
Die iranische Führung hat den Protest im Land brutal niederschlagen lassen, viele Demonstranten wurden getötet. Wer sind die Männer, die im Auftrag des Regimes Menschen gejagt und getötet haben?
Von Paul Jens, ARD Studio Istanbul
Plötzlich tauchen sie am Ende der Straße auf: Roller. Erst einer, dann immer mehr. Auf ihnen sitzen meist zwei Männer: Der vordere lenkt, der hintere hält ein Gewehr im Anschlag. Wer diese Männer sind, ist nicht immer erkennbar. Häufig tragen sie weder Uniform noch Abzeichen. Doch eine Sache ist klar: Wenn sie auftauchen, herrscht Panik unter den Demonstrierenden im Iran.
Szenen wie diese sind in den vergangenen Tagen in Videos in sozialen Medien aufgetaucht – trotz Internetsperre im Iran. Vermutlich via Starlink, ein Satellitennetzwerk, das unabhängigen Internetzugang bietet. Die Videos zeigen oft ein brutales Vorgehen der bewaffneten Männer gegen die Demonstrierenden. Teils wird offenbar mit scharfer Munition geschossen. „Man darf mit einiger Berechtigung annehmen, dass es vor allen Dingen Basidsch-Anhänger oder Angehörige gewesen sind, die auf diesen Rollern ihre Macht gezeigt haben“, erklärt der deutsch-schweizerische Islamwissenschaftler und Iran-Kenner Reinhard Schulze im Gespräch mit tagesschau.de.
Basidsch-Milizionäre sind teilweise selbst ermächtigt
Die Basidsch sind eine bewaffnete Miliz und tauchen im Iran überall dort auf, wo das Regime mögliche Unruhen vermutet oder wie in dem Fall jetzt einen Protest niederschlagen lassen will. „Sie handeln teilweise selbst ermächtigt“, sagte Schulze. „Also nicht durch eine Kommandostruktur ermächtigt, sondern durch eigenes Ansehen, durch eigene Anschauung.“
Das schaffte in der Bevölkerung eine Situation, die abschreckend auf eine Mobilisierung wirke, so der emeritierte Professor der Universität Bern. „Und das ist gerade das, was jetzt die iranische Gesellschaft zu erleben hat.“
Nach der islamischen Revolution 1979 wurde die Miliz gegründet. Sie verfügt über rund 150.000 Kämpfer, die dem iranischen Regime jederzeit zur Verfügung stehen. Hunderttausende weitere Männer können bei Bedarf mobilisiert werden. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht.
Rekrutierung aus ärmeren Schichten
Die Basidsch rekrutieren ihre Mitglieder aus der Bevölkerung. Häufig sind es junge Menschen aus eher armen Verhältnissen, die mit dem Kampf für den religiösen Staat und Vorteilen im Staatsapparat gelockt werden. Auch in ruhigen Zeiten sind die Basidsch im Alltag präsent, unter anderem an Universitäten. Dort sollen sie Systemgegner aufspüren, noch bevor größere Bewegungen entstehen können.
1981 wurde die Basidsch-Miliz als paramilitärische Einheit der Revolutionsgarde unterstellt. „Im Gegensatz zu den Basidsch ist die Revolutionsgarde eine richtige Armee“, sagt Schulze. „Mit Luftwaffe, Marine und Heer ist sie eine Art Eliteeinheit und ist direkt dem Revolutionsführer, Ali Chamenei, unterstellt.“
Revolutionsgarde ist ein Staat im Staat
Auch die Revolutionsgarde soll gegen die Demonstrationen in den vergangenen Tagen eingesetzt worden sein. Allerdings nicht in ihrer vollen Stärke. „Die Revolutionsgarden sind nicht nur einfach eine Schutztruppe, sondern sind auch dafür vorgesehen, in Notsituationen die gesamte Exekutivgewalt in den Städten, sei es in Teheran oder in Schiras oder Isfahan zu übernehmen“, erklärt Schulze. So drohe in den Provinzstädten permanent das Aufkommen einer Diktatur der Revolutionsgarde.
Die Revolutionsgarde sollte ursprünglich das Fortbestehen der Islamischen Revolution im Iran sicherstellen. Heute ist die Organisation jedoch nicht nur eine militärische Macht im Staate, sondern auch eine wirtschaftliche. Sie organisiert die größten Bauvorhaben des Landes, ist an Häfen, dem Eisenbahnnetz und Flughäfen beteiligt.
Außerdem soll die Revolutionsgarde den Gedanken der Islamischen Revolution in andere Länder tragen. So hat die Garde den Aufbau der Hisbollah im Libanon vorangetrieben, die Hamas im Gazastreifen und auch Machthaber Baschar al-Assad in Syrien gestützt. Über die Jahre hat sich die Revolutionsgarde neben der regulären Armee zu einer Macht im Staate entwickelt, ohne die heute kaum noch etwas geht im Iran. Und die mit der Basidsch-Miliz mutmaßlich eine tragende Rolle in der Niederschlagung der Proteste gespielt hat.