„Servus, Luca“, so begann die Nachricht, die Alexa Barczykowski an den Mann schrieb, dem sie ihr heutiges Leben verdankt. Zwei Jahre lang hatte sie darauf warten müssen, dem Neusser Luca Mameli – ihrem Stammzellenspender – endlich schreiben zu dürfen. Eine Geschichte von Krankheit, Zufällen und dem Leben zweier Menschen, das sich durch eine Entscheidung veränderte.
Im Oktober 2020 beschloss Mameli, sich bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) zu registrieren. „Ausschlaggebend war, dass eine Frau aus meinem Bekanntenkreis an Leukämie erkrankt war.“ Dann hörte er zwei Jahre nichts von der gemeinnützigen Organisation – bis ihn zwei Jahre später ein Brief erreichte. „Ich wusste sofort, um was es geht“, sagt der 27-Jährige. Zum damaligen Zeitpunkt habe er Angst vor Spritzen gehabt. Dennoch habe er keine Minute gezögert, seine Stammzellen an seinen genetischen Zwilling zu spenden. „Diese Angst ist nicht vergleichbar mit dem, was die andere Person durchmachen muss“, war er sich sicher.
Diagnose Leukämie: „Ich habe mich nicht aufgegeben“
Dieser Zwilling lebte zu diesem Zeitpunkt in München. „Ich war sportlich aktiv, hatte viele soziale Kontakte und hatte meine Frau geheiratet“, blickt die 61-Jährige zurück. „Ich habe mich gefestigt und im Leben angekommen gefühlt.“ Doch dann kam im Juli 2022 die Diagnose, die ihre Welt zusammenbrechen ließ: Leukämie. „Ich habe den Arzt entsetzt angeschaut und gesagt ‚Das ist doch Krebs?‘“.
Daraufhin folgte die Chemotherapie. „Die Nächte oft schlaflos, der Kopf dröhnte und die inneren Organe rebellierten“, beschreibt sie diese Zeit. Barczykowski ist ein positiver und lebensfroher Mensch. „Ich habe mich nicht aufgegeben, es gab für mich nur die Möglichkeit, dass ich überlebe.“ Es dauerte mehrere Monate, bis sie erfuhr, dass es einen Spender aus Deutschland für sie gibt.
Was auf Stammzellenspender Luca Mameli zukam
„Mir wurde immer wieder die Möglichkeit gegeben, abzubrechen“, erzählt Mameli. Für ihn war das keine Option. Im November 2022 ging es dann los. Eine Woche lang musste er sich selbst ein Medikament spritzen, das für die vermehrte Produktion von Stammzellen und deren Ausschwemmung in die Blutbahn sorgt.
Bei der peripheren Stammzellentnahme – so wie es beim Neusser der Fall war – wird ein Zugang in beide Armvenen gelegt, ähnlich wie bei einer Dialyse. „Es dauerte etwa fünf Stunden“, erzählt Mameli. „Die Nervosität wurde mir vor Ort genommen.“ Als es vorbei war, wuchs in ihm vielmehr die Neugier, zu erfahren, an wen seine Spende geht.
Anfangs nur anonymer Kontakt zwischen Spender und Empfänger
Darauf musste er allerdings zwei Jahre lang warten. Denn in Deutschland gilt die Anonymitätsfrist. Zuvor ist bei der DKMS anonymer Kontakt per Brief oder E-Mail erlaubt, persönliche Daten wie Namen oder Telefonnummern werden jedoch nicht herausgegeben. Nach Ablauf der Frist ist ein persönliches Kennenlernen möglich – vorausgesetzt, beide Seiten stimmen zu. Dies war bei Mameli und Barczykowski der Fall.
„Als ich Lucas Nummer erhielt, schrieb ich ihm direkt“, so Barczykowski. „Ich wollte ihm sagen, wie unendlich glücklich und dankbar ich bin, dass ich lebe. Und ich schrieb ihm, dass seine Zellen wie wild produzieren.“ Zu diesem Zeitpunkt lebte sie in Dingolfing in Niederbayern. Die beiden tauschten weiterhin Nachrichten aus, bis sich dann die Möglichkeit für ein persönliches Kennenlernen ergab. Mameli ist regelmäßig mit seiner Familie in Österreich – dorthin haben sie Barczykowski und ihre Frau eingeladen.
Erstes Aufeinandertreffen „war eher wie ein Wiedersehen“
Die Aufregung kurz vor dem Aufeinandertreffen vergleicht Barczykowski mit „Schmetterlingen im Bauch“. Als es dann so weit war, haben sich die beiden umarmt und sie habe vor Überwältigung weinen müssen. „Eigentlich war Alexa eine fremde Person, aber es hat sich überhaupt nicht so angefühlt“, sagt auch der Neusser. „Es war eher wie ein Wiedersehen. Wir waren sofort auf einer Wellenlänge.“
Die nächsten Tage unternahmen die beiden Familien gemeinsame Wanderungen, machten Ausflüge oder saßen abends gemütlich beieinander. „Luca ist ein wahnsinnig toller Mensch. Stark, selbstbewusst und einfühlsam“, erzählt Barczykowski. „Ich würde ihm alles anvertrauen.“ Und auch für Mameli ist die 61-Jährige zu einer Freundin geworden. „Sie ist sportlich, empathisch und offen“, beschreibt der Neusser seinen genetischen Zwilling. Noch heute tauschen sich die beiden regelmäßig aus. Durch den Kontakt zu der 61-Jährigen nimmt Mameli das Leben intensiver wahr und weiß Gesundheit mehr zu schätzen, sagt er.
Das Leben nach der Erkrankung
Das Leben von Barczykowski ist heute nicht mehr so, wie es vor ihrer Krebserkrankung war. „Ich bin Alexa 2.0“, sagt sie. Früher sei sie sehr leistungsgetrieben gewesen, wollte sich nur selten Pausen eingestehen. „Ich war nie der Mensch, der auf der Couch sitzt und Fernsehen schaut.“ Heute akzeptiert Barczykowski, dass sie ihren Körper nicht mehr so stark belasten kann.
Statt Radeln, Skifahren oder Joggen geht es für sie zum Beispiel zum Reha-Sport. Sie kann auch wieder als Assistentin im Ingenieurbüro arbeiten – allerdings nur ein paar Stunden, weil dann ihre Konzentration nachlasse. Typische Folgen einer Chemo, sagt Barczykowski. Ihr neues Leben hat die 61-Jährige aber angenommen – „ich muss nicht mehr so sein wie früher“.