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  1. Seite 1Das Beste der 80er, 90er und von ganz rechts
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Deshalb ist Austria First als „Alltagsbegleiter“ konzipiert und nicht als geifernde Demagogikschleuder. Deshalb sumpft man als Hörer stundenlang im generischen Klangteppich aus Phil Collins, Roxette und Pink, aus Depeche Mode, David Guetta und Taylor Swift. Jedes Lied ein kleinster gemeinsamer Nenner des Populärgeschmacks, damit bloß niemand abschaltet. Das oberste Gebot ist hier wie beim privaten Formatradio die Durchhörbarkeit, nur dass bei Austria First eben nicht Blitzerwarnungen und Möbelhauswerbung untergemischt werden, sondern wie nebenbei rechte und völkische Glaubenssätze. „Echte Hits für echte Österreicher“ lautet einer der immer wieder eingespielten kurzen Slogans, dann dudelt es aber gleich wieder so melodisch los, dass man fast nicht merkt, was dieser Satz nahelegt: dass es in Österreich nämlich auch unechte Österreicher gebe. 

Kickl-Rede nur in Mini-Schnipseln

Die Ideologiestückchen werden so sanft beigemischt wie die Medikamente in den Babybrei: Sie sollen wirken, aber nicht zu aufdringlich nach dem schmecken, was sie sind. Hinter diesem Prinzip steht selbst der Geltungsanspruch des Parteichefs zurück: Die Neujahrsrede Kickls, traditionell die wichtigste FPÖ-Rede des Jahres, überträgt das Parteiradio nicht. Stattdessen verwendet es nur winzige Schnipsel daraus. 

Sonntagvormittags hat Austria First wie viele Sender eine klassische Gesprächssendung im Programm: Giuliani im Gespräch – Die Gedanken sind frei. Marie-Christine Giuliani ist eine ehemalige bekannte ORF-Moderatorin, die mittlerweile FPÖ-Abgeordnete ist und nun im Radio den FPÖ-Abgeordneten Arnold Schiefer interviewt. Dass es sich also um ein Fraktionskollegengespräch handelt, wird nicht offengelegt. Dafür fragt Giuliani den „angenehm liebenswürdigen“ Schiefer fast als Erstes, ob er denn vergeben sei, das würden ja viele Frauen wissen wollen. Schiefer, erfährt man, sei da immer wieder offen für Neues.

Eine hermetische Partei-Welt

Damit ist der schmalzige Ton für die nächsten zwei Stunden gesetzt, in denen wir noch lernen, dass Schiefer gern am See sitzt und gern Seneca liest und Helmut Schmidt. Da überhört man fast, dass Giuliani beispielsweise wie nebenbei behauptet „mit Russland spricht ja nach wie vor niemand“, als es mal kurz um Außenpolitik zu gehen scheint. 

Die sogenannten Nachrichten, von denen der Sender behauptet, sie seien keine „linke Meinungsmache“ und „unzensiert“, bestehen an diesem Wochenende ausschließlich aus Schnipseln vom FPÖ-Neujahrstreffen an diesem Samstag. FPÖ-Anhänger erzählen, wie toll sie das FPÖ-Radio und die FPÖ finden. Es ist eine hermetische Parteienwelt, in der die aktuelle, echte Welt – die Zolldrohungen Trumps, Grönland, die neuen russischen Angriffe auf die Ukraine, die Proteste im Iran – keine Erwähnung wert sind. Es könnte ja wer abschalten, wenn es zu politisch würde.

Besonders als deutscher Hörer ist man von Stunde zu Stunde mehr konfrontiert mit seinen eigenen alten Klischees über die Neue Rechte. Weil man sich, während zum dritten Mal Taylor Swifts The Fate of Ophelia läuft, eingestehen muss, dass man vielleicht doch mehr Geifer und Sportpalast-Sound erwartet hat. Womöglich auch mehr Rammstein und Andreas Gabalier. 

Negative Energie

Man ist diese rechte Geschmeidigkeit aus Deutschland schlicht nicht gewohnt. Oder kann man sich Alice Weidel oder Tino Chrupalla vorstellen, wie sie von ihren Hobbys erzählen wie Herbert Kickl vom Wasserfallklettern? Die mit sanfter Stimme von „Zuversicht und Optimismus“ sprechen? 

Nein, die Energie der AfD ist eine ganz andere, negative. Wut und Ekel bestimmen hier die Tonlage, eine oft unterschiedslose Schlechtmacherei, die nicht nur den politischen Gegner trifft, sondern gleich das ganze Land. Die AfD kann Wut, Charme kann sie nicht. 

Schlawiner im Porsche

Bei der FPÖ hingegen hat der Charme Tradition: Jörg Haider war nicht nur Ausländerfeind, sondern auch der charismatische Schlawiner im Porsche. Heinz-Christian Strache hat einst selbstironische Cartoons über sich gepostet. Der Eiskletterer Kickl ist zwar eher der kühle Typ, aber er hat den geschmeidigen Ton längst gelernt.

Man weiß nach einem Wochenende natürlich noch nicht, wie das ausgehen wird. Ob Austria First ein Erfolg wird oder ob der Sender gerade wegen seiner Massentauglichkeit untergeht. Die Kehrseite der Durchhörbarkeit ist die Beliebigkeit. Man muss sich schon sehr, sehr doll ärgern über die anderen Sender, man muss schon sehr tief drinstecken in der Weltsicht der FPÖ, um gezielt zu einem Radio zu wechseln, auf dem zu 95 Prozent die gleichen Lieder laufen wie überall und zu fünf Prozent FPÖ-Innenwelt. 

Aber eines immerhin kann man sicher sagen: Dem deutschsprachigen, heimischen Liedgut fühlt sich der Patriotensender nicht besonders verpflichtet. Österreichische Musik kommt hier fast nicht vor. Kein Falco, keine Wienerlieder, Mozart oder Wanda sowieso nicht. Austria First ist also eher Austria last – aber das ist natürlich nur musikalisch gemeint.