Der Stromausfall im Südwesten Berlins im Januar hat eine politische Debatte ausgelöst, die weit über technische Analysen hinausgeht. Denn im Kampagnenjahr vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 hat das Ereignis eine zentrale Frage aufgeworfen: Wem vertraut Berlin, wenn es hart auf hart kommt? Für viele Wähler geht es längst nicht mehr nur um juristische Schuldfragen oder Verwaltungsabläufe – sondern um soziale Verlässlichkeit, staatliche Führung und Alltagssicherheit.

Nach dem Blackout, bei dem Tausende Haushalte in Kälte und Dunkelheit saßen, bewertete eine Umfrage des Tagesspiegel die Krisenreaktion des Senats mehrheitlich negativ: Etwa 65 Prozent der Befragten hielten das Krisenmanagement für „eher schlecht“ oder „sehr schlecht“. Gleichzeitig geht aus einer YouGov-Umfrage für die Deutsche Presse-Agentur hervor, dass mehr als die Hälfte der Befragten besorgt über die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur sei. Sie erwarten weitere Vorfälle im Laufe der nächsten fünf Jahre. In einer Zeit, in der das Vertrauen in Institutionen ohnehin nicht groß ist, wirkt ein solcher Befund wie ein Diagnosewerkzeug für das Wahljahr.

Sicherheitsdiskurs und staatliche Handlungsfähigkeit

Die regierende CDU liefert ihr Narrativ über Sicherheit und Ordnung. Bürgermeister Kai Wegner bezeichnete in seiner Regierungserklärung den Anschlag als linksterroristischen Angriff auf die Lebensadern der Stadt. Für ihn ist die politische Lehre klar: Schutz kritischer Infrastruktur, mehr Befugnisse für Sicherheitsbehörden und eine Stärkung des Verfassungsschutzes seien unerlässlich. Diese Betonung von Überwachung und Befugniserweiterung ist klassisch für ein konservatives Krisenbild: Der Staat muss zuerst stark sein, bevor er helfen kann.

Dass viele Berliner diesen Staat infrage stellen, zeigt nicht nur die Umfragekritik am Krisenmanagement. In zahlreichen Medien ist nachzulesen: Befragte beklagen, dass sie erst nach Tagen zuverlässige Informationen erhielten, dass viele alte oder alleinstehende Menschen niemanden hatten, der sie aufsuchte, und dass improvisierte Nachbarschaftshilfe oft die einzige rettende Erfahrung im Blackout war.

Die CDU-Position setzt auf staatliche Handlungsfähigkeit durch Sicherheit, zugleich versucht sie, politische Verantwortungsfragen vom Wahlkampf zu entkoppeln – ein Umgang, der im Berliner Wahljahr doppelt herausfordernd wird: Einerseits will die Partei Stärke zeigen, andererseits wird ihr mangels empathischer Narration so schon oft vorgeworfen, den Alltag der Menschen nicht genug zu adressieren. Der „Tennis-Gate“ zeichnete Kai Wegner als einen bürgerfernen Bürgermeister. Er überbiete sich selbst mit der Aussage: „Ich weiß nicht, ob es einen Unterschied gemacht hätte, wenn ich eine Stunde joggen gewesen wäre“, schreibt Spiegel Online.

Sollten die Berliner im September noch nachtragend sein, könnte Wegners Krisenmanagement seiner Karriere ein Ende gesetzt haben. Doch das Wahlverhalten ist unvorhersehbar. Ein Blick zurück in den Sommer 2021 zeigt das deutlich: Die verheerende Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, das vielfach kritisierte Krisenmanagement sowie die Abwesenheit der damaligen rheinland-pfälzischen Umweltministerin Anne Spiegel wirkten sich kaum auf die Wahlergebnisse aus. Leitparteien wie CDU und SPD verfügten nur zwei Monate nach der Naturkatastrophe weiterhin über genug Rückhalt bei vielen geschädigten und betroffenen Wählern.

Soziale Verlässlichkeit als politische Botschaft

SPD, Grüne und Linke setzen in ihren Reden Mitte Januar im Berliner Abgeordnetenhaus andere Akzente – mit einem gemeinsamen, wenn auch unterschiedlich gewichteten Fokus auf soziale Dimensionen der Krise.

SPD-Fraktionschef Raed Saleh positionierte seine Partei als Brückenbauer zwischen staatlicher Verantwortung und Alltagsnähe. Dank an Helfer und Nachbarn, gleichzeitig Kritik an unzureichender Vorbereitung. Anders als in klassischen Sicherheitsdebatten stellte Saleh in den Mittelpunkt, was Betroffene am dringendsten interessiert: schnelle, verlässliche Hilfsangebote, klare Ansprechpartner und unbürokratische Unterstützung – auch dann, wenn es den Staat Geld kostet. Seine Forderung, etwa Hotelbetten ab dem ersten Tag kostenlos bereitzustellen, zielt auf eine politische Botschaft, die für Wähler spürbar ist – der Staat muss auch dann da sein, wenn der Alltag außer Tritt gerät.

Noch deutlicher in der sozialpolitischen Zuspitzung ist die Linke. Elif Eralp verurteilte den Anschlag nicht nur als „kriminellen Angriff“, sondern bezog ihn direkt auf die Lebensrealität der Schwächsten: Alte, Kranke, einkommensarme Menschen seien am härtesten getroffen worden. In einer Rede, die inzwischen als programmatisches Dokument der Linken im Wahljahr verstanden wird, forderte sie vier konkrete Konsequenzen – darunter einen Notfallfonds für Extrakosten, aktive Unterstützung vor Ort, Mietminderungen für Betroffene und eine robustere Infrastruktur mit Redundanzen.

Während CDU und AfD den Krisenbegriff eher technokratisch, ja teilweise polarisierend nutzen, verschiebt die Linke das Koordinatensystem: Sie macht soziale Sicherheit zum Prüfstein dafür, ob eine politische Ordnung im Ernstfall verlässlich ist. Und sie tut dies nicht nur inhaltlich, sondern mit greifbaren Vorschlägen, die bei Wählergruppen mit Alltagssorgen Anklang finden können.

Die Linke ist in Berlin zweitstärkste Kraft. Schafft es die Partei, aus der Opposition heraus ihre Forderungen zu Aufarbeitung und Konsequenzen des Stromanschlags durchzusetzen, könnte dies zu einer Erstplatzierung führen. Eralp ist zudem Anwärterin auf den Bürgermeisterposten.

Strukturen, Vertrauen und Organisation

Die Grünen wiederum sehen in der Krise vor allem Organisationsdefizite. Sie greifen Wegners Führung während der Wochenendphase frontal an und betonen, dass Vertrauen nur entstehen könne, wenn Krisenstäbe klar kommunizierten, Zuständigkeiten transparent geregelt und Abläufe eingeübt wären. Die strukturelle Kritik der Grünen ist kein Statement allein für Bürokratieliebhaber: Sie betrifft ein zentrales Wahlkampfmotiv 2026, nämlich die Frage, ob Berlin als Verwaltung, Staat und Gesellschaft besser aufgestellt ist als vor dem Vorfall – und ob jetzt endlich Lehren gezogen werden.

Grüne Vertreter verweisen auf den Rechnungshofbericht, der deutliche Mängel im Berliner Katastrophenschutz festgestellt hatte, und fordern eine schnelle Umsetzung klarer Maßnahmen: zentrale Koordinierung, barrierefreie Informationswege, Notfallregister für vulnerable Gruppen und technische Redundanzen im Netz.

Polarisierung am rechten Rand

Die AfD positioniert sich dagegen im Stil eines Generalangriffs auf das politische System: Mit dem Blackout will sie ein Narrativ von „Staatsversagen“ und „Kontrollverlust“ aufbauen. Konkrete Vorschläge zur Verbesserung von Hilfe und Krisenkoordination bleiben dabei vage – die Stoßrichtung ist gewohnt polarisierend. Wahljahrpolitisch kann eine solche Strategie bei einem Teil der Wählerschaft Effekte entfalten, sie bietet jedoch keine nachhaltige Antwort auf die sozialen Erwartungen vieler Betroffener.

Bei den Abgeordnetenhauswahlen 2021 lag die AfD in den vom Stromausfall betroffenen Stadtteilen zwischen vier und fünf Prozent. Spitzenreiter waren damals CDU, SPD und in Teilen die Grünen. Ob der Stromanschlag die blaue Partei an die Marke von rund 20 Prozent hochhievt, bleibt zweifelhaft.

Der Schatten des September-Blackouts

Kritisch für den Wahlkampf ist, dass der Januar-Blackout nicht das erste Ereignis dieser Art war. Bereits im September 2025 führte ein Brandanschlag auf ein Stromkabel zu einem mehrstündigen Ausfall in mehreren Berliner Bezirken und offenbarte ähnliche strukturelle Schwächen. Dass die Konsequenzen daraus nicht umfassend gezogen wurden, nutzen SPD und Grüne als Argument, um die Regierungskoalition in die Pflicht zu nehmen: Warum wird erst nach dem zweiten Vorfall über strukturelle Reformen gesprochen?

Diese Frage ist politisch brisant, weil sie das Narrativ von Lernfähigkeit und politischer Verantwortung berührt – und genau das interessiert viele Wähler mehr als abstrakte Schulddebatten und ausschweifende Parolen.

Wahlen im September – worauf es ankommt

Im Wahljahr 2026 entscheidet sich nicht nur, wer Berlin regiert, sondern wie der Berliner verstanden wird. Die Krise im Januar hat gezeigt, dass Wähler weniger nach juristischer Schuld fragen als nach dem Gefühl der Verlässlichkeit im Alltag.

Die CDU kann Sicherheitskompetenz und staatliche Handlungsfähigkeit betonen, SPD und Linke setzen auf soziale Absicherungen, die Grünen auf strukturelle Reformen. Welche Narrative sich im Wahlkampf durchsetzen, wird darüber entscheiden, welche Koalitionen nach September denkbar sind und ob Berlin als Stadt wahrgenommen wird, die im Ernstfall nicht nur verwaltet, sondern für die Menschen da ist.