Ein möglicher Frieden im Krieg zwischen Russland und der Ukraine würde Europa nicht nur außenpolitisch, sondern auch energiepolitisch vor neue Fragen stellen. Gerade in Deutschland könnte die Debatte über russisches Erdgas wieder an Fahrt gewinnen – auch wenn eine tatsächliche Rückkehr der Lieferungen rechtlich und politisch weiterhin stark begrenzt wäre.

Potenzieller Frieden rückt Erdgas in den Fokus

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Jahr 2022 hat die Europäische Union ihre Abhängigkeit von russischem Erdgas massiv reduziert. Vor dem Krieg stammten rund 45 Prozent der EU-Gasimporte aus Russland. Bis Oktober 2025 lag der Anteil nur noch bei etwa 12 Prozent.

Diese Abkopplung war teuer, politisch gewollt und inzwischen rechtlich zunehmend fixiert. Gleichzeitig nähren schleppende Friedensgespräche zwischen Moskau und Kyjiw Spekulationen darüber, ob und in welchem Umfang wirtschaftliche Beziehungen wieder aufgenommen werden könnten. Fossile Energieträger stehen dabei im Zentrum, weil sie für Deutschland weiterhin eine Schlüsselrolle spielen – insbesondere für die Industrie.

EU-Recht setzt enge Grenzen

Entscheidend ist: Die Debatte findet nicht im luftleeren Raum statt. Im Dezember 2025 erzielten EU-Parlament und Mitgliedstaaten eine politische Einigung auf neue Regeln zum schrittweisen Ausstieg aus russischem Erdgas; das Europäische Parlament stimmte am 17. Dezember 2025 zu. Die formale Annahme durch den Rat und das Inkrafttreten (nach Veröffentlichung) stehen noch aus.

Pipeline-Gas aus Russland soll spätestens Ende September 2027 verboten sein, Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) faktisch bereits ab Ende 2026. Die EU begründet diesen Schritt ausdrücklich mit Sicherheitsinteressen und der Erfahrung einer Instrumentalisierung von Gaslieferungen durch Russland.

Der Deal sieht also gestaffelte Fristen vor:

  • Verbot für neue Verträge 6 Wochen nach Inkrafttreten
    • für bereits bestehende Lieferbeziehungen gelten Übergänge
  • Ende für kurzfristige LNG-Verträge ab 25. April 2026
  • Ende für kurzfristige Pipeline-Verträge ab 17. Juni 2026
  • Verbot für langfristige LNG-Verträge ab 1. Januar 2027
  • Verbot für langfristige Pipeline-Verträge ab 30. September 2027

Zwar enthält die Verordnung eine Notfallklausel für extreme Versorgungslagen, doch diese ist eng gefasst und politisch schwer durchsetzbar. Ein grundlegendes Zurück zur alten Abhängigkeit ist damit rechtlich kaum vorgesehen.

Deutschlands Gasrealität

Deutschland ist heute deutlich unabhängiger von Russland als noch vor wenigen Jahren. Nach Angaben der Bundesnetzagentur lag der Erdgasverbrauch im Jahr 2024 bei rund 844 Terawattstunden – etwa 14 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021.

Der größte Teil von rund 61 Prozent entfiel weiterhin auf Industrie und Gewerbe. Die Importe kamen vor allem aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Zusätzlich wurden rund 69 Terawattstunden über neue LNG-Terminals eingeführt – ein Infrastrukturkraftakt, der innerhalb weniger Jahre umgesetzt wurde.

Die Zahlen zeigen, dass Deutschland ohne russisches Erdgas auskommen kann. Sie erklären aber auch, warum die Debatte nicht verstummen dürfte. Energieintensive Industrien leiden weiterhin unter höheren Preisen als vor 2022, was den Standort Deutschland unter Wettbewerbsdruck setzt.

Nord Stream: technisch denkbar, politisch toxisch

Kaum ein Symbol steht so sehr für die deutsche Erdgas-Debatte wie die Nord-Stream-Pipelines. Die Leitungen wurden 2022 sabotiert; ein Strang von Nord Stream 2 gilt als weitgehend intakt. Technisch wäre eine partielle Wiederinbetriebnahme grundsätzlich möglich – allerdings nur nach Reparaturen, Sicherheitsprüfungen und Genehmigungen.

Dänemark erteilte Anfang 2025 eine Genehmigung für reine Erhaltungsmaßnahmen an Nord Stream 2, um Korrosion und weitere Umweltrisiken zu vermeiden. Dabei geht es ausdrücklich nicht um einen Neustart des Betriebs, sondern um die Sicherung der beschädigten Infrastruktur.

Hinzu kommt die Klimadimension: Eine aktuelle Studie im Fachjournal Nature bezifferte die Methanemissionen der Nord-Stream-Lecks als eines der größten einzelnen Freisetzungsereignisse dieses Treibhausgases. Methan wirkt über einen Zeitraum von 20 Jahren betrachtet mehr als 80-mal so stark klimawirksam wie Kohlendioxid (CO2). Jede Diskussion über eine Wiederbelebung der Pipelines würde daher unweigerlich auch neue klimapolitische Fragen aufwerfen.

Darum dürfte die Erdgas-Debatte trotzdem zurückkehren

Trotz aller Hürden gibt es Gründe, aus denen ein möglicher Ukraine-Frieden die Diskussion über russisches Erdgas neu beleben könnte:

  • Kostenargumente: Russland gilt weiterhin als einer der günstigsten Erdgaslieferanten für Europa. Selbst begrenzte Mengen könnten theoretisch preisdämpfend wirken.
  • Diversifizierungsargumente: Einige Akteur*innen warnen vor neuen Abhängigkeiten – etwa von LNG aus den Vereinigten Staaten. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht in diesem Zusammenhang mögliche langfristige Versorgungsrisiken.
  • Industriepolitischer Druck: Hohe Energiepreise bleiben ein strukturelles Problem für energieintensive Unternehmen in Deutschland.

Dem stehen gewichtige Gegenargumente gegenüber: die rechtliche Fixierung des EU-Ausstiegs, geopolitisches Misstrauen gegenüber Moskau und das politische Signal an die Ukraine. Hinzu kommt, dass Russland seine Erdgasstrategie zunehmend nach Asien ausrichtet und Europa nicht mehr der zentrale Absatzmarkt ist.

Topaktuell

Wahrscheinlicher Ausgang

Alles deutet darauf hin, dass ein möglicher Frieden zwar eine politische Debatte auslösen könnte, aber kaum zu einer echten Kehrtwende führt. Die EU hat ihre Lehren aus der Energiekrise gezogen und versucht, diese durch verbindliches Recht zu zementieren. Deutschland wiederum hat Alternativen aufgebaut, die aktuell zwar noch teurer sind, jedoch als sicherer gelten.

Ein Ukraine-Frieden würde die Frage nach russischem Erdgas also neu stellen – beantworten dürfte Europa sie weitgehend mit bestehenden Beschlüssen. Die Debatte wäre real, die Rückkehr der Moleküle eher symbolisch als praktisch.

Quellen: Europäischer Rat; Bundesnetzagentur; Energistyrelsen; „Methane emissions from the Nord Stream subsea pipeline leaks“ (Nature, 2025); „LNG: Die Bedeutung der US-Importe für die deutsche Gasversorgung“ (IW, 2024)

Hinweis: Ukraine-Hilfe

Seit dem 24. Februar 2022 herrscht Krieg in der Ukraine. Hier kannst du den Betroffenen helfen.