Es schwang eine Prise Stolz mit, als Dorothee Bär (CSU) Anfang der Woche ihren neuen Fahrplan dafür vorlegte, die deutsche Hochschullandschaft fit für die Zukunft zu machen: „Wir werden Forschungsexzellenz verstärkt in Wertschöpfung übersetzen und wollen in wichtigen Schlüsseltechnologien technologische Souveränität erreichen“, sagte die Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt am Montag.

Dazu sollten, sagte Bär weiter, die Kompetenzen hinsichtlich Künstlicher Intelligenz (KI) gestärkt werden, in Forschung wie in Lehre. Das Ziel: die Hochschulen in einen digitalen Ort zu verwandeln, an dem die KI hilft, Studium wie Forschung effizienter zu gestalten – und damit die Chance zu erhöhen, dass in Deutschland weiter bedeutende Forschung stattfindet. Auch und gerade im Feld der KI.

Vor diesem Hintergrund stellte Bär am Montag ein neues Förderprojekt vor: „KI-Lotsen“. Das steht kurz für „Leitstelle für Orientierung, Technologie, Service und Expertise“ und soll eine Art Ansprechpartner für Hochschulen sein, um sie im Umgang mit den strukturellen, rechtlichen und organisatorischen Anforderungen durch KI zu beraten. Der Förderumfang: 4,7 Millionen Euro über vier Jahre. Klingt gut, kann man machen.

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Was Bär allerdings nicht sagte: Fast zeitgleich lief die 2021 gestartete Bund-Länder-Initiative „KI in der Hochschulbildung“ aus, über die seither der Aufbau von KI-Lehre, KI-Studiengängen und -Infrastruktur an 81 Hochschulen finanziell unterstützt wurde. Der Umfang: rund 133 Millionen Euro. Einen Ersatz gibt es nicht.

Lesermeinungen zum Artikel

„Ein verheerendes Signal aus der Politik an den Standort Deutschland. Hier wird bewußt die Zukunftsfähigkeit aufs Spiel gesetzt. […] Statt sich ein Vorbild an Asien zu nehmen, die mehr als 20-30 Prozent ihres Haushaltetats für Bildung investieren, legt sie die Axt an, wo ohnehin ein Riesendefizit herrscht.“

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Es ist ein erstaunlicher Vorgang: Die Breitenförderung in einer Schlüsseltechnologie läuft aus und wird durch eine Beratungsstelle ersetzt. Mit einem Bruchteil der finanziellen Mittel. Ein Kahlschlag statt der versprochenen Souveränität.

Setzt Bär also gerade Deutschlands KI-Zukunft aufs Spiel?

Fakt ist: Die Bundesrepublik kann sich eigentlich keinen Aufschub mehr leisten. Das gilt sowohl für die im internationalen Vergleich eher bräsige Hochschullandschaft als auch für die Innovationskraft im KI-Bereich.

In der Spitzenforschung kann Deutschland schon lange nicht mehr mit internationalen Topuniversitäten mithalten. „Dafür fehlen uns das Geld und die Infrastruktur“, sagte SPD-Politiker Karl Lauterbach, Vorsitzender des Ausschusses für Forschung, Technologie und Raumfahrt, dem Tagesspiegel schon im Sommer.

Wie wird Deutschland innovativer, Herr Lauterbach? „Es braucht auch in der Forschungspolitik eine Zeitenwende“

Das wirkt sich direkt auf die Chancen deutscher Unis im Kampf um die weltweit klügsten Köpfe aus – und damit auf potenzielle Start-ups, die perspektivisch zu wichtigen Unternehmen werden könnten.

Laut dem „Global AI Vibrancy Tool“, einem Ranking der Universität Stanford, liegt Deutschland als KI-Standort weltweit nur auf dem achten Platz. Ein ernüchterndes Ergebnis für die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde.

Umwälzung in rasendem Tempo

Gleichzeitig sind die Umwälzungen durch KI bereits in vollem Gange. Die Technologie ändert für viele Arbeitsbereiche die Vorzeichen, sie macht Berufe obsolet, stellt gefragte Kompetenzen auf den Kopf und droht, ganze Studiengänge überflüssig zu machen – in rasendem Tempo.

Ein Umstand, auf den Deutschland eigentlich dringend reagieren müsse, sagt Ayşe Asar, forschungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag. „Eigentlich bräuchten wir ein riesiges Weiterbildungsprogramm für Hochschulen und für die gesamte Bevölkerung“, sagt sie. „Stattdessen schmückt sich die Ministerin mit Miniförderungen und verschickt Pressemitteilungen wie: ‚Wir stärken KI‑Kompetenzen an Hochschulen‘.“ Das sei „Hohn“.

Wir leisten uns jedes Jahr vier Milliarden Euro für die Mütterrente – und eine Milliarde für KI-Weiterbildung soll angeblich nicht verfügbar sein?

Ayşe Asar, Grünen-Forschungspolitikerin, über die Kürzung von KI-Fördermitteln für Hochschulen

Für Asar war die bisherige Förderung mit rund 133 Millionen Euro über vier Jahre angesichts der Herausforderungen schon zu klein. „Deutschland kann sich Langsamkeit und Föderalismus an dieser Stelle nicht leisten“, sagt sie. „Der Mittelstand spürt die Disruption schon: Ich habe mit Firmen gesprochen, deren Geschäftsgrundlage weggebrochen ist – ohne Antwort darauf.“

Tatsächlich besteht unter Sachverständigen Einigkeit, dass es größere Investitionen braucht, wenn Deutschland als Forschungs- und Wirtschaftsstandort relevant bleiben möchte. Der gemeinnützige Stifterverband etwa hat bereits im vergangenen Jahr in einem Impulspapier vorgerechnet, dass es mindestens eine Milliarde bräuchte, um die Hochschulen konkurrenzfähig zu halten.

Stattdessen wird der Fördertopf nun um rund 128 Millionen kleiner.

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Ein Umstand, für den Asar kein Verständnis hat. „Wir haben durch das Sondervermögen der Bundesregierung Rekordschulden aufgenommen, leisten uns jedes Jahr vier Milliarden Euro für die Mütterrente – und eine Milliarde für KI-Weiterbildung soll angeblich nicht verfügbar sein“, sagt sie.

Finanzierung durch Studierende?

Auch Evelyn Korn, Vizepräsidentin der Universität Marburg und bis 2025 Vorständin der Stiftung „Innovation in der Hochschullehre“, hält Investitionen in die digitale Infrastruktur für unabdingbar: „Zentrale digitale Systeme, insbesondere im Bereich KI, sind derzeit in der Hand weniger, meist privater, nichteuropäischer Akteure“, sagt sie.

Was dies bedeute, sei spätestens mit der Sperrung der E-Mail-Konten des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, durch Microsoft als Folge von US-Sanktionen im Frühjahr 2025 deutlich geworden. „Die EU benötigt daher eine starke technologische Basis, um in der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz autark zu werden“, sagt Korn. Hochschulen in der Entwicklung und Nutzung von KI zu stärken, sagt Korn weiter, sei eine unabdingbare Voraussetzung für die Wahrnehmung dieser Rolle.

Prof. Dr. Evelyn Korn

Evelyn Korn ist Ökonomin und Vizepräsidentin der Universität Marburg. Bis 2025 leitete sie die Stiftung für Innovation in der Hochschullehre.

Allerdings sieht sie die jüngste Ankündigung aus dem Forschungsministerium weniger kritisch: „Die Idee, neben den breiten Aktivitäten in der Wissenschaftslandschaft eine Gruppe zu installieren, die für alle pilotiert und dann einen Transfer an das gesamte System leistet, klingt plausibel“, sagt Korn mit Blick auf Dorothee Bärs „KI-Lotsen“. Allerdings betont die Ökonomin, dass derlei Maßnahmen zusätzlich zu einer breiten Basisausstattung erfolgen und allen Hochschulen zugänglich gemacht werden müssten.

Das dafür benötigte Geld will Korn allerdings nicht dem Staat in Rechnung stellen – sondern den Studierenden. Eine solche Digitalisierungspauschale hatten die Hochschulrektorenkonferenz und der Wissenschaftsrat bereits 2022 gefordert, damals konkret einen Betrag von 92 Euro pro Studierendem. „Heute wären es sicher eher 100 Euro“, sagt Korn. „Eine solche Rechnung bleibt sinnvoll und ermöglicht allen Hochschulen, eine zukunftsgerichtete Infrastruktur einzurichten.“

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Die Grüne Asar sieht hingegen den Bund in der Pflicht: „Bei so einem Thema braucht es gesamtstaatliche Verantwortung“, sagt sie. „Studiengänge, Forschungsstrukturen, Infrastruktur – all das können die Länder nicht allein stemmen, zumal die Hochschulen einen Sanierungsstau von 90 bis 140 Milliarden Euro haben.“