Eine Biogasanlage in Rickling.

AUDIO: Biogasanlagen in Schleswig-Holstein vor dem Aus? (1 Min)

Stand: 16.01.2026 05:00 Uhr

Rund 700 Biogasanlagen in SH fallen bis 2031 aus der Förderung. Nur wer investiert, kann weitermachen. Biogas kann bei Dunkelflaute helfen. Weil Mais eingesetzt wird, sind die Anlagen aber nicht unumstritten.

von Peer-Axel Kroeske

Wenn an trüben Wintertagen kein Wind weht, dann sind Biogasanlagen fast die einzige erneuerbare Energiequelle in Schleswig-Holstein. Bundesweit produzieren sie etwa sechs Prozent des Stroms. Häufig sind Wärmenetze angeschlossen. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz kam der große Boom zwischen 2006 und 2011. Doch nach 20 Jahren endet jeweils die Förderung. Damit stellt sich für etwa die Hälfte der 1.300 Anlagen in Schleswig-Holstein an 900 Standorten schon jetzt die Frage, wie es weitergeht.

Video:
Wie geht es weiter mit den Biogasanlagen in SH? (4 Min)

Neu ersetzt alt

Bisher sind nur wenige Anlagen verschwunden. Eine davon lief bis vor einem Jahr in Alt-Tolkschuby (Kreis Schleswig-Flensburg). „Wir hätten enorm investieren müssen, um die Abgastechnik einzuhalten“, stellt Betreiber Eckhard Schlüter fest. Hinzu kommen gestiegene Kosten unter anderem für den Transport der Silage. 2010 ist aber eine neue Anlage gleich daneben hinzu gekommen, die 2020 mit Wärme- und Gasspeicher modernisiert wurde. Der Hof kann damit gut wirtschaften und auch die Gülle von 3.000 Schweinen verwerten. Diese Anlage soll auch über das Jahr 2030 hinaus bestehen bleiben, wenn die erste Förderperiode ausläuft.

Zwölf Jahre Weiterbetrieb – aber nicht für alle

Ole Dietz im 20 Kilometer entfernten Ausacker (Kreis Schleswig-Flensburg) hat sich bereits um eine Anschlussförderung für seine 2006 erbaute Anlage bemüht. Hierbei nehmen alle Interessenten in Deutschland an einer Ausschreibung teil, die zuletzt stark überzeichnet war. Nur die Günstigsten bekommen einen Zuschlag. Es hat geklappt. Nun könnte Dietz seine Anlage zwölf Jahre lang weiter betreiben. Für den Strom sinkt der garantierte Abnahmepreis von 22 auf 18 Cent pro Kilowattstunde. Doch möglicherweise ist schon 2029 Schluss. Die alten Motoren können nicht den Zusatzstoff AdBlue verarbeiten, der dann als Umweltauflage gefordert wird.

Stromerzeugung wird flexibler

Der leere Behälter der stillgelegten Anlage in Alt-Tolkschuby.

Der Behälter ist leer: Die alte Biogasanlage in Alt-Tolkschuby ist stillgelegt.

Stattdessen überlegt er, eine wesentlich größere Anlage neu zu errichten, die statt einem bis zu 10 Megawatt (MW) produzieren kann. Das entspricht zwei bis drei Windrädern. Damit ließe sich dann nicht nur wie bisher das Wärmenetz in Ausacker, sondern auch das vier Kilometer entfernte Hürup beliefern. Im Gespräch ist eine Gasleitung zu einem sogenannten „Satelliten“, der dann dort die Wärme produziert, um Verluste zu vermeiden.

Retter in der Dunkelflaute

Die neue Generation von Biogasanlagen steht jedoch vor einem neuen Problem: Dem Anschluss an das Stromnetz. Die älteren Anlagen liefen weitgehend konstant mit eher geringer Leistung durch. Sie bekamen eine feste, hohe Förderung – egal, ob der Strom gerade gebraucht wurde oder nicht. Je mehr Wind- und Sonnenenergie aber hinzukommt, umso mehr schwankt der Bedarf. Biogasanlagen sollen künftig vor allem die Lücken bei Dunkelflauten decken. Deshalb gibt es finanzielle Anreize, sie zu „überbauen“: In Ausacker würde die 10 MW-Anlage nur ein Fünftel der Zeit laufen.

Eine Lösung für das Stromnetz

Der Hof Alt-Tolkschuby mit neuer und alter Biogasanlage.

Biogasanlagen helfen bei Dunkelflaute – also wenn andere Stromquellen wie Sonne und Wind nicht liefern.

Ihre volle Leistung sollen die neuen Anlagen also nur liefern, wenn der Strom auch wirklich gebraucht wird. Nur das rechtfertigt die Zuschüsse. Im Gespräch sei nun mit dem Netzbetreiber, dass die geplante Biogasanlage von Ole Dietz den Strom nur zu bestimmten Zeiten einspeisen darf, wenn Wind und Sonne schwächeln. Dann würde sie das Netz nicht zusätzlich belasten. Dies entspricht sowieso der geplanten Fahrweise.

Biogasanlagen benötigen Förderung – Batteriespeicher nicht

Große Batteriespeicher sind die neue Konkurrenz. Sie kommen ohne Förderung aus. Die Akkus sind aber meist schon nach zwei Stunden leer, wenn sie in einer Dunkelflaute ihre volle Leistung liefern. Biogasanlagen können dagegen kontinuierlich nachgefüttert werden. Dabei müssen auch sie neue Auflagen erfüllen. So gilt in diesem Jahr ein „Maisdeckel“ von 25 Prozent für alle Neu- und Folgeförderungen.

Eine Biogasanlage in Rickling.

Bereits zum sechsten Mal geht der Preis damit nach Schleswig-Holstein – für einen Beitrag zur regionalen Energieerzeugung.

Neue Vorgaben begrenzen den Einsatz von Mais

Bisher laufen einige Anlagen fast ausschließlich mit Mais. Ersatz bieten Gülle, Zuckerrüben und spezielle Getreidearten, heißt es vom Landesverband Erneuerbare Energien LEE-SH. Dies könnte auch die Flächenkonkurrenz verschärfen, glaubt Dietz, der zugleich Sprecher der Anlagenbetreiber im Fachverband Biogas Schleswig-Holstein ist. Denn Mais sei am ergiebigsten. Bereits jetzt belegen Energiepflanzen etwa 17 Prozent der deutschen Äcker.

 Die Silage der Biogasanlage Dollerup.

Übermäßiger Maisanbau stand während des Biogas-Booms in den 2010er- Jahren in der Kritik. Inzwischen müssen Landwirte den Maisanteil in der Silage reduzieren.

Maisanbau benötigt allerdings viel Energie und Dünger. Dadurch entsteht im Vergleich zum aktuellen Strommix nur ein mäßiger Vorteil für das Klima. Je mehr Gülle man nimmt, möglichst ohne lange Transportwege, umso besser wird die Bilanz. Denn wenn diese unbehandelt auf den Feldern landet, ist sie besonders klimaschädlich. Nach dem Einsatz in einer Biogasanlage ist sie quasi entschärft.

Fachverband: Viele Anlagen werden verschwinden

Landwirte müssen sich somit umstellen. Vermutlich werde die Hälfte der Anlagen verschwinden, glaubt Dietz. Daran hängt wiederum die Zukunft einiger Wärmenetze. In Utersum auf Föhr (Kreis Nordfriesland) ist wegen baulicher Auflagen in Kürze Schluss für die Biogasanlage aus dem Jahr 2007, berichtet Betreiber Henry Nielsen. Stattdessen sollen künftig Solarthermie und eine Großwärmepumpe die Häuser beheizen.

Sprudelwasser wird aus einer Flasche in ein Glar gegossen.

Biogasanlagen produzieren normalerweise Wärme und Strom. Auf einem Hof nahe Lüneburg wird zusätzlich Kohlensäure gewonnen – in Lebensmittelqualität.

Alternativen: Biomethan oder CNG als Treibstoff

Nicht zuletzt denken einige Anlagenbesitzer über neue Möglichkeiten nach. Sie können Biomethan ins Erdgasnetz einspeisen, wenn eine geeignete Leitung in der Nähe liegt. Dafür zahlen Verbraucher dann einen Aufpreis, die bei einer neuen Gasheizung einen Anteil an erneuerbaren Energien nachweisen müssen. Auch die Industrie kann Biomethan für die Prozesswärme einsetzen. Zweite Option: Komprimiertes Biomethan wird als CNG zum Treibstoff für Autos mit Gasmotor oder auch landwirtschaftliche Fahrzeuge. Bisher gehen aber nur wenige Anlagenbetreiber diesen Weg, der mit hohen Investitionen und finanziellen Risiken verbunden ist.

25 Gigawatt sind möglich – aber auch gewollt?

Der Biogas-Verband fordert, das Potential von Biogas stärker zu nutzen. 25 Gigawatt – und damit fast die Hälfte des aktuellen Strombedarfs – könnten deutsche Anlagen im Jahr 2045 bei Dunkelflauten liefern, wenn die Politik sich dafür entscheide. Das entspricht einer Vervierfachung an installierter Leistung. Wenn es so kommt, müssten weniger Erdgaskraftwerke gebaut werden. Wohin die Reise geht, hängt nicht zuletzt an der Frage, welche Leistungen für die Biogasförderung zweimal im Jahr ausgeschrieben werden. Diese gehen 2027 nach aktuellem Stand zurück. Dietz hält das für falsch. Noch hat die Bundespolitik nicht entschieden, wie es nach 2030 für die Biogasbranche weiter geht.

Ein Heizungsthermostat.

Die Energiekrise ist vorbei, doch Kunden zahlen oft mehr als doppelt so viel wie 2021. Und die Spanne im Land bleibt groß.

Luftaufnahme des Batteriespeichers in Bollingstedt.

Die schwankende Erzeugung von Wind- und Sonnenstrom stellt das Netz vor Herausforderungen. Die Akkus in Bollingstedt sollen helfen.

Eine Drohnenaufnahme zeigt eine große Biogasanlage in Klein Offenseth-Sparrieshoop.

Immer mehr Betreiber von Biogasanlagen wollen Methan statt Strom produzieren. Für Gaskunden könnte das teuer werden.

Eine Biogasanlage von oben

Biogasanlagen produzieren meist Strom und Wärme. Eine Anlage im Kreis Schleswig-Flensburg speist dagegen Biomethan ins Erdgasnetz ein.