Leicht näselnd klingt sie, mit fein sirrender Schärfe. Die Hardangerfiedel der Norwegerin Ragnhild Hemsing ist gewissermaßen der Star des jüngsten Sternzeichenkonzerts. Das mit Perlmutt und Deckenmalereien verzierte Instrument ist ein optischer Blickfang.
Akustisch unterscheidet es sich deutlich von der klassischen Violine, die Hemsing in der Tonhalle ebenfalls spielt. Bei der Uraufführung des Konzerts für Hardangerfiedel und Orchester, das Gordon Hamilton für sie schrieb, wechselt sie – wenn auch nur kurz – von der Fiedel zur Geige und zurück.
Es ist nicht das erste Violinkonzert, das der Australier komponiert hat: Mit und für die Geigerin Hannah Solveij schrieb er 2021 bereits das Werk „Loop Guts“. Im Auftrag der Tonhalle befasste sich der Komponist und Dirigent nun mit dem gläsern schimmernden Spektrum der norwegischen Fiedel, die er diskret durch ein am Instrument angebrachtes Mikrofon verstärkt. Denn an Klangvolumen und Durchschlagskraft ist die klassische Violine ihr klar überlegen.
An diesem Abend muss sie trotzdem lange auf ihren Einsatz warten. Hamiltons neues Konzert beginnt mit tänzerischen Folk-Rhythmen, die Ragnhild Hemsing lustvoll anstimmt, bis in die Zehen Spielfreude ausstrahlend. Ihr Bogenstrich, kontrolliert und zugleich kraftvoll, zieht das Ohr sofort in die Musik hinein. Bordunfiguren und schnelle Wechselnoten erzeugen Ähnlichkeiten zum Dudelsack. Weil sie oft leere Saiten anstreicht, lässt ihr Spiel teils an irisches Fiddling oder amerikanische „Western“-Fiddle-Stile denken, obgleich der stilistische Hintergrund ein anderer ist.
Hamiltons Musik knipst aber auch das Kopfkino an. Die Düsseldorfer Symphoniker breiten unter der Leitung von Ustina Dubitsky eine „Landschaftsmusik“ aus, die Naturbilder wachruft: herbe Fjordufer, sanfte Hügel in einer weiten Ebene. Dass der Komponist die Künstlerin mitten im Konzert umstimmen lässt, begleitet von schimmernden Orchesterfarben, ist ein außergewöhnlicher Coup – und ein zauberhafter Moment. Für den stürmischen Beifall bedankt sich Ragnhild Hemsing mit einem Wiegenlied und einem temperamentvollen Tanz aus ihrer Heimatregion Valdres.
Auszüge aus Edvard Griegs „Peer Gynt“-Suiten führen gleich zu Beginn des Abends in den Norden. Das feine Dirigat von Ustina Dubitsky ist ideal für die berühmte „Morgenstimmung“, ebenso für die delikaten Farben in „Anitras Tanz“ und „Solveigs Lied“. Dass Dubitsky auch die Fortissimo-Regionen im Griff hat, zeigt sich „In der Halle des Bergkönigs“ und in Peer Gynts Heimkehr auf stürmischer See, die Richard Wagners „fliegendem Holländer“ Ehre gemacht hätte.
Erst 18 Jahre alt war Dmitri Schostakowitsch, als er seine 1. Sinfonie vollendete, die 1926 uraufgeführt wurde. Sie ist nach der Pause der klingende Verweis auf das Jubiläum der Tonhalle, die ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Dubitsky bleibt ihrer elegant-empfindsamen Linie treu, was hier zu zwiespältigen Ergebnissen führt. Sie versteht es, das Orchester zu Fortissimo-Ausbrüchen aufzupeitschen und diese ins gewaltsam Pompöse zu steigern. Was häufig fehlt, sind Biss und Konturenschärfe: der aggressive Unterton von Sarkasmus, der im übermütig vorwärts preschenden Allegro (2. Satz) die Zähne bleckt. Die Klavierkaskaden wirken zu harmlos, vom wiederholt und stur in die Tasten gehämmerten Akkord geht kaum disruptive Kraft aus.
Anderes gelingt. Das Lento intensiviert sich, bis manche Takte in Grund und Boden gebohrt werden. Bewundernswert, wie blitzschnell die Düsseldorfer Symphoniker umschalten können: vom militaristischen Gedröhn zum ätherisch-zarten Violinsolo (Franziska Früh), von grüblerischer Depression zum beinahe spätromantischen Gefühlsausbruch. Dem pompösen Finale ist nicht zu trauen: Pathos steht hier schon unter Beobachtung, wird übersteigert, gebrochen und mit grotesken Zügen versehen. Ein Verfahren, das später zu einem Markenzeichen Schostakowitschs wird.