In der Erbschaftssteuer-Debatte dominiert das Narrativ: Die reichen Schultern sollen mehr tragen. Doch ein Land wird nur stark, wenn möglichst viele tragen können.

In der Debatte um höhere Erbschaftssteuern und sogenannte „Reichensteuern“ dominiert ein Narrativ: Die reichen Schultern sollen mehr tragen. Die Logik klingt moralisch sauber. Nur ist sie wirtschaftlich falsch. Ein Land wird nicht stark, wenn wenige noch mehr tragen. Ein Land wird stark, wenn möglichst viele tragen können.

Deutschland hat ein Armuts-Anreizproblem

Eine der besten Eigenschaften der sozialen Marktwirtschaft ist der Sozialstaat. Seine Aufgabe ist, Not zu überbrücken. Doch in Deutschland haben wir es übertrieben und den Sozialstaat zu einer Armutsanreiz-Maschine verkommen lassen.

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Das System ermuntert uns, schwach zu bleiben, statt stark zu werden. Für den Einzelnen mag das verlockend sein. Für die Zukunft unseres Landes ist es jedoch fatal.

  • Bedürftigkeit attraktiver als Aufstieg. Wer bedürftig ist, wird durch den Staat per Umverteilung versorgt. Aufstieg dagegen wird bestraft. Denn wer mehr arbeitet, investiert oder Verantwortung übernimmt, verliert staatliche Leistungen, zahlt höhere Abgaben und trägt mehr Risiko.
  • Hohe Belastung der Mitte. Deutschland nimmt rund 950 Milliarden Euro Steuern pro Jahr ein. Finanziert wird das nicht von einer „reichen Elite“, sondern überwiegend von der produktiven Mitte. Dort sitzen die Menschen, die morgens aufstehen und malochen. Für den Staat werden sie zur Kapitalquelle. Die oberen 50 Prozent der Einkommensteuerpflichtigen zahlen 93,6 Prozent der Einkommensteuer. Das frisst nicht nur Motivation, sondern auch das notwendige Kapital, um persönlichen Wohlstand aufzubauen.
  • Zu wenig Eigentum. Die wohlhabendere Hälfte besitzt rund 99,5 Prozent des Nettovermögens. Die andere Hälfte fast nichts. 30 bis 50 Prozent des Vermögens stammen aus Erbschaften und Schenkungen. Aufgrund der hohen Steuerabgaben und immer teurer werdenden Lebenshaltungskosten ist es für viele eine Illusion, Vermögen aufzubauen. Die traurige Wahrheit lautet: Wer kein Eigentum bildet, bleibt abhängig.

 

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So entsteht eine Gesellschaft mit wenigen wertschöpfenden Akteuren und vielen abhängigen Transferempfängern. Ein Land, das auf die „Reichen“ schimpft, produziert genau das, was es angeblich verhindern will. Eine kleine vermögende Elite und eine immer breitere Masse, die vom Sozialstaat abhängig ist. Die Mitte schrumpft. Der Kapitalstock ebenfalls. Und der Staat bläht sich immer weiter auf, um als Versorger die Lücke zu verwalten.

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Statt den Reichen mehr zu nehmen, müssen mehrere starke Schultern tragen

Die Betonung in diesem Satz liegt bisher auf „müssen tragen“. Was wäre, wenn wir die Betonung auf „starke Schultern“ legen? Unser Anspruch als Gesellschaft sollte nicht sein, den „Reichen“ mehr zu nehmen. Wir sollten von der Politik fordern, die Rahmenbedingungen endlich so zu setzen, dass wir möglichst vielen Menschen die Chance ermöglichen, zu starken Schultern zu werden. Unser Anspruch muss sein, dass jeder seinen Lebensunterhalt und Wohlstand aus eigener Kraft erwirtschaften kann.

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Wir brauchen ein Wohlstands-Anreizsystem

Die Lösung für unsere Misere liegt auf der Hand. Wir brauchen ein Menschenbild, in dem Selbstverantwortung im Fokus steht. Und dann sorgt ein schlanker Staat für die richtigen Rahmenbedingungen: Bessere Bildung. Anreize für Vermögensaufbau. Förderung von Unternehmertum und Pioniergeist. Entfesselung von Forschung und Wirtschaft. Wir brauchen mehr Macher.

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Wer Unternehmen gründen kann, wer Vermögen aufbauen kann, wer qualifiziert ist und investieren darf, wird selbst zur tragenden Größe. Genau das passiert in Deutschland zu wenig. Stattdessen wächst der Staat. Und mit ihm die Verwaltung von Bedürftigkeit. Wenn die Lösung für jedes Problem Transfer heißt, werden Transferempfänger geschaffen. Das muss ein Ende haben.

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Deutschland muss sich eine grundlegende Frage stellen

Die entscheidende Frage ist jetzt: Was wollen wir? Einen starken Staat und schwache Bürger? Oder starke Bürger und einen schlanken Staat?

Für ein wirtschaftlich gesundes Land ist die Antwort eindeutig: Viele starke Schultern tragen leichter als wenige. Und sie tragen lieber, weil sie selbst gestalten statt vom Staat bevormundet und gegängelt zu werden. Wenn es unserem Land ernst ist mit wirtschaftlicher Stärke, müssen wir aufhören, über Reiche zu klagen – und anfangen, mehr Reiche hervorzubringen. Sonst landen wir eines Tages alles in Mittelmaß und Armut.

Peter Holzer unterstützt seit 2009 Führungsteams in anspruchsvollen Veränderungen – mit klarem Blick für Leadership, Generationenwechsel und Haltung: konsequent in der Sache, wertschätzend im Miteinander. Er ist Teil unseres Experts Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.