Während Bälle in Stuttgart verschwinden, halten Rotarier die Tradition lebendig. Der Erlös hilft wohnsitzlosen Jugendlichen. Glanz, Tanz und Ehrenamt in der Alten Reithalle.

Glanzvolle Abendkleider, Black Tie, Smoking, Livemusik – und ein klarer Zweck: Der achte Rotary-Ball in der Alten Reithalle beweist, dass gesellschaftliche Tradition und soziales Engagement gut zusammenpassen. Während es in Stuttgart immer weniger Bälle gibt, halten die Rotarier die Fahne hoch. Der Erlös des Abends kommt vollständig dem Verein Schlupfwinkel zugute, der wohnsitzlosen Jugendlichen hilft, ihnen Halt, Perspektiven und neues Selbstvertrauen zu geben.

Zu den Gästen des Abends zählen Oberbürgermeister Frank Nopper und seine Frau Gudrun Nopper, Frank Hofmeister, der Geschäftsführer des Möbelhauses Hofmeister, Messechef Roland Bleinroth sowie Flughafenchef Ulrich Heppe, alle sind Rotarier. Ihre Präsenz unterstreicht den gesellschaftlichen Stellenwert des Balls, der sich trotz des Rückgangs festlicher Veranstaltungen behauptet.

Rotary-Clubs bewahren Stuttgarter Balltradition trotz Widrigkeiten

Der Sportlerball ist Geschichte, der Opernball längst Vergangenheit, und selbst der traditionsreiche Landespresseball steht auf der Kippe. Gründe dafür gibt es viele: steigende Kosten, eine sinkende Bereitschaft von Sponsoren, veränderte Freizeitgewohnheiten und eine Gesellschaft, die formelle Anlässe zunehmend meidet. Umso bemerkenswerter ist es, dass die elf Rotary-Clubs in Stuttgart gemeinsam an einer Idee festhalten, die andernorts verschwindet – und sie zugleich mit zeitgemäßem Inhalt füllen.

„Früher musste man sich beeilen, um Ballkarten zu erwischen, es war meist Sold out“, erinnert sich Immobilienkaufmann Rainer Reddehase, der quer durch Deutschland Bälle wie den Bundespresseball in Berlin oder den Sportlerball in Mainz besucht, „heute wird man angesprochen, ob man Karten kaufen will.“ Reddehase erklärt das Prinzip Rotary so: „Wenn Stil auf Sinn trifft, entsteht echte Wirkung und Kraft, um Gutes zu tun.“

Bitte lächeln! Ein Selfie von Ballgästen in der Alten Reithalle. Foto: Stzn OB Nopper greift nach der Kapitänsmütze

Sobald in dieser rauschenden Ballnacht die Band spielt, zeigt sich, dass die Sehnsucht nach Tanz ungebrochen ist: Das Parkett füllt sich rasch, Paare drehen sich zu Walzer oder Pophits. An den Tischen entstehen Gespräche mühelos. Der Rotary-Ball ist kein steifes Pflichtprogramm, sondern ein lebendiger Treffpunkt mit Showeinlagen von Ludwigsburger Tänzern und Breakdancern. Ja, ist denn heut’ schon Karneval? Viel Spaß haben die Gäste auch mit Verkleidungen in der Fotobox. OB Nopper greift nach der Kapitänsmütze: Ahoi! Steuert er Stuttgarts Titanic? Aber nein, die Stadt geht nicht unter, sie ist nicht pleite, betont er immer wieder, auch wenn er in überregionalen Medien anderes lesen muss.

Rotary steht seit jeher für das Zusammenspiel aus Netzwerk, Verantwortung und Gemeinsinn. In den elf Stuttgarter Clubs treffen sich überwiegend erfolgreiche Frauen und Männer, die etwas von dem Glück, das sie im Leben hatten, an Benachteiligte weitergeben wollen. Dass Rotary ursprünglich als reine Herrenrunde begann, gehört zur Geschichte der Organisation. Über Jahrzehnte waren Frauen ausgeschlossen. Heute sind die Clubs offener und vielfältiger – und ihr gesellschaftliches Engagement sichtbarer denn je. Die Clubs leben vom Zusammenhalt und der Freundschaft ihrer Mitglieder.

Der frühere Protokollchef Albrecht Rittmann führt durch den Abend

Durch den Abend in der Alten Reithalle führt gekonnt der 1949 geborene Albrecht Rittmann, früherer Protokollchef der baden-württembergischen Landesregierung. Er kennt sich mit großen Auftritten aus und hat den Ball bis ins Detail vorbereitet. Rittmanns berufliche Vergangenheit reicht bis zu einem der legendärsten politischen Ereignisse in Stuttgart: dem Staatsbesuch des sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow im Jahr 1989 bei Ministerpräsident Lothar Späth. Rittmann war maßgeblich an der Organisation beteiligt – und erinnert sich an eine besondere Episode.

Albrecht Rittmann (rechts) mit Showtänzern aus Ludwigsburg. Foto: ubo Raissa Gorbatschowas Suche nach der „normalen Stuttgarter Familie“

Raissa Gorbatschowa, die Ehefrau des Präsidenten, wollte damals unbedingt eine „normale Stuttgarter Familie“ besuchen. Glamouröse Auftritte seien in ihrer Heimat kritisch gesehen worden. Dem wollte sie etwas entgegensetzen. Rittmann machte sich auf die Suche – und scheiterte zunächst zweimal: Bei der ersten Familie stellte der sowjetische Geheimdienst fest, dass die Ehefrau aus der DDR geflüchtet war. Bei der zweiten Familie war ein Exklusivvertrag mit der Illustrierten „Bunte“ für Fotos abgeschlossen worden. Erst eine dritte Familie in Gaisburg erfüllte schließlich alle Bedingungen.

Beim Rotary-Ball geht es am Samstagabend weniger um Staatsbesuche als um Solidarität. Der gesamte Nacht wird ehrenamtlich von den Mitgliedern organisiert, viele der auftretenden Künstler verzichten ganz oder größtenteils auf Gagen. So bleibt möglichst viel für den guten Zweck. Der Verein Schlupfwinkel, der von den Einnahmen profitiert, leistet seit Jahren unverzichtbare Arbeit für Jugendliche, die durchs Raster gefallen sind.

Am 7. März findet ein Maskenball im Cannstatter Kursaal statt

In einer Stadt, in der die Ballkultur schwindet, setzen die Rotarier damit ein sichtbares Zeichen. Sie zeigen, dass Tradition lebendig bleiben kann, wenn sie Sinn stiftet – und dass gesellschaftliches Engagement auch im Takt eines Walzers funktionieren kann.

Gudrun Nopper, die Vorsitzende der Stillen Not, erwähnt, dass es bald noch einen weiteren Ball in die Stuttgart gibt – bei dem bildet sie mit CDU-Landeschef Manuel Hagel das „Schirmpaar“, also Schirmfrau und Schirmherr. Die Frauenorganisation WIZO Gruppe Württemberg und Hohenzollern lädt für den 7. März, einen Tag vor der Landtagswahl, zum Maskenball in die Kursaal Cannstatt ein.