Kurz vor Beginn des fünften Kriegsjahres durchlebt die Ukraine den schwersten Winter seit dem russischen Einmarsch. Nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur (dpa) haben wegen der massiven russischen Angriffe mit Drohnen und Raketen auf Energieanlagen Hunderttausende weder Strom noch Heizung – und das bei Schneefall, Frost und nächtlichen Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Betroffen sind die Großstädte Charkiw, Dnipro, Krywyj Rih und Odessa. Aktuell gilt die Lage jedoch in der Hauptstadt Kiew als besonders angespannt.

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Stromausfälle und Notabschaltungen

Bereits seit dem Herbst gibt es Berichten zufolge stundenweise Stromausfälle, Notabschaltungen seien an der Tagesordnung. Der öffentliche Nahverkehr stockt, viele Kiewerinnen und Kiewer können weder Wäsche waschen, noch kochen, heißt es. Auch die Fahrstühle in den Hochhäusern der Millionenstadt stehen still – eine große Belastung nicht nur für viele ältere, sondern auch für kranke und behinderte Menschen.

Hinzu kommt die Kälte in den Häusern. Viele Kiewer und Kiewerinnen klagen in sozialen Netzwerken über teils einstellige Temperaturen in ihren Wohnungen; wer einen Gasherd besitzt, erhitzt Ziegelsteine, um die Räume zu wärmen, so dpa.

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Russland setzt die Angriffe auf Energieinfrastruktur fort

Dass sich die Lage in den nächsten Wochen verbessert, gilt als eher unwahrscheinlich. Die kalte Jahreszeit hält an – und die russische Armee setzt ihre systematischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur fort. Nach Angaben des neuen ukrainischen Energieministers Denys Schmyhal hat Russland seit Beginn seines Angriffskrieges jedes einzelne Kraftwerk des Landes angegriffen. Allein im vergangenen Jahr habe es 612 russische Attacken auf die Energieinfrastruktur der Ukraine gegeben.

Die USA haben die Ukraine weiter abgestuft, was Bedeutung und Relevanz betrifft.

Sicherheitsexperte Gerhard Mangott über die Ukraine-Politik von Donald Trump

„Die Stromabschaltungen zeigen, dass die russischen Angriffe auf die Infrastruktur sehr effektiv sind“, sagt der Sicherheitsexperte Gerhard Mangott. Das Problem: Die Luftabwehr der Ukraine werde immer schwächer – auch, weil die USA und die Europäer zu wenige Raketen lieferten. Die russischen Angriffe auf die Infrastruktur verfolgen laut Mangott zwei Ziele: die Wirtschaftskraft der Ukraine zu schwächen, insbesondere im Rüstungsbereich, sowie den Kampfgeist der Bevölkerung zu untergraben, um die Bereitschaft zu einem Kompromiss zu erhöhen.

„Punkte der Unbeugsamkeit“ sollen helfen

Der Staat hat sogenannte „Punkte der Unbeugsamkeit“ eingerichtet – Zentren in Schulen und Behörden, wo die Menschen ihre Smartphones aufladen können, Internetzugang haben und sich bei einer Tasse Tee aufwärmen können. Allein in Kiew wurden nach Behördenangaben mehr als 1200 derartige Stellen eingerichtet.

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Die Lage für Zivilisten wird sich weiter verschärfen.

Sicherheitsexperte Gerhard Mangott

Generatoren liefern den nötigen Strom – aber eben nicht immer und überall. „Solche Maßnahmen gibt es, aber das ändert nichts daran, dass die Stromabschaltungen teils tagelang andauern“, sagt Experte Mangott. So schnell, wie Russland die Infrastruktur zerstören könne, gingen die Reparaturarbeiten nicht voran. „Die militärische Kampagne von Russland wird weitergehen und damit wird sich auch die Lage für Zivilisten weiter verschärfen“, sagt er. „Man kann nicht wirklich etwas tun.“

Die Ukraine verliert an Aufmerksamkeit

Vor allem seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump sei die Ukraine „immer weiter nach unten in der westlichen Aufmerksamkeit“ gerückt. „Die Ukraine-Politik von Trump ist sehr volatil.“ Erst am Mittwoch machte Trump in einem Interview mit Reuters erneut den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für die Verzögerung des Friedensprozesses verantwortlich. „Die USA haben die Ukraine weiter abgestuft, was Bedeutung und Relevanz betrifft“, sagt Sicherheitsexperte Mangott.

Der Krieg wird dieses Jahr nicht beendet.

Sicherheitsexperte Gerhard Mangott

Während die Vereinigten Staaten ihren außenpolitischen Fokus auf andere Regionen richteten, kämen die Europäer langsam an ihre finanziellen und materiellen Grenzen. „Sie sind aber fast die einzigen, die die Ukraine noch finanziell unterstützen.“ Nur reiche der 90-Milliarden-Euro-Kredit, der im Dezember von der EU beschlossen wurde, bei weitem nicht für die nächsten zwei Jahre, so Mangott – und über die Nutzung russischer Vermögenswerte gibt es nach wie vor keine Einigung.

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Für Mangott ist deshalb die zentrale Frage, ob die Ukraine angesichts ihrer schlechten Verhandlungsposition den Maximalforderungen Russlands wird entgegenkommen müssen, zumal der Verhandlungsprozess bisher wenig Erfolg zeigte. Klar aber ist für Mangott: „Der Krieg wird dieses Jahr nicht beendet. Es sieht nicht gut aus für die Ukraine.“