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Wladimir Putin unterhält Dutzende Botschafter bei einem Empfang mit seinem Weltbild. Dabei kommt Europa wie gewohnt besonders schlecht weg.
Moskau – Diese Gelegenheit wollte sich Wladimir Putin nicht entgehen lassen. Russlands Präsident sprach zwar nicht vor aller Weltöffentlichkeit, aber doch vor Dutzenden Botschaftern, die ihm im Alexandersaal des Großen Kremlpalastes ihre Beglaubigungsschreiben aushändigten. Laut dem Kreml, der die Rede des 73-Jährigen wiedergibt, waren 32 Nationen vertreten, darunter Frankreich, Italien, die Schweiz, Österreich, Brasilien oder Kuba.
Begrüßungsrede zu Lasten der Europäer: Kreml-Chef Wladimir Putin ließ vor Botschaftern kein gutes Haar am Westen. © IMAGO / ZUMA Press
Für Putin bot sich also die Chance, sein Land einmal mehr mit der Opferrolle zu schmücken, während die NATO und vor allem Europa in seinem Weltbild als Aggressor herhalten müssen. So erklärte er seinen Ukraine-Krieg, in seinen Worten lediglich eine „Krise um die Ukraine“, als „direkte Folge der jahrelangen Missachtung der berechtigten Interessen Russlands und der gezielten Politik der Schaffung von Bedrohungen für unsere Sicherheit sowie der Vorrückung des NATO-Bündnisses auf die russischen Grenzen hin“.
Putin über Ukraine-Krieg: „Russland strebt nach nachhaltigem Frieden“
Wie bereits bei früheren Auftritten verbreitete Putin also das Narrativ, Moskau habe seine Truppen lediglich in das Nachbarland einmarschieren lassen, weil es sich aus dessen Territorium heraus vom Westen bedroht fühle. Als wäre die Invasion ein Verteidigungskrieg.
Weiter warb er für „eine friedliche Beilegung des Konflikts in der Ukraine“. Dabei gelte: je eher, desto besser. Die vor allem von den USA vorangetriebenen Friedensbemühungen, die seit Monaten keinerlei Erfolg zeigen, blieben unerwähnt.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
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Obwohl jedwede Anstrengungen für einen Waffenstillstand aus Washington bislang an Moskau abprallen, behauptete Putin weiter: „Unser Land strebt nach einem langfristigen und nachhaltigen Frieden, der die Sicherheit aller und jedes Einzelnen zuverlässig gewährleistet. Nicht überall, darunter auch in Kiew und den unterstützenden Hauptstädten, ist man dazu bereit.“
Putin gibt Europa Schuld am Ukraine-Krieg: Frieden nur zu Russlands Bedingungen
Heißt also: Die überfallene Ukraine und ihre europäischen Partner stünden einem Ende der Kämpfe entgegen. Eben jene Nationen befürchten jedoch, dass ein Frieden, den Putin aus seiner vermeintlichen Position der Stärke vorgeben will, nur eine Atempause darstellen würde, ehe Moskaus Machthaber seine Truppen erneut auf einen Eroberungsfeldzug schicken wird.
In dieser Annahme bestärkte den Westen auch der sogenannte 28-Punkte-Plan, der zunächst um einige Punkte geschrumpft und mittlerweile wohl zu den Akten gelegt wurde. Das auffallend russlandfreundliche Papier legte unter anderem eine Obergrenze ukrainischer Streitkräfte und eine Aufgabe von bislang erfolgreich verteidigten Regionen fest. Der Aufschrei in Europa war entsprechend groß.
Russland ist nun ihre Wahlheimat: Die Botschafter lauschen den Worten Wladimir Putins. © Ramil Sitdikov / POOL / AFP
Putin verlieh vor den Botschaftern seiner Hoffnung Ausdruck, dass der Frieden nach Russlands Bedingungen kommen werde. Zugleich stellte er auch klar: „Solange dies nicht der Fall ist, wird Russland weiterhin konsequent seine Ziele verfolgen.“ Was das heißt, muss die ganze Welt seit fast vier Jahren miterleben: Neben blutigen Kämpfen an der Front wird auch die Zivilbevölkerung nicht verschont, die Infrastruktur bombardiert, die Schrecken des Krieges haben längst jeden Winkel des Landes erreicht.
Putin gegen Europa: „Bilaterale Beziehungen lassen zu wünschen übrig“
In seiner Rede, in der er unter anderem „die Einhaltung des Völkerrechts“ sowie die Stärkung der UN in internationalen Angelegenheiten propagierte, erwähnte Putin auch die fruchtbaren Kooperationen mit vielen der vertretenen Länder: Brasilien, Kuba, weiteren Nationen Lateinamerikas, Ägypten, Saudi-Arabien, dem Libanon, dem Irak, Pakistan, Afghanistan, Sri Lanka, Bangladesch, den Malediven sowie zahlreichen afrikanischen Staaten.
Anders sehe es im Falle von Südkorea aus, allerdings strebe Moskau eine Rückkehr zu den gemeinsamen Beziehungen an. Schließlich kam Putin auf die anwesenden Europäer zu sprechen, zu denen die Partnerschaft tiefe historische Wurzeln habe und für beide Seiten bereichernd sei. Allerdings lasse in diesen Fällen der „Stand der bilateralen Beziehungen“ aktuell „viel zu wünschen übrig“.
Einer unter vielen: Wladimir Putin (2.v.r.) begrüßt die Botschafter per Handschlag. © Alexander KAZAKOV / POOL / AFP
An wem diese Eiszeit aus Moskaus Sicht liegt, machte er ebenfalls deutlich: „Der Dialog und die Kontakte – ich möchte betonen, dass dies keineswegs unsere Schuld ist – sind sowohl auf offizieller als auch auf geschäftlicher und gesellschaftlicher Ebene auf ein Minimum reduziert. Die Zusammenarbeit in wichtigen internationalen und regionalen Fragen ist eingefroren.“
Putin und die Verachtung für Europa: „Willen diktieren und andere belehren“
Zwar betonte Putin auch, Russland sei bereit, „das von uns geforderte Niveau der Beziehungen wiederherzustellen“. Allerdings augenscheinlich nur zu seinen Vorstellungen. Beim Kreml-Chef klingt das dann so: Nationale Interessen seien zu achten und legitime Sicherheitsbedenken zu berücksichtigen.
Da wirkt es wie ein Hohn, dass er seine Ausführungen mit der Feststellung begann: „Anstelle eines Dialogs zwischen Staaten hören wir einen Monolog derer, die sich aufgrund ihrer Machtposition das Recht herausnehmen, ihren Willen zu diktieren, andere zu belehren und Befehle zu erteilen.“ Wer sich hier nach Putins Verständnis angesprochen fühlen darf, bedarf keiner weiteren Erläuterung.
Die Gelegenheit, seiner Verachtung für Europa vor wichtigen Partnern Ausdruck zu verleihen, hat der scheinbar ewige Präsident jedenfalls genutzt. (Quelle: Kreml) (mg)