
Der Rechtsextremist Sellner ist Kopf der Identitären und steht für den Begriff „Remigration“. Zwei AfD-Politiker luden ihn ein – zum Ärger der Parteichefs. Das Treffen ist abgesagt, der Konflikt bleibt.
Es ist erst ein paar Tage her, da postete Steffen Kotré Fotos in Badehose. Der AfD-Eisbadeclub werde immer größer, verkündet er stolz. Alice Weidel, die Parteichefin, kommentiert den Post: „Super! Ich komme das nächste Mal dazu.“
Das darf allerdings bezweifelt werden. Denn das Verhältnis zwischen Weidel und dem Bundestagsabgeordneten Steffen Kotré ist – passend zum Eisbaden – frostig. Gegen den Widerstand Weidels ist Kotré erst kürzlich nach Russland gereist. Nun hat er mit seiner Frau, Lena Kotré, Martin Sellner eingeladen.
AfD-Vorsitzende intervenieren
Die Veranstaltung wird nicht stattfinden – da haben sich die beiden Bundesvorsitzenden, Weidel und Tino Chrupalla, durchgesetzt. Sie waren von der Einladung überrascht und gar nicht glücklich.
Lena Kotré verkündet die Absage auf X. Allerdings dürfte sie damit kaum für Freude an der AfD-Spitze sorgen. Denn sie kündigt an, stattdessen einer Einladung von Sellner zu folgen. Der lädt nun für denselben Tag ein, um über „Remigration im Spannungsfeld zwischen Partei und Bewegung“ zu sprechen.
Martin Sellner, das ist der Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung. Sellner hat es geschafft, dass ein Wort heute sagbar geworden ist: „Remigration“. Weidel selbst rief es im Januar 2025 als Kanzlerkandidatin laut und klar von der Parteitagsbühne: „Wenn es dann Remigration heißt, dann heißt es eben RE-MI-GRA-TION“
Sellner hat vor einiger Zeit ein Buch geschrieben. Es heißt: „Remigration: Ein Vorschlag“. Der Rechtsextremist stellte auch beim Treffen in Potsdam im November 2023 sein Konzept vor. Er spricht von drei Kategorien: Es geht um die Abschiebung von Asylbewerbern und Flüchtlingen in der ersten Stufe, in der zweiten um Ausländer. In der dritten aber um „nicht assimilierte Staatsbürger“ – also Menschen mit deutschem Pass. Die sollen nicht abgeschoben werden, aber es soll Druck ausgeübt werden, um sie so aus Deutschland zu verdrängen. Wie freiwillig eine solche Ausreise wäre, ist die große Frage.
Sellner pflegte einst gute Kontakte zur AfD-Spitze
Die AfD-Spitze hatte nicht immer Berührungsängste mit Sellner. Regelmäßig begegnen sich Spitzenpolitiker der Partei und der Vordenker der rechtsextremen Szene. Sellner ist zu Gast bei Götz Kubitschek, dem rechtsextremen Verleger, der auch Sellners Buch vertreibt. Ein Ort, wo sich das rechtsextreme Vorfeld trifft – mit Politikern wie Björn Höcke oder Hans-Christoph Berndt, den Landesvorsitzenden aus Thüringen und Brandenburg – oder Maximilian Krah, einst Spitzenkandidat für die Europawahl.
Doch zuletzt ging zumindest die AfD-Spitze auf Distanz zu Sellner. Im vergangenen Sommer ist er Thema im AfD-Bundesvorstand. Grundlage ist ein juristisches Gutachten. „Die AfD sollte auch gewissen Abstand zu Martin Sellner halten“, heißt es da. Es sei nicht erforderlich, den Begriff der „Remigration“ aufzugeben. „Die Partei sollte aber Sellner keinesfalls zu Parteiveranstaltungen einladen.“ Eine rote Linie, die jetzt überschritten wurde und den Widerstand hervorgerufen hat.
Sellners „Remigrationskonzept“ mit Grundgesetz unvereinbar
Hintergrund ist ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes aus dem Juni 2025. Die Richter hatten damals entschieden, dass das rechtsextreme Compact-Magazin nicht verboten werden durfte. Aber in der Begründung gehen sie deutlich auf Sellner ein. Das Magazin Compact stehe sehr deutlich hinter dem „Remigrationskonzept“ Sellners, führte der Vorsitzende Richter aus. Das sei mit den Werten des Grundgesetzes alles andere als vereinbar.
Die AfD hat das sehr genau gelesen und es herrscht eine gewisse Nervosität. Zu viel Nähe zu Sellner heißt auch: Argumente für ein mögliches Verbotsverfahren. Krah hat sogar eine Debatte angestoßen und ging auf Distanz: Die Einladung Sellners nach Brandenburg bezeichnet er als „Schnapsidee“.
Thüringer AfD bedauert die Absage der Veranstaltung
Doch sehen das alle so? Aus dem Umfeld des Thüringer Landeschefs Höcke kommt eher Unverständnis. Es heißt, Veranstaltungen mit interessanten Personen müssten möglich sein. Der Thüringer Bundestagsabgeordnete Torben Braga nennt die Absagte „bedauerlich und falsch“. Aus der Partei heißt es, dass es selbstverständlich kein Problem sei, mit Sellner zu sprechen – abseits von Veranstaltungen.
In der AfD existiert eine Unvereinbarkeitsliste. Darauf steht die Identitäre Bewegung. Heißt: Wer dort Mitglied war, dürfe nicht in die AfD eintreten. Ein Argument, das dann immer wieder hervorgeholt wird: Sellner wolle ja nicht in die AfD. Also sei das doch kein Problem. Es handele sich schließlich nicht um eine „Unberührbarkeitsliste“, so AfD-Vize Stefan Brandner. Heiße für ihn: Guten Tag sagen und Bier trinken sei erlaubt.
Auch die neue Jugendorganisation zieht keine klare Grenze. Jean-Pascal Hohm, Vorsitzender der Generation Deutschland, findet, dass die Identitäre Bewegung wichtige Debatten lostrete. Deswegen würde er sich niemals distanzieren.
Steffen und Lena Kotré wollen kein Interview geben. Lena Kotré schreibt dem rbb: „Herr Sellner ist ein international anerkannter Experte zum Thema Remigration.“ Das Gespräch – zu dem nun Sellner einlädt – sei rein fachlich. Die Einstufung Sellners durch den Verfassungsschutz „erfolgt nicht auf Grund echter Tatsachen, sondern als Folge politischer Anweisungen der Regierung.“
