Interview

Standdatum: 18. Januar 2026.

Autorinnen und Autoren:
Alexander Schnackenburg

Älterer Herr mit Mütze hält einen Moosbüschel in die Luft

Bild: Jochen Röer

Der Bund hat vor zwei Jahren Pläne für den Moorschutz verabschiedet. Doch die taugen nichts, sagt der Bremer Forscher Joachim Blankenburg. Er fordert eine Novelle.

Gerade hat Joachim Blankenburg, langjähriger Leiter des Geologischen Dienstes für Bremen, einen Brief an Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) geschrieben. Zusammen mit einem weiteren Moorexperten, mit Eberhard Masch aus Meppen, erklärt Blankenburg dem Minister darin, wieso er die Nationale Moorschutzstrategie in wesentlichen Punkten für unrealistisch hält. 

Dazu muss man wissen: Fünf Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente möchte der Bund bis 2030 mit der Moorschutzstrategie einsparen. Bislang erreicht aber habe man lediglich 0,1 Millionen Tonnen, sagt Blankenburg. Woran das liegt und was nun zu tun ist – darüber hat buten un binnen mit ihm gesprochen.

Sie glauben, dass die Nationale Moorschutzstrategie in ihrer jetzigen Form zum Scheitern verurteilt ist. Warum?

Weil man die Landwirte damit nicht erreicht. Die Idee hinter der Strategie war einmal, dass die Landwirte freiwillig mitmachen, Flächen vernässen und anschließend etwa Schilf oder Rohrkolben anbauen. Aber das macht kaum einer. 

Wo liegen die Fehler?

Zum einen müssen die Landwirte für die Vernässung unglaublich komplizierte Anträge schreiben. Man braucht dafür mehrere Gutachten. Das ist für eine einzelne Fläche viel zu aufwendig. 

Zum anderen rechnet es sich für die Landwirte nicht. Es gibt noch keine wirtschaftlich rentable Paludikultur, die vergleichbare Einkommen wie bei der Milchviehhaltung erreicht (eine Paludikultur ist ein Verfahren zur nassen Bewirtschaftung von Mooren, die Redaktion). Wenn ich so eine vernässte Fläche herrichten will mit Schilf oder mit Rohrkolben, muss ich die Fläche präparieren. Dazu muss ich in der Regel etwas planieren und Dämme bauen. Ich benötige zusätzliches Wasser und die entsprechenden wasserrechtlichen Genehmigungen. Das kostet sehr viel Geld. Ohne hohe Zuschüsse kann kein Landwirt dies finanzieren. Zumal die Banken sofort die Schotten dicht machen, wenn sie das Wort „Wiedervernässung“ hören. Die setzen den Flächenwert dann gleich bei Null an.

Man weiß ja auch tatsächlich nicht, ob der Umstieg auf Schilf und Rohrkolben funktioniert. Auf der Versuchsfläche in Ganderkesee des Niedersächsische Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten und Naturschutz ist der Anbau von Schilf und Rohrkolben im Prinzip gescheitert.

 Renaturierung und Wiedervernässung einstiger Meliorationsgebiete, Naturpark Flusslandschaft Peenetal

Zeugnis von Renaturierung durch Verwässerung im Naturpark Flusslandschaft Peenetal: In besiedelten Gebieten wäre das nicht denkbar.

Bild: Imago | imagebroker

Wie könnte man die Moorschutzstrategie modifizieren, damit sie aufgeht?

Mit ein paar kleinen Änderungen ist es leider nicht getan. Die Strategie geht von falschen Voraussetzungen aus, die man aus kleinen Versuchen abgeleitet hat. So heißt es zur Vernässung, dass die Landwirte, um irgendwelche Anträge zu stellen, auch im Sommer Wasserstände einstellen sollten von lediglich zehn oder 20 Zentimetern unter Gelände (dicht unter der Erdoberfläche, die Redaktion), also vergleichsweise sehr hohe Wasserstände. Das wünscht man sich, damit der Torfschwund durch die Luftzufuhr minimiert wird und gleichzeitig kein Überstau entsteht.

Doch das ist bodenphysikalisch nicht möglich. Wir wissen aus vielen Vernässungsprojekten: Ich kann aufgrund der Veränderung der Torfe einen derartigen Wasserstand nicht großflächig einstellen. Früher, in intakten Mooren, war der Torf wie ein großer Schwamm. Durch die Entwässerung aber hat sich seine Struktur verändert. Der Torf kann jetzt wesentlich weniger Wasser speichern, vielleicht noch halb so viel wie früher. Deshalb trocknet der Boden auch nach sehr nassen Wintern im Sommer aus. Der Wasserstand fällt unweigerlich deutlich ab. 

Das kann man nur verhindern, wenn man im Winter Wasser aufstaut, dass dann im Sommer langsam verdunstet. So machen wir das im Hochmoor. Bei den landwirtschaftlichen Flächen, um die es hier geht, will man das aber nicht. Denn damit würde man ganze Siedlungen unter Wasser setzen.

Information zum Thema
Die Nationale Moorschutzstrategie

Die Nationale Moorschutzstrategie ist ein Plan der Bundesregierung, um Moorlandschaften zu schützen und wiederherzustellen. Dadurch soll der Ausstoß von Treibhausgasen aus Moosen reduziert werden. Gleichzeitig soll die Artenvielfalt bewahrt und das Wassermanagement in der Landwirtschaft verbessert werden. Der Bund hat die Strategie im November 2022 verabschiedet.

Zum Hintergrund: Es gibt in Deutschland kaum noch Hochmoore, also Moore, die sich nur aus Regenwasser speisen. Denn sie wurden über Jahrhunderte für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und den Torfabbau trockengelegt. Auch Niedermoore – Moore, die sich etwa auch aus Grundwasser speisen – wurden auf diese Weise weitgehend zerstört.

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Was fordern Sie vor diesem Hintergrund in ihrem Brief an den Bundesumweltminister?

Wir fordern vor allem Zeit. Realistisch aus unserer Sicht ist, dass man bis 2045 vielleicht zehn Prozent der deutschen Moorflächen vernässen kann – nicht alle! Man kann natürlich in der Zwischenzeit neue Ideen entwickeln. 

Aber auch dazu müsste man die Moorflächen unbedingt neu kartieren. Das Thünen Institut geht derzeit von bundesweit 1,3 Millionen Hektar reiner Moorböden aus. Aber die zugrundeliegenden Daten sind nicht sicher. Bei einer Nachkartierung im Emsland hat man festgestellt, dass dort nur noch etwa die Hälfte der Moorböden übrig sind. Daher glauben wir, dass die Flächenangaben aus der Moorschutzstrategie viel zu groß sind.

Wir leben in Bremen und umzu im Flachland. Müssen wir uns sorgen, dass wir aufgrund von Renaturierungsmaßnahmen irgendwann im Wasser versinken werden?

Also in Bremen sind wir ganz gut aufgestellt, wenn man sich die großen Flächen im Blockland ansieht. Dort haben wir mächtige Niedermoore, die mit natürlichem Klei abgedeckt sind (Niedermoore sind von Grundwasser gespeiste Moore; bei Klei handelte es sich um entwässerten Schlick. Klei kann viel Wasser halten, die Redaktion). Dort sind die Treibhausgas-Emissionen deutlich niedriger als auf reinen Moorflächen. Man kann hier durch leichtes Anheben der Wasserstände viel erreichen. 

Problematischer sind die Regionen der Wesermarsch, wo wir unterhalb des Meeresspiegels liegen. Wenn wir dort im größeren Stile vernässen wollten, müssten die Siedlungen raus. Das ist politisch nicht durchsetzbar.

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Zur Person: Joachim Blankenburg

Der promovierte Bodenkundler Joachim Blankenburg, Jahrgang 1954, leitete von 2004 bis 2020 den Geologischen Dienst für Bremen. Zuvor arbeitete er 25 Jahre beim Bodentechnologischen Institut in Bremen. Das Institut beschäftigte sich unter anderem mit der Wiedervernässung von Mooren. Seit 2020 ist Blankenburg im Ruhestand. Blankenburg engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft für Moor- und Torfkunde, insbesondere zu Fragen der Moorvernässung.

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Quelle:
buten un binnen.

Dieses Thema im Programm:
butenunbinnen.de, „“Unrealistisch“: Bremer Forscher zerpflückt Pläne für Moorschutz“, 18. Januar 2026, 11.31 Uhr