Gebaut auf Pfählen im Wasser, gezeichnet vom Krieg: Die Johanneskirche wird 150 Jahre alt. Das Stuttgart-Album blickt auf Architektur, Bürgersinn und die Faszination des Wahrzeichens.

Ungewöhnlich ist der Standort bis heute: Dieses Gotteshaus ist nah am Wasser gebaut, sein Chor ragt auf einer künstlichen Halbinsel in den Feuersee hinein, der Turm erhebt sich über dem Becken. Die Johanneskirche prägt den Stuttgarter Westen. In diesem Jahr feiert sie ihren 150. Geburtstag.

Am 30. April 1876 wurde die Johanneskirche als vierte evangelische Stadtkirche Stuttgarts eröffnet – die erste Weihe eines evangelischen Gotteshauses in der Stadt seit über 400 Jahren. Schon das war ein historisches Ereignis. Doch auch ihr Entstehen erzählt von Ehrgeiz, Idealismus und Durchhaltevermögen. Bereits 1858 gründeten engagierte Stuttgarter Bürger einen Bauverein für das neue Gotteshaus. Sie wollten einen Ort für den wachsenden und immer dichter besiedelten Westen der Stadt – als Raum für den Gottesdienst und als sichtbares Zeugnis ihres Glaubens.

Neugotische Pracht: Leins‘ Vision für die Johanneskirche

Der Bau begann 1865 nach Plänen von Oberbaurat Christian Friedrich von Leins, einem der bedeutendsten Architekten Württembergs im 19. Jahrhundert. Leins entwarf das Gebäude im neugotischen Stil, der damals als selbstverständlich galt und an die großen mittelalterlichen Hauptkirchen Stuttgarts anknüpfte. Französische Kathedralen standen dabei ebenso Pate wie das Freiburger Münster.

Dennoch entstand kein bloßes Zitat, sondern ein eigenständiger protestantischer Sakralbau: mit Emporen, weit geöffneten Arkaden und einem Grundriss, der die Predigt in den Mittelpunkt stellte.

In den sumpfigen Boden wurden 600 Holzpfähle gerammt

Schon der Bauplatz war spektakulär. Statt an der Silberburg- oder Marienstraße entschied man sich für den Feuersee, einen ehemaligen Löschwasserteich. Um „auf dem Wasser“ bauen zu können, mussten etwa 660 Holzpfählen in den sumpfigen Boden gerammt werden, um ein stabiles Fundament zu gewährleisten.

Die Johanneskirche von heute bei Nacht. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttgart

Teuer war es auch: Mit über 500.000 Gulden wurde der Bau zum kostspieligsten Sakralbau Württembergs im 19. Jahrhundert. Die Bauzeit verlängerte sich von geplanten sieben auf elf Jahre, die Kosten verdoppelten sich. Dennoch trugen die Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger den Großteil der Last. Das Gebäude ist damit auch ein Denkmal bürgerschaftlichen Engagements.

Kriegsfolgen: Unvollendete Johanneskirche als Mahnmal

Der Zweite Weltkrieg hinterließ tiefe Spuren. Bomben zerstörten 1943 die historischen Glasfenster, ein Brand vernichtete Dachstuhl und Gewölbe, 1944 fiel die Turmspitze. Beim Wiederaufbau fehlten Geld und Mittel. Der Turmhelm wurde nicht erneuert, das Gewölbe durch eine schlichte Decke ersetzt. Aus dem einst 66 Meter hohen Turm wurden rund 45 Meter. Das Bauwerk blieb unvollendet – und wurde gerade dadurch zu einem Mahnmal gegen den Krieg. Beim 100-Jahr-Jubiläum forderte der zuständige Denkmalpfleger die Wiederherstellung von Turm und Dach. Bis heute ist dieser Wunsch mit voller Absicht nicht erfüllt.

Und doch: Die Johanneskirche lebt. Sie ist Baudenkmal, Gemeinderaum und Wahrzeichen zugleich. Ihre Ausstattung erzählt von Verlust und Neubeginn: von der erhaltenen Kanzel mit Marmorsäulen und Lutherfigur, vom Altar und Taufstein, von zerstörten und neu geschaffenen Glasfenstern. Besonders die Nachkriegsfenster von Rudolf Yelin d. J. setzen eindrucksvolle theologische Akzente zwischen Schuldgeschichte und Hoffnung.

Eine historische Kartenaus der Sammlung von Wibke Wieczorek-Becker. Feierlichkeiten 2026: Festgottesdienst und digitales Entdecken

2026 wird gefeiert. Das Jubiläumsjahr hat mit einem Neujahrskonzert begonnen, Höhepunkt ist der Festgottesdienst am 3. Mai mit Landesbischof und Oberbürgermeister. Eine Festschrift, eine Ausstellung, Führungen durch das Gotteshaus und die Orgel sowie ein breites musikalisches und kulturelles Programm sind geplant. Bereits jetzt lädt ein neuer digitaler Führer dazu ein, das Bauwerk zu entdecken – entwickelt vom Team der Kinderkirche.

150 Jahre nach ihrer Einweihung ist die Johanneskirche noch immer das, was sie von Anfang an sein sollte: ein Ort des Glaubens, ein Ausdruck bürgerschaftlichen Stolzes und eine prägende Gestalt im Stadtbild. Eine beschädigte Schönheit, die mit der fehlenden Turmspitze immer vor dem Krieg warnen wird.