischen Autoherstellers Renault und zeitweise im Besitz des schwedischen Volvo-Konzerns, ist seit 2024 Teil der belgischen Unternehmensgruppe John Cockerill.
Der Militärlastwagen namens „Zetros by Arquus“ soll alte Renaults GBC 180 ersetzen und basiert auf dem Zetros-Fahrgestell von Daimler Truck, von dem schon rund 15.000 Einheiten verkauft wurden. Er hat drei Achsen, eine Fahrerkabine, die hinter der Motorhaube sitzt, und einen Dieselantrieb, der bei der Betankung auch minderwertige Kraftstoffe verarbeitet.
Die französische Armee hat ihn sowohl als Truppentransporter als auch als Transportfahrzeug mit Shelter-Aufbau, Kranausrüstung und Seilwinden bestellt. Seine Stärken spielt der Lastwagen nicht auf ebenen Asphaltflächen aus. Konzipiert ist er für aufgeweichte Böden, Walddurchfahrten, Querungen niedriger Flüsse und steile Böschungen – eben für den Kriegseinsatz in unwegsamem Gelände. Er soll Treibstoff transportieren, Verletzte von der Front evakuieren, Material und Soldaten in die Kampfzone bringen und für die Verbindung von Truppenteilen sorgen.
„Offensichtlich das beste Angebot“
Der Auftrag ist ein Ergebnis des neuen Rüstungskonzeptes, das Daimler Truck im vergangenen Jahr erarbeitet hat. „Wir haben uns als großes Ziel gesetzt, die NATO-Staaten bei der Bewältigung aller neuen Anforderungen zu unterstützen“, sagte Franziska Cusumano vor wenigen Wochen im Interview mit der F.A.Z. Die Managerin war bis Ende 2025 Chefin der Sparte Mercedes-Benz Special Trucks und übernimmt im April die Leitung von Mitsubishi Fuso, der asiatischen Tochtergesellschaft von Daimler Truck.
Der Ukrainekrieg habe in der Kriegsführung mit einer Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs begonnen und sei dann schnell in einen Drohnenkrieg übergegangen. „Der Nachschub muss trotz der Drohnengefahr jeden Tag organisiert werden – und da spielen schnelle und wendige Lastwagen eine entscheidende Rolle“, so Cusumano.
Der sich abzeichnende Zuschlag für Daimler Truck und Arquus hat in der französischen Verteidigungsszene Diskussionen hervorgerufen. Überraschenderweise ging er nicht an den Lokalmatador Renault Trucks, der sich wegen der umstrittenen Spezifikationen der DGA gar nicht erst bewarb. Auch das schwedisch-deutsch-französisch-italienische Konsortium aus Scania, MAN, Soframe und Iveco ging leer aus.
„Interessant ist zu beobachten, dass bei diesem Projekt der französische Staat offensichtlich das für ihn beste Angebot gewählt und eben nicht aus nationalem Reflex dem traditionellen Lieferanten Renault diesen Auftrag erteilt hat“, sagt Patrick Brandmaier.
Der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer in Paris spricht von einem „wichtigen Zeichen für die deutsch-französische Zusammenarbeit“. Er betont, dass es neben vielen schwierigen Projekten wie FCAS zahlreiche Kooperationen zwischen Deutschland und Frankreich gebe, die sehr gut funktionierten. „Wir sehen, dass der beiderseitige Wille, eine schlagkräftige europäische Verteidigungsindustrie aufzubauen, konkret Form und Gestalt annimmt“, so Brandmaier.