Traditionsreich und nicht zuletzt wegen der Häppchen beim Publikum beliebt: die Grüne Woche

Traditionsreich und nicht zuletzt wegen der Häppchen beim Publikum beliebt: die Grüne Woche

Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hielt die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) in Berlin ihre Wintertagung ab. Davor hatten Handwerk und Industrie ihre Stände aufgebaut, über die ganze Stadt verteilt fanden parallel Tierausstellungen, Reitturniere und Saatgutmärkte statt. Um diesem ungeordneten Treiben Einhalt zu gebieten, veranstaltete das Berliner Messeamt 1926 zeitgleich zur Fachtagung erstmals eine Messe für landwirtschaftliche Maschinen und Güter. Dies war die Geburtsstunde der Grünen Woche, die seitdem bis auf wenige Ausnahmen jährlich in den Messehallen am Berliner Funkturm stattfand.

Bereits im ersten Jahr lockte sie 50 000 Besucher*innen an. Dabei richtete sie sich von Anfang an nicht nur an Fachleute. Über 200 000 Berliner*innen besaßen, laut Messe Berlin, damals einen Schrebergarten, wo sie Obst und Gemüse anbauten. Überhaupt war Berlin viel ländlicher geprägt als heute. Rund ein Fünftel seiner Fläche war Agrarland. Innerhalb der Stadtgrenzen lebten 45 000 Pferde, 25 000 Schweine, 21 000 Milchkühe und über eine halbe Million Hühner, Enten und Gänse.

Im ersten Jahr wurde auf der Grünen Woche ein vier Meter hoher Universalschlepper mit übermannsgroßen eisernen Reifen und 100 PS präsentiert. Neben den neuesten Landmaschinen gab es auf der Messe aber auch jede Menge Kuriositäten zu bestaunen: 1928 stellte Elektrolux einen Staubsauger zur Reinigung von Pferden vor. Nachfolgemodelle davon sind noch heute auf dem Markt. Weniger Erfolg hatte eine 1930 ausgestellte Eierfrischhaltemaschine: Indem sie immer im Kreis gedreht wurden, sollten darin 5000 Eier ein ganzes Jahr frisch bleiben.

Das Gesicht der Grünen Woche wurde durch die jeweilige Epoche geprägt.


Das Gesicht der Grünen Woche wurde durch die jeweilige Epoche geprägt. So vereinnahmten die Nazis sie während ihrer Herrschaft, um ihre Blut-und-Boden-Ideologie zu verbreiten, wie der Historiker Sven Schultze berichtet. »Reichsbauernführer« Wilhelm Darré hielt dort seine Reden ebenso wie Propagandaminister Joseph Goebbels. Auf der Grünen Woche Anfang 1939 konnten die Messegäste in sogenannte Ernährungsuhren ihre Lieblingsgerichte eingeben und bekamen dafür kalorienärmere Alternativen genannt. Was wie eine technische Spielerei anmutete, diente, nach Einschätzung Schultzes, in Wahrheit dazu, sie bereits auf Krieg und Entbehrung vorzubereiten.

Die erste Grüne Woche der Nachkriegszeit fand 1948, während der Berlin-Blockade statt. »Es ging darum zu zeigen: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir haben die westlichen Alliierten hinter uns, aber Berlin kann sich auch selbst versorgen«, sagt Schultze, der seine Doktorarbeit über die Landwirtschaftsmessen in West und Ost von 1948 bis 1962 geschrieben hat. Zwar wurde die Bevölkerung Westberlins über die Luftbrücke versorgt, aber es gab auch Gärtnereien, Nahrungsspeicher und Gärten. Lehrschauen sollten den Berliner*innen vermitteln, wie sie ihr eigenes Gemüse anbauen können. Aufsehen erregte in diesen Zeiten des Mangels ein rund 40 Kilogramm schwerer Kürbis. Viele andere ausgestellte Lebensmittel waren nur aus Pappe.

Über die Ortswahl der Messe hatte es lange Streit gegeben: Letztlich hatte sich der Vorsteher der Berliner Stadtverordnetenversammlung und spätere Bürgermeister West-Berlins, Otto Suhr (SPD), gegen die SED durchgesetzt. Die Grüne Woche blieb in Berlin, während bei Leipzig eine Konkurrenzveranstaltung entstand.

Im Zuge des Kalten Krieges avancierte die Grüne Woche zum »Schaufenster des Westens«. Man stellte den technischen Fortschritt aber auch den Überfluss zu Zeiten des Wirtschaftswunders zur Schau – auch unter Beteiligung der Westmächte: 1959 mähte eine US-amerikanische Farmerin in einer Halle vor dem Messepublikum mit einer riesigen Erntemaschine ein Weizenfeld. In einer anderen war ein original US-amerikanischer Supermarkt aufgebaut.

Einen großen Einschnitt stellte kurz darauf, 1961, der Mauerbau dar. Mit einem Mal stand die ganze Ausstellung infrage: Welchen Sinn hatte eine Landwirtschaftsmesse in einer abgeriegelten Stadt, zumal wenn mit den Ostdeutschen ein beträchtlicher Teil des Publikums wegfiel? Die Grüne Woche trat mit Erfolg die Flucht nach vorne an, indem sie sich internationaler ausrichtete. 1962 benannte sie sich in Internationale Grüne Woche um.

Von der zunehmenden Technisierung der Landwirtschaft zeugten 1964 ausgestellte Handfunkgeräte von Philips, über die zwischen Acker und Stall kommuniziert werden konnte, und ein 1966 aufgebautes zwölf Meter hohes Turmgewächshaus mit automatischem Aufzugsystem. Ziel dieser Erfindung – ein Vorläufer des heutigen Vertical Farming – war es, den Flächenverbrauch deutlich zu reduzieren, indem Gemüse übereinander angebaut wird.

Weitere geschichtliche Meilensteine waren die Wiedervereinigung und die EU-Osterweiterungen. Berlin rückte damit ins Zentrum Europas, die Zahl der Aussteller*innen und Besucher*innen wuchs.

Ab den 90er Jahren nahmen immer mehr Biobetriebe an der Grünen Woche teil. Einzelne Biostände hatte es schon früher gegeben. Aber erst 2002, mit Renate Künast (Grüne) als Bundesministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz, entstand eine reine Biohalle. Anfangs verfügte sie noch über einen großen Bereich für lebende Tiere. »Es gab einen großen Mobilstall mit Biogeflügel unter einem Netz«, erinnert sich Friedhelm von Mering, Teamleiter für Politik und Recht beim Bund für Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Außerdem fanden sich in der Halle Stände von Berliner Biobäckereien, bayrischen Biobrauereien und von Witty’s Bio-Currywurst.

Seit einigen Jahren stehen in der Biohalle neben Demeter, Bioland und Naturland zunehmend Handelsketten wie Aldi, Lidl und Edeka. Viele Biostände sind in die Länderhallen abgewandert, weil es dort, anders als in der Biohalle, noch eine zentrale Koordination gibt. Andere kommen gar nicht mehr, weil schon im Februar die »Biofach« in Nürnberg stattfindet. Dieses Jahr wird es erstmals wieder eine reine Biohalle geben.

Ein kleineres Jubiläum feiern dieses Jahr auch die Proteste gegen die Grüne Woche: Für den 17. Januar ruft ein Bündnis aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft, Verbraucherschutz-, Tierschutz- und Umweltorganisationen zur 15. »Wir haben es satt«-Demo nach Berlin auf.