Zeit für eine Bilanz: die Schau „Radio Luxembourg: Echoes across borders“ ist beendet. Sie war ein öffentliches Ausrufezeichen für die Kunst aus der Sammlung Schürmann aus Aachen. Gaby und Wilhelm Schürmann haben dem Mudam genau 20 Werke gestiftet; ein außergewöhnlicher Fall. Und wie das Paar betont: Auch in Zukunft wollen sie mit dem Museum in Kirchberg zusammenarbeiten. Denn die Erfahrungen seien, so Wilhelm Schürmann, „beglückend“ gewesen. Aber wirken sich die Debatten um das Haus auf diese Zusammenarbeit aus?
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Wilhelm Schürmann, Sie haben mit Ihrer Frau ja nicht nur aufsehenerregende Werke gestiftet, sondern haben auch als Co-Kurator die aus der Schenkung resultierende Ausstellung „Radio Luxembourg: Echoes across borders“ im Mudam mitgestaltet. Hat Sie diese Arbeit motiviert, weiter ähnliche Projekte zu machen? Unsere Gespräche und die Fotos aus dem Mudam zeigen ja Ihre Begeisterung …
Ja klar, aber das ist ein Kontinuum. Ich habe ja auch vorher schon viele Museumsausstellungen aus unserer Sammlung selbst kuratiert. Ich habe in diesem Jahr einen runden Geburtstag und hatte deshalb einige Anfragen, ob ich nicht meine eigenen Fotos ausstellen wolle. Ich bin da eher zurückhaltend, weil: Achtung, Interessenkonflikt. – Ich hab’ immer gerne im Mudam fotografiert. Diese architektonische Qualität von Pei, das Licht im Museum, die Galerien – das motiviert natürlich einen Fotografen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Fiona Banners „Nude Wing“ wirkte in der Grand Hall absolut großartig; eine einmalige Raumsituation. Bettina Steinbrügge hatte von Anfang an die Vorstellung, gerade diese Arbeit von Fiona dort zu installieren. Und ich bin beglückt, dass Fiona für dieses herausragende Werk so eine unglaubliche Bühne bekommen hat. Leichtfüßig, schwerelos und das Umfeld reflektierend! Bei Sonne im gleißenden Licht! Das Mudam zelebrierte mit seiner komplexen Architektur in der Grand Hall diesen „Nude Wing“, und Fionas Werk beflügelte sozusagen den Raum selbst und natürlich auch das Mudam, das ja jetzt dieses Werk besitzt. Die kuratorische Arbeit hat mich ungemein gefreut, weil die Zusammenarbeit auch seitens des Mudam gewünscht war. Es war ein beglückendes, freudvolles Umgehen mit der Kunst aus unserer Sammlung und der des Hauses. Die Zusammenarbeit war auf Augenhöhe, sehr unkompliziert.
Inwiefern war das denn so besonders? Ist das nicht immer so?
Bettina Steinbrügge und die Spezialistinnen um die hauseigene Sammlung, Marie-Noëlle Farcy und Vanessa Lecomte, haben starke Impulse und ihr Fachwissen beigetragen. Sie wissen genau, wie die Möglichkeiten der Räume sind und wie Kunst darin gezeigt werden kann. Und natürlich, wie Werke miteinander funktionieren. Das hat diese Ausstellung zu einem gemeinsam gedachten Erlebnis gemacht. Monika Sosnowskas „Stairway“ so wunderbar mit der Künstlerin für die Höhe des Raums anzupassen, die Treppe in die Galerie einzufügen und dann im Wechsel mit den anderen Arbeiten die Blicke des Betrachters sanft zu führen, war wirklich toll.
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Apropos Betrachter: Sie haben zusammen mit den Kuratorinnen Führungen angeboten. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Es war wunderbar, mit den Menschen über die Wahrnehmung von Kunst und nicht nur über unser Sammlungsengagement zu sprechen. Ich habe mich mit einigen über die Wirkung des Lichts unterhalten, warum eine gute Skulptur immer wieder zu einer anderen Tages- und Jahreszeit und auch Wettersituation neu gesehen werden kann. Vielleicht ist ja eine Eintrittskarte für mehrere Besuche derselben Ausstellung möglich. Denn man wird überrascht, wie sich die eigene Wahrnehmung verändert – immer wieder. Ich sehe, wie ich bin!
Ist diese Gebäudesituation auch ein Grund, warum Sie sich so für das Mudam engagieren? Sie haben ja auch Werke nach London, Wien, Chicago oder Los Angeles gegeben …
Ja klar, das war ein ganz wesentlicher Grund. Ich hatte ein Konvolut zusammengestellt, aus dem Bettina Steinbrügge auswählen konnte. Sie fragte sehr bescheiden, was davon das Mudam eventuell bekommen könnte. Und wir haben gesagt: „Alles“. Das sehr gezielte Interesse des Mudam war entscheidend, aber auch die Architektur von Pei hat eine einzigartige, geniale Zeitlosigkeit und bietet als Rahmen der Kunst starke Präsentationsmöglichkeiten. Schon lange vor unserem Engagement haben wir uns Ausstellungen im Mudam angeschaut; zum Beispiel 2014 die Ausstellung von Heimo Zobernig. Ich bin schon damals in die Knie gegangen, was für ein exzellentes Raumgefühl da in der Zusammenarbeit mit dem Künstler sichtbar wurde. Der Raumeindruck im Mudam ist immer besonders, man ist ja immer in Bewegung.
Haben Sie die Besuche rund um die Schenkungen und die Ausstellung Sie noch weiter für Luxemburg begeistert? Konnten Sie neue Kontakte knüpfen?
Ja, viele! Und wir kommen immer sehr gerne nach Luxemburg; von Aachen schon die schöne Tour durch die Eifel. Das Parkhaus und Hotel gleich um die Ecke; und ab da kann man alles in Luxemburg Stadt zu Fuß oder mit der Tram machen. Das ist der Hammer. Das ist so einfach, mein Gott. Da träume ich von in Deutschland. Und wir haben den Austausch zum Beispiel bei der Art Week und auch mit dem Mudam-Sammlerkreis sehr gemocht. Das ist eine Gruppe toller Personen, interessiert, sehr kompetent und mit viel Engagement.
Einer dieser Sammler ist der ehemalige Mudam-Verwaltungsratspräsident Patrick Majerus – und die Freundschaft zu ihm hat auch Ihr Engagement überhaupt erst mit in die Wege geleitet. Aber Majerus’ Rücktritt von diesem Posten hat über die Ausstellung für erneute Diskussionen um die Arbeit im Mudam ausgelöst. Der neue Präsident, Jean-Paul Olinger, strebt Reformen an. Haben diese Veränderungen und Debatten Einfluss auf Sie?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin herzlich befreundet mit Patrick, das ist völlig unabhängig von einer Funktion. Da hat sich nichts verändert. Und wir haben Herrn Olinger als sehr sympathisch und unkompliziert kennengelernt. Leise, uneitel, interessiert, sehr angenehm. Sie sehen, ich reagiere immer auf dieselben Eigenschaften.
Besteht die Absicht, auch in Zukunft weitere Werke an das Mudam zu geben?
Auf jeden Fall. Wir haben auch schon erste Gespräche geführt. Aber das ist wie immer Sache des Mudam solche Entscheidungen publik zu machen. Es wird sicher weitergehen. Einige der Schenkungen von 2023, wie die Lithografie-Serie „Das Floß der Medusa“ von Martin Kippenberger und eine Arbeit von Park McArthur, werden, wie Frau Steinbrügge mir sagte, bereits im Sommer im Mudam ausgestellt. Das Museum soll auch in Zukunft immer mal wieder Werke auswählen können, das Engagement ist schon bis an unser Lebensende so beabsichtigt.
Das Sammlerpaar
Gaby und Wilhelm Schürmann gelten als eines der zentralen Sammlerpaare in der Region um Aachen in Deutschland. Seit über 45 Jahren sind sie in der zeitgenössischen Kunstwelt aktiv. Wilhelm Schürmann, autodidaktischer Fotograf und ehemaliger Professor für visuelle Kommunikation und Fotografie an der RWTH Aachen, gründete 1974 in der Kaiserstadt eine der ersten Fotogalerien Europas und trug maßgeblich zur institutionellen Anerkennung der Fotografie als Kunstform bei. Seine Frau Gaby Schürmann war hauptberuflich als Lehrerin für Chemie, Biologie und Mathematik tätig.
Den Grundstock für ihre heute weltweit bedeutende, medienübergreifende Sammlung legte das Paar 1984 durch den Verkauf einer Kollektion tschechischer Fotografie an das Getty Museum. Ihre Sammlung zeichnet sich durch eine große intellektuelle Spannkraft aus: Sie umfasst neben der Fotografie auch Malerei, Skulptur und Installationen, wobei das Paar schon früh Künstler wie Martin Kippenberger und eine Vielzahl an Künstlerinnen wie Valie Export oder Nairy Baghramian förderte.
Die Schürmanns legen großen Wert auf den öffentlichen Diskurs und Teilhabe. Sie gründeten die Schürmann Foundation, unterhielten zeitweise einen öffentlichen Schauraum in Berlin und unterstützen Museen weltweit durch unentgeltliche Leihgaben und Schenkungen.
Quellen: Mudam / Pressekommunikation Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler
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