Seit mehr als einem Vierteljahrhundert arbeiten die Verhandlungspartner schon auf diesen Tag hin: An diesem Samstag fliegt die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, nach Paraguay, um das bislang größte Handelsabkommen der EU mit dem südamerikanischen Block Mercosur zu unterzeichnen.
In diesen Zeiten der Unsicherheit präsentiert die EU den Mega-Deal als Beweis dafür, dass sie Allianzen schmieden und ihren eigenen Kurs bestimmen kann. Doch bei Klimaaktivisten, Landwirten und dem EU-Schwergewicht Frankreich bleibt das Abkommen unbeliebt. Es könnte noch immer an der Abstimmung im EU-Parlament später in diesem Jahr scheitern.
Es geht um mehr als Freihandel
Mit dem neuen Pakt wollen die 27 Mitgliedsstaaten der EU ihre Kräfte mit Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay bündeln, um eine der größten Freihandelszonen der Welt zu bilden.
Die Verhandlungen dazu begannen schon im Jahr 2000, während der Hochzeit der Globalisierung, als es für Europa noch ein Leichtes schien, neue Partner zu gewinnen. Doch mit dem Krieg in der Ukraine im Osten der EU und den durch die US-Zölle erschwerten Handel im Westen bekommt das Abkommen eine neue politische Bedeutung, sagt der Politikexperte Andres Malamud von der Universität Lissabon: „Vor 26 Jahren ging es bei diesem Abkommen um Führung, um die Festlegung von Regeln für den weltweiten Handel.“ Jetzt, da der Anteil der EU an der Weltwirtschaft im Laufe der Jahre zurückgegangen sei, gehe es um Resilienz, erklärt er gegenüber der DW.
Malamud beschreibt das Abkommen als Versuch der EU, eine regelbasierte Ordnung und Normen wiederherzustellen, „die im Rest der Welt langsam verschwinden“. Es gehe dabei nicht nur um Handel, sondern um „politische Zusammenarbeit und politischen Dialog“.
Besserer Zugang zu Rohstoffen
Auch wenn das Abkommen keine einschneidenden Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt der EU haben wird, könnte es doch Zugang zu Rohstoffen ermöglichen, die für die Zukunft des Kontinents entscheidend sind.
Die EU erhofft sich leichteren Zugriff auf die gewaltigen Mineralvorkommen Brasiliens, die es ihr erlauben würden, ihre Abhängigkeit von China bei Rohstoffen für grüne Technologien und die Rüstungsindustrie zu verringern. Dank niedrigerer Zölle könnten brasilianische Exporteure wiederum ihre Geschäftsbeziehungen zu Europa ausbauen.
Etwa 10 Prozent des weltweit gewonnenen Aluminiums, 13 Prozent des Graphits und 16 Prozent des Tantals stammen aus Brasilien. Das Land dominiert außerdem den Markt für Niob, einem Metall, das in zahlreichen Bereichen eingesetzt wird, von der Stahlproduktion bis zu den supraleitenden Magneten des größten Teilchenbeschleunigers der Welt, dem Large Hadron Collider (LHC) nahe Genf in der Schweiz.
Doch diese Anreize für die weitere Rohstoffförderung sind nur einer der Gründe, warum Klimaaktivisten das Abkommen ablehnen. Sie befürchten, dass es die Abholzung des Amazonas und die Zerstörung von Ökosystemen weiter vorantreiben werde.
Kurzfristige Gewinne für die Autoindustrie?
Die deutsche Autoindustrie gilt als eine der Gewinnerinnen auf europäischer Seite. Denn die durch US-Handelszölle und die nachlassende Nachfrage aus China gebeutelten Autobauer sind auf der Suche nach neuen Kunden.
Wie reagiert Europa auf Trumps Zölle?
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„Die Erschließung neuer Märkte ist von enormer Bedeutung“, betonte Matthias Zink, Vorstand der Sparte Powertrain & Chassis des deutschen Autozulieferers Schaeffler im vergangenen Monat im Gespräch mit der DW. „Wachstum wird außerhalb der etablierten Märkte stattfinden. In Brasilien, in Indien, in Südostasien“.
Ein Argument, das bei den Autobauern seltener Erwähnung findet, ist ihre Suche nach weniger regulierten Märkten, auf denen sie auch in Zukunft umweltschädliche Benzin- und Dieselautos verkaufen können. Ein EU-Verbot für den Verkauf der meisten neuen Benzin- und Dieselfahrzeuge soll 2035 in Kraft treten, auch wenn die Vorgaben hierfür mittlerweile gelockert wurden.
Gegen den Wunsch Frankreichs
Die Freude der deutschen Automobilbranche wird von den europäischen Landwirten nicht geteilt. „Die EU versucht auf Kosten der Landwirte, die deutsche und europäische Industrie zu retten“, beklagte sich etwa ein Teilnehmer einer Demonstration im vergangenen Monat in Brüssel, während hinter ihm Traktoren Kartoffeln aufhäuften, um die Straßen zu blockieren.
Bei Protesten gegen Mercosur und die Agrarpolitik der EU luden Bauern Kartoffeln auf den Straßen Brüssels abBild: Nicolas Tucat/AFP/Getty Images
Im vergangenen Jahr hatte die EU neue „Schutzmaßnahmen“ eingeführt, um den Import von preisgünstigem Fleisch aus Südamerika einzuschränken und eine Wettbewerbsverzerrung zu verhindern, doch es gelang ihr nicht, damit Frankreich zu überzeugen, das Mitglied der EU, das dem Abkommen am kritischsten gegenübersteht.
Auch Polen, Irland, Österreich und Ungarn lehnten den Pakt aufgrund der erwarteten Auswirkungen auf ihre Landwirte ab, wurden jedoch vergangene Woche überstimmt.
Weitreichende Entscheidungen können zwar von jedem EU-Mitgliedsstaat mit einem Veto blockiert werden, für handelspolitische Weichenstellungen ist jedoch nur eine sogenannte qualifizierte Mehrheit der Mitglieder erforderlich.
Es kommt nicht häufig vor, dass die EU eine wichtige Entscheidung ohne die Zustimmung Frankreichs trifft. In Brüssel betrachtet man dies daher als Beweis, dass der Block trotz Meinungsverschiedenheiten handlungsfähig ist, zugleich aber auch als Vorboten weiterer politischer Auseinandersetzungen.
Die Auswirkungen von Trumps Politik
Für Europa könnte die Unterzeichnung am Samstag einen Wendepunkt bei den Handelsbeziehungen einläuten. Vertreter der EU machen nun Druck bei der Verhandlung anderer Abkommen, die wegen Klimabedenken oder landwirtschaftlicher Standards zum Erliegen kamen.
Indonesien: Handelsabkommen mit EU belebt Export-Hoffnungen
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Im vergangenen Jahr unterzeichnete Brüssel ein über zehn Jahr lang mit Indonesien verhandeltes Abkommen und noch vor Ende des Monats wird EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen voraussichtlich ein weiteres Handelsabkommen mit Indien ankündigen.
Inu Manak von der US-amerikanischen Denkfabrik Council on Foreign Relations spricht von einem allgemeinen Trend: „Bei allen US-Handelspartnern findet ein deutlicher Wandel statt in ihren Überlegungen, wie sie ihre Handelsbeziehungen diversifizieren können“, sagt sie gegenüber der DW. „Ich glaube, die US-Regierung hat noch nicht sonderlich viel darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn sich die Weltwirtschaft aufgrund ihrer Handlungen weiter fragmentiert.“
Konkurrenz aus China
Der intensive Wettbewerb um globalen Einfluss verschiebe das Kräfteverhältnis zugunsten der asiatischen und südamerikanischen Partner Europas, die früher als „Regelbefolger“ galten.
„Jetzt können wir beobachten, dass sie sich sagen: Vielleicht muss ich die Regeln anderer gar nicht akzeptieren“, erläutert sie. „Die Länder fragen sich: Warum soll ich mich mit dir einigen, wenn ich zum Beispiel von China bessere Konditionen bekomme? Wenn sie weniger Bedingungen stellen?“
Kerstin Schweizer und Brent Goff haben zu diesem Artikel beigetragen.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.