Die Kammerspiele zeigen Courage und laden zu einer Diskussion über den Gaza-Krieg. Doch wie weit reicht diese Courage? Diese Frage bleibt, als die Diskutanten und Besucher aus dem Saal geschickt werden, energisch und endgültig. Ist es ein verschenkter Abend, weil den großen Elefanten im Raum niemand offen anzusprechen wagte? Oder der Beginn einer Debatte, wenn sich die Courage durchsetzt?
Es ist ein sensibles Thema, zu dem die städtische Bühne in ihren „Werkraum“ geladen hat, unter der kryptischen Überschrift „A fellow soldier’s testimony“, die Aussage eines Soldaten-Kameraden. Erst der Untertitel lässt die Brisanz ahnen: „Journalismus im Krieg zwischen Recherche, Völkerrecht und Realitäten“.
In Kooperation mit „Paper Trail Media“, einem Team investigativer Journalisten aus München, wollen die Kammerspiele über einen Bericht ebendieses Teams sprechen, der im vergangenen September erschien, in Spiegel, ZDF und internationalen Medien. Ein aus München stammender israelischer Soldat soll in Gaza als Scharfschütze gezielt unbewaffnete Zivilisten getötet haben.
Neben der Rechercheurin Maria Retter sitzen auf dem Podium: die Juristin Julia Klaus, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle Völkerstrafrecht der Uni Erlangen, und Alexander Schwarz, Jurist beim European Center for Constitutional and Human Rights, einer in Berlin ansässigen Organisation (ECCHR), die sich gegen Straflosigkeit bei Menschenrechtsverletzungen engagiert. Annabel Wahba, Nahost-Spezialistin bei der Zeit, moderiert ein Gespräch, das mal Werkstattbericht ist, mal Völkerstrafrechtsvorlesung, aber selten kontrovers.
Retter erzählt, dass sie kurz nach Beginn des Krieges in Gaza, der auf den Hamas-Überfall auf Israel folgte, begonnen hätten, in digitalen Netzwerken zu beobachten, was israelische Soldaten über ihre Einsätze posten. Die israelische Regierung lässt bis heute keine Journalisten nach Gaza.
Bald seien sie auf ein Video gestoßen, in dem ein Scharfschütze von seinem Tun berichtet und auch über seinen Kameraden gesprochen habe. Beide sollen Zivilisten erschossen haben. Retter beschreibt, wie sie und ihre Recherchekollegen über Monate akribisch diesem möglichen Kriegsverbrechen nachgegangen seien, viele Hinweise gecheckt hätten, nach den strengen Regeln der Verdachtsberichterstattung.
Was es bislang nicht gibt: einen abschließenden Beweis, gar ein Gerichtsurteil. Die Recherche ist die Darstellung eines Verdachts gegen einen jungen Münchner, der mit Vornamen und abgekürztem Nachnamen benannt wird. „Der Sniper aus München“, lautet der Titel im Spiegel. Retter sagt, erst nach Erscheinen des Berichts habe der junge Mann über einen Anwalt den Vorwurf zurückweisen lassen.
Das Podium in den Kammerspielen: Moderatorin Annabel Wahba, Juristin Julia Klaus, Journalistin Maria Retter und Alexander Schwarz vom European Center for Constitutional and Human Rights (von links). (Foto: Catherina Hess)
Schwarz und Klaus ordnen den Fall ins Völkerrecht ein, legen dar, was die Justiz in Deutschland tun könnte und müsste, um den Vorwurf aufzuklären. Das ECCHR hat eigene Recherchen dem Generalbundesanwalt geschickt. Schwarz merkt an, dass die deutsche Justiz in anderen Kriegen, etwa in der Ukraine oder in Syrien, früh tätig geworden sei, mit Strukturermittlungen, zu Gaza aber bislang auffallend wenig tue.
Spätestens jetzt wird der Elefant im Werkraum sehr groß, er wird vom Podium aus aber allenfalls vorsichtig berührt: Hängt das Agieren der deutschen Justiz mit der „Staatsräson“ zusammen? Stellt die Justiz die Solidarität mit Israel über das Völkerrecht? Schwarz deutet dies als Kritik an, Klaus erklärt, dass man im Bereich des Völkerrechts generell einen langen Atem brauche.
Auf journalistischer Ebene beteuert Retter, dass sie und ihre Kollegen bei Recherchen zu möglichen Kriegsverbrechen die Nationalität von mutmaßlichen Tätern und Opfern auszublenden versuchten. Aber ist das wirklich realistisch bei einem so emotionalen und politisch aufgeladenen Thema wie dem Israel-Palästina-Konflikt? Und überhaupt, wie weit geht journalistische Verantwortung? Was nach der Veröffentlichung geschehe, sagt Retter, liege nicht mehr in ihrer Hand.
Nahostkonflikt in München
:Wo Israelis und Palästinenser einander zuhören – auch wenn es weh tut
Das Kulturzentrum Bellevue di Monaco hat eine Dialoggruppe initiiert, in der beide Seiten über Nahost reden. Dass dies trotz aller Konflikte respektvoll geht, wollten sie auf einer Bühne zeigen – doch nicht alle aus dem Publikum sind dazu bereit.
Eine Folge der Berichterstattung thematisiert Ludwig Spaenle, der Antisemitismusbeauftragte der Staatsregierung, in einer Pressemitteilung. Er spricht von einer „Hetzjagd ohnegleichen“ gegen die Familie des angeblichen Snipers aus München, ohne konkret zu werden.
Spaenles Einwurf wird auf dem Podium nicht angesprochen. Und im Publikum? Fragen von Besuchern sind nicht zugelassen, ohne Begründung. Allein, man glaubt, den Elefanten tröten zu hören: Weil die Kammerspiele Sorge haben, eine solche Diskussion könnte aus dem Ruder laufen. Dabei ist genau hier eine Leerstelle: Eine offene Debatte in seriösem Rahmen über den Israel-Palästina-Konflikt und seine Auswirkung auf München.
Nur einem Zuschauer, der am Ende verärgert dazwischenruft, gibt die Moderatorin das Wort. Er ist proisraelischer Aktivist und zweifelt die Recherche an, weil die Quellen in Gaza nicht transparent seien. Basieren die Vorwürfe gegen israelische Soldaten auf Aussagen von Hamas-Unterstützern? Maria Retter sagt, man lege aus Gründen des Quellenschutzes die Kontakte nicht offen, habe aber alle Behauptungen mehrfach geprüft.
Zweifler hätten noch viel mehr über seriösen Journalismus lernen können, doch nach 90 Minuten ist Schluss. Man dürfe, heißt es, im kleinen Kreis gerne weiterdiskutieren. Doch nach vielleicht einer halben Stunde werden alle aus dem Saal geschickt. Und vor der Tür, da spielt eine Band.
