In Berlin sollen sich Abiturienten nicht mehr zwingend mit der SED-Diktatur und der Mauerfall auseinandersetzen müssen – das ist die Folge eines neuen Rahmenlehrplans für die Oberstufe. Geschichtslehrer sind entsetzt.

Ausgerechnet in Berlin müssen sich bald viele Schüler in der gymnasialen Oberstufe künftig nicht unbedingt mit der DDR, die SED-Diktatur und deren Folgen auseinandersetzen. Hintergrund ist eine geplante Änderung im Rahmenlehrplan für die Oberstufe, die derzeit für Diskussionen sorgt und von Kritikern als Ausdruck von Geschichtsvergessenheit gewertet wird.

Lea Honoré vom Verband der Geschichtslehrer bezeichnete die neuen Vorgaben im Gespräch mit WELT TV als „sehr, sehr problematisch“ – insbesondere für Berlin, wo „DDR-Geschichte vor der Haustür zu finden ist“. Honoré führt diese Entwicklung auf seit Jahren schrumpfende Unterrichtszeit im Fach Geschichte zurück. Dieser werde „eigentlich seit Jahren in Berlin ganz stark gekürzt“.

Vor allem in der Mittelstufe fehle schlicht die Zeit, „um Themen unterrichten zu können“, so Honoré. Das liege unter anderem daran, dass Geschichte ohnehin an vielen Schulen als Gesellschaftswissenschaften (GeWi) zusammengefasst wird.

Durch den neuen Rahmenlehrplan für die Oberstufe müssen Schüler nun nur noch das erste und zweite Kurshalbjahr im Fach Geschichte verpflichtend belegen. In diesen Semestern seien aber andere Themen fest vorgegeben – darunter „Zeitalter der Revolution“, „Weimarer Republik“ und „Nationalsozialismus“.

Das dritte und vierte Semester sei dagegen entweder freiwillig oder nur aufgrund bestimmter Kurskonstellationen zu belegen. In der Folge werde „DDR-Geschichte nicht mehr verpflichtend unterrichtet“, sagte Honoré. Damit sei „nicht mehr sichergestellt, dass alle Berliner Abiturienten eben DDR-Geschichte erfahren haben“, so Honoré. Besonders problematisch sei die Entwicklung aus ihrer Sicht, weil Geschichte das „Demokratiebildungsfach“ sei. Gerade vor dem Hintergrund bereits gekürzter Unterrichtszeiten in der Mittelstufe könne so eine zentrale Epoche deutscher Geschichte bei vielen Schülern vollständig wegfallen.

Schon zuvor hatte der Verband die Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) in einem offenen Brief aufgefordert, den Schritt zur Änderung des Rahmenlehrplans zu überdenken. „Die Auseinandersetzung mit Diktatur, Teilung und demokratischem Neubeginn ist kein beliebig disponibler Stoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil historisch-politischer Bildung“, heißt es darin.

Honoré sagte, ihr Verband hoffe nun auf Gespräche und eine Korrektur – auch mit Blick auf Brandenburg, das denselben neuen Rahmenlehrplan erhalte. Dort seien aber „vier Pflichtsemester durchgehend Geschichte“ vorgesehen. Eine offizielle Rückmeldung aus der Senatsverwaltung gebe es bislang nicht; man habe aus der Presse von den Überlegungen erfahren. „Wir hoffen natürlich ganz stark, dass diese Entscheidung noch mal überdacht wird und dass es da Gesprächsangebote geben wird“, sagte Honoré.

kami