Eine Vereinsgaststätte am Rande der Stadt, es ist Freitagabend kurz vor 19 Uhr. Eltern holen ihre Kinder vom Sportplatz ab, während Gäste einen Parkplatz suchen. Der Duft von Gegrilltem und aufdringlichem Flieder liegt in der Luft. Es ist Frühsommer in Stuttgart, bilderbuchhaft und warm. Alles blüht, Leute lachen und suchen sich Sitzplätze auf der Terrasse. Michael Laabs sitzt schon im Hinterzimmer der Gaststätte. Der 51-jährige Stuttgarter hat seine Frau verloren, als er 43 Jahre alt war. Sie starb völlig überraschend an einer Lungenembolie.
„Mit 43 Jahren war ich plötzlich Witwer“, erzählt er. Laabs ist bei der AWS angestellt und fährt Kehrmaschinen durch Stuttgart. Er ist groß, war mal der stärkste Mann Baden-Württembergs und Deutscher Meister im Kraftdreikampf. Wie lernt man, von heute auf morgen, mit Trauer umzugehen? Mit Mitte 40 so den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen, dass man nur noch taumelnd durchs Leben läuft? Es ist immer zu früh, oder?
Michael Laabs organisiert den Stammtisch. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Michael lächelt. Er hat eine beruhigende Ausstrahlung, die raumeinnehmend wie eine Gewichtsdecke alles zappelig Nervöse um uns überdeckt. Das Hinterzimmer des Griechen füllt sich nämlich so langsam. Stühle werden gerückt, Handtaschen platziert, Übergangsjacken aufgehängt, erste Getränkebestellungen aufgegeben. Heute kommen um die 30 Witwen und Witwer zum monatlich stattfindenden Stammtisch, so Michael. Der Stuttgarter ist mit seinem Schicksal nicht alleine.
Stammtisch für Verwitwete: Rüstig ist hier niemand
Aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes zufolge leben in Deutschland mehr als 600.000 Frauen und Männer unter 60 Jahren, die ihre Ehepartner oder -partnerinnen durch Krankheit, einen Unfall oder Suizid verloren haben. Nicht berücksichtigt sind Unverheiratete. Christine ist auch hier. Sie ist die neue Partnerin an Michaels Seite und organisiert mit ihm den Stammtisch, der jeden ersten Freitag im Monat in einem anderen Lokal in Stuttgart und der Region stattfindet. Christines Mann starb 2016 an einem Herzinfarkt, nur sechs Monate vor Michaels Frau Karin.
Nach einem TV-Bericht im vergangenen Jahr sei die Zahl der Mitglieder in die Höhe geschnellt, berichten die beiden. Etwa 70 Witwen und Witwer seien inzwischen registriert, zu den Stammtischtreffen kommen jedes Mal um die 30 Leute, die zwischen 40 und 60 Jahre alt sind. „Einige sind schon seit längerer Zeit Teil der Gruppe, während andere ihren Partner erst vor wenigen Monaten verloren haben“, erzählt Laabs.
Die Gruppe organisiert sich über einen Whatsapp-Channel, der in der Zwischenzeit auch einige Untergruppen enthält. „Einige von uns treffen sich auch in kleineren Gruppen, um zum Beispiel wandern zu gehen“, sagt Micheal. Rüstig ist hier übrigens niemand. Die Altersspanne bewegt sich zwischen Ende 30 bis 60 Jahren. „Ein Mensch, der in jungen Jahren verwitwet, benötigt eine andere Art der Unterstützung als jemand im Alter von 70 oder 80 Jahren“, erklärt Michael Laabs. Wer mit 40 oder 50 Jahren an einem Trauerkreis teilnimmt, in dem vor allem ältere Menschen vertreten sind, fühlt sich häufig nicht richtig aufgehoben – denn man steht in einer völlig anderen Lebenssituation. „Das harmoniert einfach nicht.“
„Wir sind kein Jammerverein“
Auch Lisa* hat heute wieder den Weg nach Stuttgart gefunden. Sie wohnt in der Nähe von Pforzheim und wurde bei einer Trauerbewältigungskur auf die Gruppe aufmerksam gemacht. „Man sitzt immer woanders und kommt leicht ins Gespräch“, erzählt die 50-Jährige, die vor drei Jahren ihren Mann verloren hat. Auch bei ihr ging es schnell. Sie fand Halt durch die Unterstützung von Psychologen, musste aber zwei Jahre auf einen Kurplatz warten. Sie nimmt den weiten Weg aus Pforzheim gern auf sich und erzählt, dass andere noch längere Anfahrtswege haben. „Es gibt Verwitwete aus Bad Rappingen, Rottweil, Heilbronn, Göppingen und vom Bodensee“, erzählt Lisa, während das Essen serviert wird.
Jetzt wird es zum ersten Mal kurz ruhig in dem Raum. Man muss nämlich wissen, dass es hier sehr lebhaft zugeht und viel gelacht wird. „Einige sind am Anfang geschockt, weil es hier zu lustig zugeht“, sagt Michael und erklärt, dass Trauer ganz unterschiedlich ist. Für manche sei es einfach zu früh, die würden dann zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen, so der Organisator. „Es fließen auch Tränen“, sagt Michael, der ergänzt, dass aber meist mehr gelacht als geweint wird. „Wir sind kein Jammerverein.“ Derzeit nehmen mehr Frauen als Männer an dem Stammtisch teil. Aus seiner Erfahrung heraus sagt Laabs: Männer sprechen seltener offen über ihre Trauer. Worüber an diesem Abend aber alle sprechen, sind die aktuell unverschämten Gastropreise, Pächterwechsel bei Ausflugslokalen und der schreckliche Stuttgarter Verkehr.
„Schiebt nichts auf, macht es einfach!“
Einige hier sind seit zehn Jahren verwitwet, andere noch ganz frisch. Was sie alle eint, ist das gute Gefühl, das man hat, wenn man sich mit Gleichaltrigen austauschen kann, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. „Wir haben eine gemeinsame Basis“, sagt Klaus*, der nach dem Tod seiner Frau erst mal lernen musste, wie man die Waschmaschine bedient. Auch Bügeln hat der Mann mit Youtube-Videos gelernt. In seinem Bekanntenkreis hätte er zwar am Anfang auch Halt gefunden, aber das Leben geht auch dort weiter. „Man fühlt sich einfach verstanden, die anderen haben das Gleiche erlebt“, so der 50-Jährige. Lisa pflichtet ihm bei. „Solange man nicht selbst betroffen ist, ist es schwierig zu verstehen.“ Gibt es etwas, dass sie jungen Paaren raten möchte? „Ja, schiebt nichts auf“, so Lisa, die gerade mit ihrer Mutter Japan bereist hat und schon die nächsten Trips mit ihren beiden Kindern plant. „Einfach machen und nicht warten.“
Dieser Artikel erschien erstmals am 17. Mai 2025.
*Namen sind der Redaktion bekannt
Kontakt zu Michael Laabs kann man per E-Mail unter vw-stammtisch@gmx.de aufnehmen.