Für viele Landwirt*innen sind wirtschaftlicher Druck, lange Arbeitszeiten und hohe Verantwortung Teil des Berufslebens. Welche Auswirkungen diese Belastungsfaktoren auf die psychische Gesundheit haben, wird allerdings selten offen thematisiert. Celina Witt hat sich in ihrer Bachelorthesis genau mit diesem Thema auseinandergesetzt. Witt studiert Agrarmanagement am Fachbereich Agrarwirtschaft in Osterrönfeld an der HAW Kiel und befindet sich mittlerweile im zweiten Mastersemester. Aufgewachsen ist Witt auf einem Ackerbaubetrieb auf der Insel Fehmarn, der heute von ihrem Vater in dritter Generation geführt wird.

Im Rahmen ihres Bachelorstudiums hat die Studentin eine Seminararbeit über körperliche Belastungsfaktoren in der Landwirtschaft geschrieben. „Beim Schreiben der Seminararbeit ist mir erst bewusst geworden, wie viele Belastungsfaktoren man im landwirtschaftlichen Alltag zunächst gar nicht wahrnimmt. Außerdem habe ich gemerkt, dass psychische Belastungen meist nur am Rande erwähnt werden. Deshalb wollte ich dieses Thema in meiner Bachelorarbeit gezielt vertiefen“, erzählt Witt.

Teil ihrer Bachelorarbeit waren Leitfadeninterviews mit acht Expert*innen aus der landwirtschaftlichen Branche, darunter betroffene Landwirt*innen, sozioökonomische Berater*innen der Landwirtschaftskammer, landwirtschaftliche Familienberater*innen sowie Mitarbeitende der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) und der Krisenhotline der SVLFG.

Einer ihrer Interviewpartner war der Landwirt Christoph Rothhaupt aus Unterfranken. Rothhaupt hat selbst Erfahrungen mit psychischen Belastungen gemacht und engagiert sich in der Beratung sowie in der Öffentlichkeitsarbeit, um für das Thema psychische Gesundheit in der Landwirtschaft zu sensibilisieren. „Nachdem ich mit Christoph Rothhaupt gesprochen habe, entstand ein regelrechter Ping-Pong-Effekt“, erzählt Witt. „Rothhaupt hat mich an betroffene Landwirt*innen und an Menschen aus seinem Netzwerk weitervermittelt, die ich dann ebenfalls interviewen konnte.“

In ihrer Bachelorthesis beschäftigte sich die Studentin vor allem mit den Themen Arbeitszufriedenheit, Stress, Depression, Burnout und Suizidalität – und stieß dabei auf interessante Erkenntnisse: „Viele Landwirt*innen machen ihren Beruf wirklich gerne, und für sie ist Landwirtschaft mehr als ein Job – es ist eine Leidenschaft. Gleichzeitig sind psychische Belastungen in der Branche weiter verbreitet, als es nach außen sichtbar ist“, so Witt. „Das Thema war für mich insgesamt sehr spannend, aber auch emotional, da ich selbst aus dem landwirtschaftlichen Bereich komme“, erzählt Witt.

Die Interviews zeigen auch, wie unterschiedlich Landwirt*innen psychische Belastungen erleben und wie schwer es einigen fällt, offen darüber zu sprechen oder Hilfe anzunehmen. Scham, tradierte Rollenbilder, gesellschaftliche Erwartungen und das Gefühl, stets „funktionieren zu müssen“, spielen dabei eine wichtige Rolle. Gleichzeitig zeichnen sich auch positive Entwicklungen ab: Unterstützungsangebote wie die Krisenhotline der SVLFG werden immer bekannter, und die Offenheit, über psychische Belastungen zu sprechen, wächst Schritt für Schritt.

Für ihre Bachelorarbeit wurde Celina Witt auf der Agritechnica beim „Meister & Macher“-Wettbewerb von top agrar und Karrero ausgezeichnet. In der Februarausgabe der Fachzeitschrift top agrar erscheint zudem ein Artikel über sie und ihr Thema. „Das freut mich sehr, weil so das Thema psychische Belastungen in der Landwirtschaft mehr Sichtbarkeit bekommt“, sagt Witt.