Josef Lochner verzeichnet einen neuen Besucherrekord. Knapp 2000 Kunst-Fans sind im vergangenen Quartal in seine kleine Galerie in der Dachauer Altstadt gekommen, um die farbenfrohen Druckgrafiken von Friedensreich Hundertwasser zu sehen. Auch 25 Jahre nach dessen Tod ist das Werk des österreichischen Künstlers ungemein populär. Das befeuert auch das Interesse an dem bunten Haus mit seinen geschwungenen Giebeln und goldenen Kugeln an der Münchner Straße.

„Hundertwasser-Haus“ nennen es die Dachauer – weil es aussieht, als hätte der Meister persönlich es hier hingebaut. Und das stimmt sogar. Aber der Meister ist in diesem Fall nicht Hundertwasser, sondern Bäckermeister Peter Denk.  Er steht vor der Eingangstür unter dem goldenen Schriftzug „Denk-Mal“, das Haar ragt struppig unter der Wollmütze hervor. Lange war er aus der Stadt verschwunden. Er reist viel um die Welt, nach Asien, Südamerika, Sibirien. „In diesem Jahr bin ich mal zu Hause“, sagt er und grinst.

Wer hinten steht, muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um ihn zu sehen. Eine Traube von 30 Neugierigen umringt ihn. Das Dachauer „Hundertwasser-Haus“ kennt fast jeder in der Stadt – aber was es damit genau auf sich hat, das wissen nur wenige. 2013 hat Denk das Haus umgestaltet, „im Sinne und Geiste von Friedensreich Hundertwasser“. „Hundertwasser-Haus“ darf man es offiziell gar nicht nennen, denn in den Bau war der Künstler persönlich nicht involviert; er starb bereits im Jahr 2000.

Die Backstube ging schon vor mehr als 100 Jahren in Betrieb

Doch seine Vision einer natur- und menschengerechten Architektur hat Bauherr Peter Denk hier mit sehr viel Liebe zum Detail, aber auch mit einem enormen Aufwand umgesetzt. Auf Vorsprüngen und Dächern sprießen Bäume, einer wächst sogar durch die Fenstersprossen ins Freie. Solche „Baummieter“ sind Teil von Hundertwassers Ideenwelt. Menschen brauchen Sauerstoff – der Baum liefert ihn. Ein bisschen verrückt muss man schon sein, um in der Kleinstadt Dachau ein Haus im Hundertwasser-Stil hinzustellen.

Erbaut wurde das Haus bereits im Jahr 1862, eine Backstube gibt es darin schon seit mehr als 100 Jahren, zeitweise soll es dort auch eine Tankstelle und eine Poststation gegeben haben. Im Laufe der Jahre wurde das Haus mehrmals erweitert. Und das sah Peter Denk auch, als er es 1994 kaufte. „Es war unzusammenhängend“, erzählt er, „das totale Chaos!“ Geheizt wurde noch wie vor dem Krieg – mit dem Ofen. In den kleinen Appartements wohnten Griechen und Türken, die sich nicht mehr leisten konnten. Der Komfort: gering. Hauptsache billig.

Die Mieter sollten kreativ werden – wurden sie aber nicht

Denk ließ die Wohnungen renovieren. Und weil er Hundertwasser schon immer toll fand, rief er unter den Mietern einen Wettbewerb aus: 500 Mark für die schönste Fassadengestaltung. Hundertwasser hatte schließlich ein „Fensterrecht“ ersonnen: So weit der Arm reicht, darf jeder Bewohner die Außenwand nach eigenem Gusto verändern. Eine Hundertwasser-Optik, die von innen kommt. „Ich dachte, dass das die Mieter für mich machen“, sagt Denk. Die 500 Mark musste er behalten. „Keiner hat was gemacht.“ Alle lachen. Am lautesten Peter Denk.

Als das Haus generalsaniert werden musste, nutzte er die Gelegenheit, den gesamten Gebäudekomplex umzugestalten – im Stil von Friedensreich Hundertwasser. Dafür erwarb er eine entsprechende Lizenz der Hundertwasser-Stiftung. Allerdings durfte er die Pläne nur mit einem Architekten umsetzen, der selbst schon einmal mit dem Künstler zusammengearbeitet hatte. Peter Pelikan hatte keine Zeit, also wurde es Heinz M. Springmann.

An der Front des Bäckereigebäudes erkennt man deutlich den Stil von Hundertwasser. Die Gockel-Skulptur stammt vom Dachauer Künstler Heinz Eder.An der Front des Bäckereigebäudes erkennt man deutlich den Stil von Hundertwasser. Die Gockel-Skulptur stammt vom Dachauer Künstler Heinz Eder. (Foto: Niels P. Jørgensen)Die bunten Fliesen in Zuckerbäckeroptik passen gut zum Inhalt des Ladengeschäfts: eine Candisserie.Die bunten Fliesen in Zuckerbäckeroptik passen gut zum Inhalt des Ladengeschäfts: eine Candisserie. (Foto: Niels P. Jørgensen)Die Rückseite mit geschwungener Terrassenbalustrade über der Backstube.Die Rückseite mit geschwungener Terrassenbalustrade über der Backstube. (Foto: Niels P. Jørgensen)

Einfach war der Umbau nicht. „Das Haus ist größer, als man meint“, sagt Denk. Außer dem Bäckereibetrieb befinden sich darin eine Metzgerei, ein Pralinengeschäft, eine Musikschule und zehn Wohnungen. Das Haus hat 75 Fenster, alle Fensterkreuze mussten durch neue, farbige Anfertigungen ersetzt werden. Die Leibungen, die Hausecken, alles wurde abgerundet. Die energetische Sanierung ließ die Wände dicker erscheinen, die Fenster auf der Rückseite sitzen deshalb nun tiefer in der Fassade. Wie in einem Lebkuchenhaus.

Jeder der fünf Giebel ist individuell gestaltet, jeder hat eine andere Form. Einige davon sind gekrönt mit Kugeln – in Goldfarben. „Früher hat nur ein König unter goldenen Kugeln wohnen dürfen“, sagt Denk. Die Säulen sowie alle Teile aus Keramik sind handwerklich gefertigt. Das große Metalldach über der Candisserie wurde per Spezialtransporter angeliefert, ein Teil der Münchner Straße musste gesperrt werden.

Auf dem Dachfirst steht eine Bischofsstatue mit Breze

Die Dächer sind zweifarbig gedeckt, Rot und Schwarz, in Wellenform. Klare Kante, so etwas gibt es bei Hundertwasser nicht und darf es auch nicht geben; die gerade Linie galt ihm als „gottlos“. In der Natur ist ja auch nichts gerade, weder der Grashalm noch der Knochen. Für die auf Rechtwinkligkeit getrimmten Handwerker eine zumindest gewöhnungsbedürftige Aufgabenstellung.

Nicht alle Auffälligkeiten am Haus haben etwas mit Hundertwasser zu tun. Den bunten Gockel vor der Bäckerei hat Peter Denk zu seinem 40. Geburtstag beim Dachauer Künstler Heinz Eder in Auftrag gegeben. Und am südlichen Ende des Dachfirsts steht der Heilige Nikolaus, Schutzpatron der Bäcker, mit einer goldenen Breze im Bischofsstab. Aufgestellt wurde er zu Ehren von Denks verstorbenem Vater. Der hießt nämlich auch Nikolaus.

Die Bäckerei Denk befindet sich in der Münchner Straße 11 in Dachau. Die Hundertwasser-Ausstellung in der Galerie Lochner, Konrad-Adenauer-Straße 7, ist noch bis 1. Februar zu sehen. Öffnungszeiten: Donnerstag 16 bis 19 Uhr, Samstag: 12 bis 15 Uhr und an Sonn- und Feiertagen 14 bis 17 Uhr.