Eine Büste von Paula Modesohn-Becker

AUDIO: Unangepasst und neu: Paula Modersohn-Becker krempelt die Kunstwelt um (3 Min)

Stand: 16.01.2026 10:41 Uhr

Paula Modersohn-Becker revolutionierte mit ihren Bildern die Kunstwelt. Kann die Künstlerin heute auch Vorbild sein? Claudia Christophersen findet: Ja!

von Claudia Christophersen

Vielleicht liegt es an der Jahreszeit, am Wetter, garniert mit einem Hauch Melancholie, dass Gedanken, meine zumindest, gerade um Menschen kreisen, die irgendwie etwas Positives bewirken, etwas Gutes, Aufbauendes tun oder getan haben. Aus dem aktuellen Weltgeschehen fallen mir da nur wenige ein. Die Stimmung ist verstörend: Kriege, Krisen, Katastrophen. Woher nur kommt diese ungehemmte Lust, sich brutal zu zeigen, angreifen zu müssen, Territorien erobern zu wollen? Ist die Gier nach Macht so grenzenlos? Ein Gedanke, der nicht in Minutenschnelle abzuarbeiten ist.

Wo aber sind die Vorbilder, die Menschen, von denen etwas ausgeht, die eine produktive Aura ausstrahlen, die Charisma haben, das auch auf uns und unser Handeln einwirkt? Eine Figur, die gerade im Fokus der Kunst steht, wurde vor 150 Jahren geboren: Paula Modersohn-Becker. Mit politischen Weltkonstellationen hatte sie nicht viel am Hut. Sie wurde am 8. Februar 1876 geboren, starb früh im Alter von 31 Jahren im November 1907. Vielleicht hatte sie mit ihrem kurzen Leben wenigstens das große Glück, ein politisch relativ ruhiges Zeitfenster zu erwischen, persönlich weitgehend verschont von Umwälzungen, Umbrüchen und Kriegen. Es war die Ruhe vor dem Sturm.

Frau betrachtet Foto von Paula Modersohn-Becker

Die Malerin hat einen entscheidenden Teil ihres Lebens in Worpswede verbracht. Dort erinnern nun viele Ausstellungen an ihr Leben.

Mit Willensstärke, Ehrgeiz und Talent

Modernisierungsschübe in verschiedensten Bereichen brachen sich dynamisch Bahn, und Frauen wie Paula suchten ihr Recht, sich unabhängig und frei zu entfalten. Ihre Eltern, nicht unmodern, schickten die Tochter zum Englischunterricht nach London, später durfte sie Zeichenkurse in Berlin belegen. Das war nicht wenig, für Paula aber letztlich nicht genug.

Frauen durften in dieser Zeit noch nicht an Kunstakademien studieren. Mit Willensstärke, Ehrgeiz und Talent gelang es ihr dennoch, den Weg als Künstlerin zu beschreiten, vor allem, als sie in die frisch gegründete Künstlerkolonie Worpswede kam. Hier waren Menschen, die sie in ihrer Arbeit unterstützten, die sie formten, von denen sie lernen konnte.

Cover, Boris von Brauchitsch, Paula Modersohn-Becker

Boris von Brauchitsch zeichnet in seiner Biografie „Paula Modersohn-Becker“ das Leben der beeindruckenden Künstlerin nach.

Positive und schöpferische Entschlossenheit

Und sie selbst suchte jede Gelegenheit, ihr Zeichnen, ihr Malen, ihre Technik zu verbessern. Auf Reisen nach Norwegen begeisterte sie sich für die Kunst von Edward Munch. In Paris studierte sie im Louvre die Werke von Rodin und Cézanne. Paula lebte im Museum. Sie guckte genau hin, beobachtete Körperhaltung, Blicke, Kleidung, Frisuren, Accessoires. Hier entstanden unzählige Studien, Aktbilder, Selbstbildnisse, die den weiblichen Körper ungeschönt zeigen. Damals eine Sensation.

Paula Modersohn-Becker, eine Künstlerin, die erst richtig nach ihrem Tod erkannt und berühmt wurde. Nur sehr wenige Bilder hatte sie zu Lebzeiten verkaufen können. Und trotzdem ließ sie sich nicht einschüchtern, blieb stur, unangepasst und malte unverdrossen weiter. Zum Glück. Das ist eine positive, schöpferische Entschlossenheit, die heute selten ist, die gut tut. Zu spüren in Modersohn-Beckers Landschaften, ihren Stillleben, in ihren Gesichtern, den ernsten, den neugierigen. Diese Bilder anzuschauen – das kann im Alltag heute Auftrieb geben. Paula Modersohn-Becker lässt an das Gute glauben, trotz aller Widerstände. Ich gehe ins Museum.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch.

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt.

Eine Frau steckt einen Brief in einen roten Briefkasten.

Das Aus für den dänischen Briefkasten könnte auch eine folgenreiche Entscheidung sein für das Schreiben, für das Lesen, für das kommunikative Miteinander, findet Claudia Christophersen.