Krätzmilben sind gesellig. Sie breiten sich gerne da aus, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, und lassen sich in Form von Hautirritationen auf ihren Herden nieder. Der gefühlt briefmarkengroße Raum des Kraetzwerks bietet also die ideale Infrastruktur für eine übergreifende Infektion – nur dass die Herde eben aus engagierten Menschen besteht, die der Subkultur mehr Raum schaffen möchten, und die Hautirritationen nichts anderes sind als Gänsehaut, wenn eine Band wie Brennenstuhl am Freitag ihre hochkomplexen wie eingängigen Nummern in 15-minütige Acid-Jazz-Eruptionen verwandelt, die härter kochen als Tim Mälzer.
„Das Club- und Barsterben in Augsburg ist ein Problem“ sagt Johanna Reski
Das Quartett schreibt Songs über Karusselle, Elefanten und innere Kündigung, von gähnend langweiligen Bürojobs und dabei versenkt es das Konzept Zeit in Begleitung von Saxofonsoli und Funkgitarren in die Bedeutungslosigkeit. Schreiben wir das Jahr 1971? Oder 2039? Egal, aber fest steht, dass man solch einen Ort kaum hinter einer tristen, dunklen Einfahrt in der Schertlinstraße vermutet, die selbst am Wochenende zur abendlichen Stunde höchstens vom röhrenden Durchgangsverkehr belebt wird. Vielleicht ist die „Krätze“, wie der Raum des eingetragenen Vereins liebevoll genannt wird, aber auch nur eine juckende Pustel am Gewissen der Kulturpolitik, die Subkultur in jeglicher Form gerne recht stiefmütterlich behandelt. So bleibt eben nur der Ausweg, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
„Das Club- und Barsterben in Augsburg ist ein akutes Problem“, sagt Mitgründerin Johanna Reski, denn entgegen des gängigen Klischees geht es dabei nicht um Rausch und Absturz, sondern darum, der akuten Gesellschaftskrankheit Isolation entgegenzuwirken. Und zwar indem man einen Raum schafft, in dem nicht nur Kultur stattfinden kann, die durch das Ausloten der Extreme die Popkultur formt, sondern in dem sich Menschen jeglicher Generation im gemeinsamen Interesse an Musik begegnen, austauschen und letztlich ihre Scheuklappen wieder ein paar Zentimeter öffnen können. Chava Uszkurat, ebenfalls an der Gründung des Vereins mitbeteiligt, erwähnt noch eine weitere zentrale Idee des Vereins: „Alle Mitglieder bekommen die Möglichkeit, Konzerte zu veranstalten oder Workshops zu geben“, und selbst wenn die Erfahrung fehle, bekomme man Hilfe von den aktiven Mitgliedern, die schon dementsprechend Erfahrung gesammelt haben.
Wie eine WG wirken die Räume des Augsburger Kraetzwerks
Im zweiten Jahr des Bestehens materialisiert sich diese Idee in immer mehr Mitgliedern, die ihre eigenen Veranstaltungen machen. Dem Brennenstuhl-Gitarristen Anjo Gruber kam es „da oben ein wenig wie im Jean Stein“ vor, einer Zwischennutzung in der Kapuzinergasse vor vielen Jahren, heute längst verdrängt von schnieken Neubau-Kuben. Tatsächlich atmet das Kraetzwerk den Geist des Improvisierten. Neben dem Kühlschrank, aus dem auf Spendenbasis Oettinger entnommen wird, steht ein Wäscheständer, die Atmosphäre im Raum erinnert an WGs, in denen eigentlich grundsätzlich mehr Menschen anzutreffen sind, als es Bewohner gibt. Ein Ort in permanenter Gefahr. „Kulturstätten werden verkauft und wegrationalisiert!“, schreit Dr. Drexler am Samstagabend ins Mikrofon, und die Zeile lässt einen kurz bangen, denn es stellte sich schon mit dessen Debütalbum aus dem Jahr 2019 heraus, dass dessen Texte erschreckenderweise von Jahr zu Jahr mehr an Relevanz gewinnen.
Das Projekt ist ein Fiebertraum der Kapitalismuskritik, kaum sind die einleitenden Worte der sanften Stimme Eva Golds verklungen, strapaziert ein knochentrockener, dringlicher Bass die Membranen der Boxen. Dr. Drexler windet sich wie eine kaputte Marionette, abgeschnitten von unliebsamen Fädenziehern, und gönnt sich keine Minute Verschnaufpause zwischen den radikal reduzierten, kompromisslosen Post-Punk-Raketen. Das Kraetzwerk ist wie am Vorabend gut gefüllt, und alle im Publikum eint, Mitglied des Vereins zu sein. An der Türe einen Mitgliedsbeitrag zahlen, ein Foto aus der Sofortbildkamera, der Mitgliedsausweis liegt beim nächsten Besuch laminiert bereit. Dann kann man ein Jahr lang die Kraetzwerk-Konzerte besuchen, für lau. Anders ist es den Aktiven nämlich nicht möglich, in diesem Rahmen zu veranstalten. Doch, und das ist an den beiden Abenden von fast allen aktiv Beteiligten zu hören, das Ziel wäre es, öffentlich veranstalten zu können. Doch dafür benötigen sie Raum, und der ist, wie erwähnt, knapp und von Luxussanierungen bedroht. Aber das vergangene Jahr zeigt wie das vergangene Wochenende, der Zuspruch ist groß. Denn das Gute an der Krätze ist: Der Körper entwickelt keine Immunität. Die Leute kommen immer wieder.
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Sebastian Kraus
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Augsburg
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Tim Mälzer
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