Die Darstellung des neugeborenen Jesus in der vom SWR übertragenen Christmette in der Stuttgarter Kirche St. Maria von der Künstlerin Milena Lorek (rechts im Bild). Foto: Screenshot SWR (ARD-Mediathek)/ rechts: Xenia Lara Wahl
Nach Empörung und Kritik aus der Kirche äußert sich erstmals die Künstlerin Milena Lorek selbst zur Performance im SWR-Fernsehgottesdienst.
Es ist ein Krippenspiel, das auch drei Wochen nach Weihnachten noch die Gemüter erhitzt. Der Grund dafür: die Darstellung des neugeborenen Jesus im SWR-Fernsehgottesdienst am Heiligabend in der katholischen Kirche St. Maria in Stuttgart. Die 25-jährige Künstlerin Milena Lorek zeigte dort ein ungewöhnliches Jesuskind. „Geburt ist ein schmerzhafter Vorgang. Ich wollte das unbeschönigt zeigen – auch mit den Körperflüssigkeiten, die damit einhergehen“, sagt sie. Ein echter Mensch, der sich im Stroh windet. Gewissermaßen eine Kunst-Performance in der Kirche. Die Bild-Zeitung titelte „ARD zeigt Weihnachtsmesse mit Schleim-Jesus“, und vor allem auch in den sozialen Netzwerken ließ die Kritik nicht lange auf sich warten.
Nun hat sich die Diözese Rottenburg-Stuttgart mit kritischen Worten von der Darstellung in ihrem Gebäude distanziert. „Die Reaktionen auf die Übertragung haben gezeigt, dass religiöse Gefühle verletzt wurden“, teilte die Diözese mit. „Dies bedauern die Verantwortlichen“, heißt es in einer Mitteilung vor wenigen Tagen. Das betreffe insbesondere die Ausgestaltung „einzelner liturgischer Rollen“ und die „performative Gestaltung“. Die Diözese wolle dies nun aufarbeiten, hieß es.
Die Darstellung des neugeborenen Jesus im Krippenspiel im SWR-Fernsehgottesdienst. Foto: Screenshot SWR (ARD-Mediathek)
Gegenüber unserer Zeitung äußert sich nun erstmals die Künstlerin Milena Lorek selbst zu Wort. „Die Kirche verpasst hier die Chance auf eine Form der Erneuerung“, sagt Lorek. Der Mensch komme auf die Welt, um „wieder zu sterben“. Dieser Tragik wollte sie auch als Künstlerin nachgehen. Dass die Kirche nun selbst auf Abstand zu ihrer Arbeit geht, findet die 25-jährige Studentin aus Stuttgart schade. Zumal sie sich auch selbst mit teils heftigen Nachrichten auf Instagram konfrontiert sieht.
Ein weiblicher Jesus
Die Debatte jedenfalls schlägt Wellen. Nicht nur der Spiegel berichtete zuletzt, sondern auch die britische Zeitung The Guardian. Der Titel: „German church’s televised ‘slime Jesus’ provokes fury on right“: Der im deutschen Fernsehen übertragene „Schleimjesus“ habe bei Rechten Empörung ausgelöst. Was ebenfalls zu der Kontroverse beigetragen haben dürfte: Unter den Textilien, der Stärke und dem Wasser, die Lorek für ihre Kunst nutzte, steckte eine junge Frau. Milena Lorek arbeitete für die Performance mit Eleni Sismanidou zusammen, einer 28-jährigen Künstlerin. Keinen Mann für die Rolle zu wählen, das sei kein Zufall gewesen, sie habe die „weibliche Realität“ zeigen wollen – gerade im Kontext mit dem Thema Geburt, so Lorek.
Und auch Eleni Sismanidou äußert sich zu ihrer Performance: „Ich wollte dieses Projekt unterstützen, weil ich es besonders mutig finde, eine Geburt – und nicht irgendeine, sondern die von Jesus – als unbeschönigten Vorgang darzustellen“, sagt sie. Für die Fernsehaufzeichnung lag sie in den Textilien rund zwei Stunden auf Stroh in der Stuttgarter Kirche. Die körperliche Belastung sei enorm gewesen: flaches Atmen, eingeschlafene Füße, taube Hände. „Das war eine transzendente Erfahrung“, erzählt sie.
„Kunst soll anecken“, findet Eleni Sismanidou
Die Auseinandersetzung mit der Kunst, die nun stattfindet, begrüßt Sismandiou grundsätzlich. Kunst in Kirchen habe eine lange Tradition, erklärt sie. Für sie geht die Debatte daher über eine einzelne Performance hinaus: Es gehe um die Frage, wie offen Gesellschaft, Kirche und Politik mit Kunst umgehen – besonders dann, wenn sie unbequem ist. „Gute Kunst soll anecken“, so die Stuttgarterin. Aber der Hass, der ihr und Melina Lorek begegnet sei, habe sie durchaus erschüttert.
Besonders enttäuscht zeigte sie sich über Äußerungen von Klaus Nopper, Stuttgarter Stadtrat und Kandidat für die Landtagswahl (CDU), der die Inszenierung in der Bild als „eklig“ bezeichnete und davon sprach, die Weihnachtsgeschichte werde im Sinne „der Wokeness instrumentalisiert“. „Das finde ich traurig“, sagt die 28-Jährige. Der Begriff „woke“ bedeute ursprünglich schließlich wachsam und sensibel zu sein – eigentlich etwas Positives, gerade mit Blick auf Weihnachten.