Er verkörpert die Erinnerungen des Enkels an seinen Grossvater, das Stöbern im Estrich mit der Entdeckung von Familienfotos und der Zylinder-Sammlung, sowohl Kopfbedeckungen des Kaminfegers als auch Symbole des Glücks und Requisit der Zauberer. 

Spannender Zeiten- und Bilderwechsel

Die drei Stränge entwickeln sich teils allein, teils miteinander verknüpft, spiegeln das grossväterliche Leben im dörflichen Alltag, das Vergangene im Gegenwärtigen, die Erinnerung in der Wirklichkeit. Der Zeiten- und Bilderwechsel gelingt Edwin Beeler spannend, aussagekräftig, relativierend und bestätigend. 

Es liegt nahe, den Film als Impulsgeber für Problemdiskussionen zu verstehen. Als Aufruf, die möglicherweise im Suizid endende Altersdepression früh zu erkennen und präventiv zu mildern. Als Empfehlung, die eigene harte Schale zu öffnen und den weichen Kern zu zeigen. Als Kritik an einer voremanzipatorischen Gesellschaft, die den Mann der Frau überordnete und die Gleichwertigkeit der Geschlechter als Schwächung des Mannes ablehnte. Als Beweis, dass Gemeinden mit dem Wachstum und der Zersiedelung ihre Identität verlieren. Das alles gehört zum schwarzen Rauch, der dem Kaminfeger-Film entsteigt.

Recht auf Selbstbestimmung

Der Film lässt sich auch anders begreifen, nämlich als Quelle weissen Rauches. Als facettenreiche Hommage an einen Menschen, der mit seinem gewerblichen Betrieb rechtschaffen für seine Familie sorgte, seine eigenen Probleme und Gefühle verschwieg, um niemanden zu belasten, und bis zu seinem Ende unbeugsam konsequent autonom blieb. Hans Nussbaumer war ein aufrecht Stiller im Land. Stellvertretend für diese ist er von seinem ihm innig verbundenen Enkel mit einem Film nachdrücklich und eindrücklich gewürdigt worden. Den «Mann auf den Kirchturm» erhebend. So liebevoll, dass sich im Film auch der sinnerfüllende Wert verwandtschaftlicher Zuneigung manifestiert.

Der Film ist deutbar als Plädoyer fürs Recht auf Selbstbestimmung. Er fesselt, weil Edwin Beeler künstlerisch formuliert. Mit Spannungsbögen, variierenden Perspektiven und einem anregenden Rhythmus. 

Daniel Leippert führte neben dem Regisseur die Kamera, Mirjam Krakenberger verantwortet die Supervision der Montage, Oswald Schwander die Musik und das Sounddesign. Im Ergebnis eine hervorragende Gesamtleistung. Ein Fillm eben, der unser dokumentarisches Schaffen enorm bereichert.

«Der Mann auf dem Kirchturm» dauert 80 Minuten und läuft seit Mitte Januar in den Kinos.