Als das Spitzenspiel der Zweiten Liga im Berliner Olympiastadion angepfiffen wurde, war die ganze Ostkurve in Blau und Weiß gehalten. Mit Papptafeln bildeten die Fans von Hertha BSC das Design der Trainingsjacke nach, die Kay Bernstein, der frühere Präsident des Berliner Fußball-Zweitligisten, oft getragen hat. Am Freitag vor zwei Jahren ist Bernstein im Alter von nur 43 Jahren verstorben.
Kurz darauf war die Ostkurve des Olympiastadions grau und dunkel. Keine Fahnen, keine Banner, keine Doppelhalter. Auch Gesänge waren nicht mehr zu hören. Beziehungsweise noch nur Gesänge, die sich gegen die Polizei richteten.
Passt wie Arsch auf Eimer Miron Muslic hat den FC Schalke 04 mit sich selbst versöhnt
„Mehr geht nicht: ein volles Stadion, zwei große Vereine“, hatte Stefan Leitl kurz vor dem Spiel seiner Mannschaft gegen den FC Schalke 04, den Tabellenführer der Zweiten Liga, im Interview bei Sky gesagt. Aber das mit dem vollen Stadion stimmte schon bald nicht mehr. Nach gut 15 Minuten verließen Herthas Ultras ihre Plätze, die ersten 15 Reihen in der Ostkurve blieben fortan komplett leer.
Der Grund für all das: ein Polizeieinsatz vor dem Anpfiff, zunächst offenbar vor dem Osttor des Stadions, dann auch vor Herthas Kurve. „Mindestens 30 verletzte Fans“ beklagte die Fanhilfe in einer Pressemitteilung; einige Anhänger seien „direkt durch Polizeigewalt schwerst verletzt worden und mussten in die Notaufnahme gebracht werden“. Die Fanhilfe warf der Polizei „brutale Eskalation“ vor.
Das sagt die Polizei
Am späten Abend hat die Berliner Polizei auf ihrem Account bei X Stellung zu den Vorfällen vor dem Spiel bezogen. Demnach seien Polizisten am Eingang zur Ostkurve von vermummten Fans unter anderem mit Absperrgittern beworfen und mit Schlagwerkzeugen attackiert worden. Deshalb sei es notwendig gewesen, Pfefferspray gegen größere Gewalttätergruppen einzusetzen.
„Nach aktuellem Stand wurden 21 Einsatzkräfte und 31 Fans verletzt“, schreibt die Polizei. Sie habe mehrere Personen unter anderem wegen des Verdachts der Beleidigung, der gefährlichen Körperverletzung und des Verdachts des besonders schweren Falls des Landfriedensbruchs festgenommen.
Die Stimmung im Stadion passte deshalb über weite Strecken nicht zu dem, was sportlich auf dem Spiel stand – zumal auch die aktiven Fans der Schalker aus Solidarität mit den Herthanern ihren Support einstellten. „Das wollte keiner“, sagte Herthas Geschäftsführer Peter Görlich. „Dieses Spiel hätte Support verdient.“
Herthas Ultras verließen nach etwa einer Viertelstunde ihre Plätze in der Ostkurve.
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Stattdessen lag ein latentes Grummeln über dem Spiel, das für beide Teams als richtungsweisend erachtet worden war und das von den Akteuren auf dem Platz entsprechend emotional geführt wurde.
Die Leistung war absolut okay, nur das Ergebnis passt nicht ganz.
Herthas Trainer Stefan Leitl über das 0:0
Beide Klubs sind 2023 aus der Bundesliga abgestiegen, beide wollen möglichst nach dieser Saison dorthin zurück. Hertha schien es an diesem Abend ein bisschen mehr zu wollen. Die Mannschaft investierte mehr und Hertha hatte auch die besseren Chancen, aber es sollte nicht sein. Die Berliner kamen vor 71.157 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion nicht über ein 0:0 hinaus. „Die Leistung war absolut okay, nur das Ergebnis passt nicht ganz“, sagte Leitl.
Die Schalker jedenfalls können mit dem Resultat deutlich besser leben. „Der Punkt ist sehr glücklich“, gab deren Trainer Miron Muslic zu. Leitl hingegen fand es „sehr bitter für uns, dass es nicht drei sind“.
Herthas Trainer hatte von den Spielern, die unter der Woche grippekrank gefehlt hatten, immerhin Innenverteidiger Marton Dardai in der Startelf aufbieten können. Kapitän Fabian Reese saß zudem auf der Bank. Dass er allerdings noch nicht ganz fit war, zeigte sich zehn Minuten vor der Pause, als sein Ersatzmann Maurice Krattenmacher wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel nicht mehr weiterspielen konnte.
Leitl wechselte nicht etwa Reese ein, sondern Jeremy Dudziak, der damit nach mehr als 17 Monaten sein Comeback für Herthas Profis feierte. Neben Reese fehlte kurzfristig auch Stammtorhüter Tjark Ernst, den die Grippewelle ebenfalls erwischt hatte. Für ihn stand, erstmals unter Trainer Leitl, Marius Gersbeck im Tor.
Allen personellen Problemen zum Trotz war Hertha die dominierende Mannschaft. Die Schalker wurden ihrem Ruf gerecht, im Spiel nach vorne nicht ihre größten Stärken zu haben. Gersbeck wurde von ihnen nur selten behelligt. In den gesamten 90 Minuten brachte der Herbstmeister der Zweiten Liga keinen Schuss auf das Tor der Berliner.
„Wir haben die Tiefe sehr gut verteidigt. So konnte Schalke nie sein Spiel aufziehen“, sagte Leitl. Der Expected-Goals-Wert der Gäste lag am Ende bei 0,17 – im Vergleich zu immerhin 1,35 für die Berliner.
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In der ersten Hälfte hatte Hertha zwei richtig gute Chancen. Beide leitete der starke Michael Cuisance mit präzisen Pässen auf Marten Winkler ein, und beide Male scheiterte Herthas Linksaußen an Schalkes glänzend reagierendem Torhüter Loris Karius. Sonst ließen die Gäste, die von rund 20.000 Fans unterstützt wurden, in der ersten Hälfte wenig zu – so sehr sich Hertha auch mühte.
Nach der Pause intensivierten die Berliner ihre Anstrengungen. Mittelstürmer Luca Schuler besaß nach gut einer Stunde eine Kopfballgelegenheit, brachte aber nicht genügend Wucht hinter seinen Abschluss. Kurz darauf traf er den Pfosten. Eine Viertelstunde vor Schluss kam Fabian Reese dann doch noch, gemeinsam mit Dawid Kownacki. Doch auch sie schafften es an diesem Abend nicht, Schalkes Defensive zu überwinden.