Ein richtig guter Horrorfilm bedient meist eines von zwei Konzepten: eine extrem simple, aber höchst effektive Grundidee. Oder eine clevere Konstruktion von zahllosen Ebenen des psychologischen und seelischen Schreckens, die mit jedem weiteren Blick noch tiefer zu gehen scheinen.

Jordan Peeles Debütfilm Get Out schafft es, beides zu vereinen. Auf den ersten Blick weist bereits das Posterdesign in seinem scharfen Schwarz-Weiß auf den Grundkonflikt und die Horror-Quelle des Films hin. Doch wer sich Peeles Genie ganz öffnet, wird dahinter ein ganzes Wunderland an Grauen, Satire und sozialen Themen finden.

In Get Out wird ein einfacher Besuch bei den Schwiegereltern zum absoluten Albtraum

Chris (Daniel Kaluuya) ist überglücklich in seiner Beziehung zu Rose (Allison Williams). Als nächster Schritt steht nun der von so vielen gefürchtete Besuch bei den Schwiegereltern an. Deren Behausung ist ebenso schön wie einschüchternd. Dean (Bradley Whitford) und Missy (Catherine Keener), Rose’ Eltern, sind hingegen freundlich, (augenscheinlich) tolerant und zuvorkommend.

Nur ab und an schleichen sich unpassende Kommentare über Chris’ ethnischen Hintergrund als Afroamerikaner in Deans Vorträge, die Chris aber mit einem Lächeln abtun kann. So ganz wohl fühlt er sich trotzdem nicht. Auch, weil die Angestellten des Hauses beide seine Hautfarbe teilen und für das weiße Pärchen arbeiten – mit einer bizarren Hingabe, die ihm eine Gänsehaut bereitet.

Je länger der Besuch andauert, desto mehr häufen sich die unangenehmen Begegnungen mit Freunden der Familie. Als ein Freund (Lil Rel Howery) Chris darauf hinweist, dass in der Nachbarschaft in letzter Zeit mehrere Afroamerikaner:innen verschwunden sind, wird Chris nervös. Eine schicksalhafte Begegnung mit Missy zieht schließlich Konsequenzen nach sich, die Chris in höchste Gefahr bringen.

Get Out bei Amazon Prime ist ein einzigartiges, zutiefst verstörendes Horror-Erlebnis

Get Out ist einer dieser seltenen Filme, die man Schicht um Schicht auseinandernehmen kann wie eine Zwiebel, und jede neue Ebene enthüllt neue Möglichkeiten des Horrors. Jordan Peele weiß auf so viele Arten zu verstören, dass der Film auch sieben Jahre später noch nicht an Aktualität oder Wirkung verloren hat.

Das beginnt schon mit einer zutiefst beunruhigenden Darstellung des absoluten Kontrollverlusts und Eingesperrtseins im eigenen Körper, das die scheußlichsten Schlafparalyse-Albträume in uns weckt. Der Body-Horror geht aber noch viel, viel tiefer. Und wer diese offensichtlichen Aspekte zurückpellt wie die Haut eines gelähmten Opfers, wird darunter noch so einiges entdecken.

Etwa die perfideste Analyse von modernem Rassismus, die man sich nur vorstellen könnte. Oder klug gesetzte Humorspitzen, die alles noch viel absurder und unheimlicher erscheinen lassen. Gerade bei einer Zweit- oder vielleicht sogar Drittsichtung zeigt sich bei so vielen Nuancen, warum Get Outs Drehbuch zu Recht 2018 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.

Wer dieses einzigartige Horror-Erlebnis mitmachen möchte, kann das jetzt im Streaming-Abo bei Amazon Prime tun.

Dieser Artikel wurde erstmals in ähnlicher Form im April 2024 bei Moviepilot veröffentlicht.