Für den Bundeskanzler Friedrich Merz war Samstag ein guter Tag. Am Vormittag hatte er in Dortmund vom Bäcker-Innungsverband West den „Großen Stutenkerl“ verliehen bekommen. Und am Nachmittag sah er im örtlichen Fußballstadion mit einem schwarz-gelben Schal um den Hals, wie sein Herzensverein Borussia Dortmund im Spiel gegen den FC St. Pauli durch eine strittige Schiedsrichterentscheidung in der Nachspielzeit einen Foulelfmeter bekam, den Emre Can zum 3:2-Sieg verwandelte.
Nachdem die Dortmunder eine 2:0-Führung (Julian Brandt, 45+1., und Karim Adeyemi, 54.) verspielt hatten, drohte ihnen mit dem 2:2 (James Sands, 62., und Ricky-Jade Jones, 72.) schon eine Blamage. Ehe der Schiedsrichter Harm Osmers auf Zuraten des Videoassistenten Johann Pfeifer entschied, dass ein Foul des Paulianers Jones am Dortmunder Maximilian Beier offenbar so gerade eben noch im Strafraum-Eck und nicht, wie zunächst gedacht, außerhalb desselben geschehen war. So richtig bewiesen werden konnte dies zumindest durch die TV-Bilder allerdings nicht. Nach dem Spiel sagte St. Paulis Trainer Alexander Blessin: „Ich habe keine Kameraeinstellung gesehen, wo man das sicher sehen kann.“
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Der Kanzler Merz mag sich gewünscht haben, der Kölner Keller könnte auch auf andere strittige Konstellationen in der Welt positiven Einfluss nehmen. Am Vormittag vor den Bäckern hatte Merz über die Entwicklungen in der Welt noch gesagt: „Wir sind konfrontiert mit einer fundamentalen Veränderung der globalen Ordnung.“ Im Fußball erweist sich derweil, dass die nationale Ordnung in Stein gemeißelt bleibt. Trotz des Sieges hat der BVB als Tabellenzweiter weiterhin elf Punkte Rückstand auf den FC Bayern München.
Diese elf Punkte Rückstand haben in Dortmund einen größeren emotionalen Effekt als die 39 Punkte, die die Borussen in bisher 18 Ligaspielen gesammelt haben. So viele Punkte hatten sie zu diesem Zeitpunkt einer Saison seit sieben Jahren nicht mehr, aber Begeisterung macht sich deshalb noch keine breit. „Es würde noch besser aussehen, wenn wir nicht im Süden eine Mannschaft hätten, die es geisteskrank macht in dieser Saison“, meinte Julian Brandt und schob die Schuld an einer gewissen Unzufriedenheit rund um Dortmund der Münchner Souveränität zu. An genau dieser Art von Konstanz lassen es die Dortmunder ihrerseits vermissen, wofür das 3:2 gegen St. Pauli vor des Kanzlers Augen wieder ein Muster war.
Trainer Niko Kovac deutet die mangelnde Souveränität in Hartnäckigkeit um
Dass den Dortmundern nur durch eine strittige Entscheidung der siebte Sieg im neunten Heimspiel vergönnt blieb, deutete Trainer Niko Kovac später immerhin in Hartnäckigkeit und Leidenschaft um: „Dass wir gewonnen haben, zeigt, dass die Mannschaft an sich glaubt. Wir haben mal wieder ein Spiel zum Schluss gebogen, klar, glücklich, aber oftmals glücklich ist auch Können“, sagte er.
Tatsächlich haben die Dortmunder in dieser Saison von 27 Pflichtspielen nur drei verloren: in der Bundesliga beim FC Bayern (1:2), in der Champions League bei Manchester City (1:4) und im DFB-Pokal-Achtelfinale daheim gegen Bayer Leverkusen (0:1). Das ist keine schlechte Bilanz, und Kovac ärgert es offenkundig, dass er und seine Mannschaft sich trotzdem wiederholt öffentlicher Kritik ausgesetzt sehen. So hatte Kovac schon vor dem St.-Pauli-Spiel im Sky-Interview streng gesagt: „Nicht immer das Haar in der Suppe suchen!“ Aber klar, wer wollte, der fand natürlich auch beim anschließenden Sieg wieder ein Haar.
Am Dienstag gastieren die Dortmunder in der Champions League beim Premier-League-Vierzehnten Tottenham Hotspur. Im Champions-League-Tableau kämpfen die beiden punktgleichen Tabellennachbarn um die direkte Qualifikation fürs Achtelfinale. Dieses Vorhaben wird für die Dortmunder mit dem Gastspiel in London und einem Heimspiel eine Woche später gegen Inter Mailand allerdings nicht ganz einfach zu realisieren sein.
