Alt werden, wollen viele Menschen – alt sein aber nicht. Diese alte Redensart stützt sich im Grunde auf die Tatsache, dass im hohen Alter allerlei gesundheitliche Beschwerden an der Tagesordnung sein können. Wissenschaftler und Mediziner raten daher oft zu einer bewussten Ernährungsweise: So sollen etwa Diäten, die aus vegetarischen oder sogar veganen Produkten bestehen, gewisse Vorteile in Bezug auf den Blutdruck, Cholesterinwerte oder das eigene Gewicht haben. Doch deutet eine neue Studie nun an: Auf Fleisch zu verzichten, ist nicht das ultimative Allheilmittel.

Faszinierende Studie: Worauf sollten Über-80-Jährige besser nicht verzichten?

Denn eine neue Untersuchung, die im „American Journal of Clinical Nutrition“ veröffentlicht wurde, zeigt: Eine omnivore Ernährung, bei der auch Fleisch konsumiert wird, kann ein Vorteil sein. Für ihre Forschung werteten die Wissenschaftler die Chinese Longitudinal Healthy Longevity Survey (CLHLS) aus. Dabei wurden mehr als 5200 Menschen im Alter von 80 Jahren und älter begleitet. Dabei wollten die Forscherinnen und Forscher um Yagi Li und Kaiyue Wang herausfinden, welche Ernährungsweise mit der Chance verbunden ist, das 100. Lebensjahr zu erreichen. In die Analyse flossen zudem zentrale Faktoren wie das Geschlecht, die Bildung, der Konsum von Nikotin, Bewegung und insbesondere das Körpergewicht (BMI) mit ein, um den Ernährungseffekt möglichst von anderen Lebensstilfaktoren zu trennen.

Dabei kamen die Forscher zu einem erstaunlichen Ergebnis: Von den über 5200 Teilnehmern des CLHLS wurden 1459 mindestens 100 Jahre alt. Im Vergleich zu Omnivoren hatten Vegetarier eine um 19 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, dieses Alter zu erreichen; bei Veganern lag die Verringerung bei 29 Prozent. Pesco- und Ovo-Lacto-Vegetarier (also Menschen, die entweder Fisch und Meeresfrüchte oder Eier und Milchprodukte essen) schnitten ebenfalls etwas schlechter ab, allerdings nicht statistisch signifikant.

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Besonders auffällig: Bei Menschen mit Untergewicht (ab einem BMI von unter 18,5) verstärkte sich dieser Nachteil zudem. Untergewichtige Vegetarier hatten eine um 28 Prozent geringere Chance als untergewichtige Omnivore, 100 zu werden. Die Befunde stützen die Annahme, dass im sehr hohen Alter knappe Reserven und potenzielle Nährstoffdefizite – etwa bei Protein, Vitamin B12, Kalzium oder Eisen – die Lebenserwartung negativ beeinflussen können.

Fleischfreie Ernährung im Alter: Darauf sollten Vegetarier und Veganer unbedingt achten

Doch wie aussagekräftig sind die Ergebnisse nun? Bezüglich der wissenschaftlichen Methode gibt es klare Defizite: So wurden die Ernährungsdaten etwa nur zu Studienbeginn erhoben, spätere Änderungen blieben jedoch unberücksichtigt. Als Beobachtungsstudie zeigt die Analyse zudem lediglich gewisse Zusammenhänge, aber keine Kausalität. Des Weiteren stammt die untersuchte Kohorte ausschließlich aus China. Unterschiede beim Lebensstil, der medizinischen Versorgung und Ernährungsgewohnheiten machen es sehr schwer, einen Erkenntnisgewinn für Europäer abzuleiten.

Ein weichgekochtes, geöffnetes Frühstücksei in einem Eierbecher auf einem Holztisch - daneben liegt ein Metalllöffel.

Was man jedoch aus dieser Analyse mitnehmen kann: Eine fleischfreie Ernährung im hohen Alter ist nicht per se problematisch – sie erfordert aber besondere Aufmerksamkeit für die Nährstoffversorgung, vor allem bei niedrigem Körpergewicht oder Gebrechlichkeit. Praktisch heißt das: Man sollte auf proteinreiche pflanzliche Lebensmittel setzen und bei Bedarf bestimmte Supplemente (z. B. Vitamin B12) einnehmen.

Außerdem sollte die Ernährung im sehr hohen Alter pragmatisch und medizinisch begleitet sein – mit dem Ziel, Muskelmasse, Knochendichte und Immunsystem zu stützen. Für noch verlässlichere Aussagen über die „beste“ Ernährungsweise im Alter müssen Forscher in Zukunft jedoch noch umfassendere Studien durchführen. Im besten Fall handelt es sich dabei um Interventionsstudien, in der veränderte Gewohnheiten implementiert, die Probanden wiederholt kontrolliert und auch unterschiedliche Kulturräume untersucht werden.