Es ist nur zehn Tage her, da telefonierte die F.A.Z. mit einer jungen Frau in Teheran, der vor lauter Aufregung die Tränen kamen, weil sie glaubte: „Wir gewinnen.“ Sie dachte, das Ende der Islamischen Republik sei nah. Es war am Nachmittag des 8. Januar, einem Donnerstag. Der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, hatte die Iraner von seinem amerikanischen Exil aus dazu aufgerufen, um 20 Uhr auf die Straße zu gehen.
Mehr als 85 Millionen Leute hatten sich seine Videobotschaft auf Instagram angeschaut. Zehntausende Iraner folgten dem Aufruf. Nicht, weil sie alle Pahlavi-Anhänger waren. Viele nahmen teil, weil sie nur darauf gewartet hatten, dass jemand mit Breitenwirkung eine Ansage macht. Andere taten es aus Pflichtgefühl, weil sie die Mutigen nicht im Stich lassen wollten.
Wie das Tiananmen-Massaker in China
Wieder andere waren ohnehin längst auf der Straße. Die Protestwelle hatte ja schon am 28. Dezember ihren Anfang genommen. „Heute Abend wird sehr, sehr wichtig“, schrieb ein junger Mann an jenem Donnerstag in einer Textnachricht. Es herrschte eine gewisse Euphorie – bis gegen 20.45 Uhr das Internet abgeschaltet wurde. Heute weiß man, dass am selben Abend das Morden begann.
Vielleicht wird der dreitägige Blutrausch zu einer Zäsur in der iranischen Geschichte werden, vergleichbar mit dem Tiananmen-Massaker in China. Selbst der iranische Führer Ali Khamenei hat nun bestätigt, dass „mehrere Tausend Menschen“ getötet wurden.
In seiner ersten Rede nach dem Blutbad tat er am Samstag das, was er in den 37 Jahren seiner Herrschaft immer getan hat: Er beschuldigte Amerika und Israel und ließ keinerlei Bereitschaft erkennen, seinen Kurs zu ändern. Er behauptete, unter den Demonstranten seien Personen gewesen, die von amerikanischen und israelischen Geheimdiensten rekrutiert, ausgebildet und bewaffnet worden seien. Die übrigen seien „naive Teenager“ gewesen, die manipuliert und aufgehetzt worden seien.
Khamenei weist alle Verantwortung von sich: Trump sei schuld
Khamenei sprach Donald Trump „schuldig“ für die Toten. Der amerikanische Präsident sei ein „Verbrecher“, er habe die „Aufständischen“ mit seinen militärischen Drohungen aufgewiegelt.
Das ganze Ausmaß der Gewalt kann man wegen der andauernden Internetsperre weiterhin nur erahnen. Das Menschenrechtsnetzwerk Hrana hat inzwischen die Identitäten von 3308 Toten verifiziert. Darunter seien 166 Regimekräfte, teilte die Organisation mit. Weitere 4382 Todesmeldungen würden derzeit noch untersucht.
Andere nennen weit höhere Zahlen. Der Münchner Augenarzt Amir-Mobarez Parasta sagt, er habe über seine Kontakte in Iran Daten aus 16 chirurgischen Kliniken und acht Augenkliniken erhalten. Sie hätten mehr als 13.000 Tote registriert. Hinzu kommen die Leichen jener, die gar nicht erst ins Krankenhaus gebracht wurden, sondern gleich ins Leichenschauhaus oder auf den Friedhof.
Aus nächster Nähe in den Kopf geschossen
Augenzeugenberichte und verifizierte Videos zeichnen ein Bild, das die Menschenrechtsorganisation Amnesty International als „koordinierte landesweite Eskalation“ mit einem „Einsatz tödlicher Gewalt gegen mehrheitlich friedliche Demonstranten und Zuschauer“ beschreibt. Teils wurden demnach Maschinengewehre und Scharfschützen eingesetzt. Manchen Opfern wurde aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Sicherheitskräfte hätten von Wohnhäusern, Moscheen und Polizeistationen aus auf Demonstranten geschossen, schreibt Amnesty.
Teilweise waren die Täter wohl bewusst auf Schockwirkung aus. Der Rapper Meraj Tehrani, der aus Großbritannien in Iran zu Besuch war und das Land inzwischen wieder verlassen hat, glaubt, Leichen seien bewusst öffentlich zur Schau gestellt worden, um Demonstranten einzuschüchtern.
„Ich habe die Hölle gesehen“, sagt er in einem Video, das er kurz nach seiner Landung in Istanbul aufgenommen hat. Khamenei persönlich scheint am Freitag, dem 9. Januar, öffentlich grünes Licht für die Gewalt gegeben zu haben, indem er die Demonstranten als „Söldner von Ausländern“ bezeichnete.
Milizen aus dem Irak
Für die Niederschlagung der Unruhen holte sich das iranische Regime offenbar Verstärkung aus dem Ausland. Der Sender CNN berichtete, dass Hunderte irakische Milizionäre in den vergangenen Wochen die Grenze überquert hätten. In einem europäischen militärischen Lagebericht heißt es demnach, etwa 800 Kämpfer seien als angebliche Pilger ins Land gebracht worden. Sie seien in mehreren Regionen eingesetzt worden, unter anderem in Hamedan.
Der Einsatz ausländischer Kräfte wird in dem Lagebericht laut CNN als Teil einer Strategie beschrieben, „jede Möglichkeit einer Solidarisierung von Repressionskräften mit den Demonstranten zu neutralisieren“.
Eine irakische Sicherheitsquelle sprach gegenüber dem Sender von fast 5000 irantreuen Milizionären aus dem Irak. Sie wurden in der Vergangenheit von der iranischen Revolutionsgarde ausgebildet und bewaffnet und betrachten Khamenei als ihren religiösen Führer.
Sogar Verletzte wurden noch verschleppt
Die staatliche Verfolgung von Demonstranten ging offenbar selbst in den Kliniken noch weiter. So sollen Verletzte von der Trage weg verschleppt worden sein. Ärzte empfahlen Angehörigen, das Krankenhaus zu verlassen, um nicht selbst festgenommen zu werden.
Basidsch-Milizen, eine Truppe der iranischen Revolutionswächter, hätten Ärzten befohlen, Demonstranten Blutkonserven vorzuenthalten, sagt der Münchner Augenarzt Parasta. Er spricht auch von vielen Schwerverletzten. Allein die Noor-Augenklinik in Teheran habe 7000 Augenverletzungen dokumentiert. Oft sei den Opfern mit Schrot ins Gesicht geschossen worden.
Nach dem Tod von Angehörigen wurden Familien weiter unter Druck gesetzt. Manchen wurden die Leichen nur ausgehändigt, wenn sie schriftlich erklärten, dass ihr Sohn ein Basidsch-Milizionär gewesen oder dass er von „Terroristen“ getötet worden sei.
Leichname als Geiseln
Anderen wurde sogenanntes Kugelgeld in Höhe von umgerechnet Hunderten, teils Tausenden Euro abverlangt. Auch in diesem Zusammenhang ist von Ärzten die Rede, die sich mit Angehörigen solidarisierten. Sie hätten diese aufgefordert, die Toten schnell abzuholen, bevor sie in die Hände des Staates gelangten.
Zum Symbol für die große Zahl an Toten ist das forensische Zentrum in Kahrizak südlich von Teheran geworden. Von dort gibt es mehrere Videos, die dicht an dicht liegende Leichensäcke zeigen. Human Rights Watch hat sie gezählt und kommt auf 400.
Das Staatsfernsehen hat ebenfalls Bilder von dort gesendet und behauptet, die Opfer seien von „Terroristen“ getötet worden. Das war offenbar ein Versuch, die Bevölkerung auf die hohe Zahl an Toten vorzubereiten, bevor das Internet wieder angeschaltet wird.
Die Führung in Teheran schert sich nicht um die Widersprüche in der eigenen Erzählung. Die angebliche Präsenz von „Terroristen“ hielt das Regime nicht davon ab, am Montag eine große Siegesfeier mit Tausenden seiner Anhänger auf dem Platz der Revolution in Teheran abzuhalten.
Videos machen: Lebensgefährlich
Solche Beweisvideos zu machen, war lebensgefährlich. Die F.A.Z. hat mit einem Fabrikbesitzer gesprochen, der auf dem Weg zu seiner Arbeit mehrfach in Kahrizak haltmachte. Er wusste, dass er bald ins Ausland reisen würde, und wollte Beweise sammeln, um Zeugnis abzulegen.
Er traute sich aber nur ein einziges Foto zu machen. Man habe ihm mit Festnahme gedroht, falls er filme, sagt er bei einem Zwischenstopp auf dem Istanbuler Flughafen.
Auch sein Sohn, der vielleicht 17 Jahre alt ist, zeigt stolz das Bildmaterial vor, das er gesammelt hat: Die Schrotkugeln im Bein des Onkels. Und eine Straßenszene im Westen von Teheran am Freitagabend. Darauf sieht man drei verbrannte Motorräder der Basidsch-Miliz, eine niedergebrannte Polizeistation, einen brennenden Bus und drei ausgebrannte Polizeifahrzeuge.
Der Junge ist darüber hörbar begeistert. In dem Gespräch zwischen Vater und Sohn ist auf dem Video auch davon die Rede, dass ein Brandanschlag gegen die örtliche Moschee verübt worden sei. Dann läuft ein vermummter Demonstrant durchs Bild, der ein Schwert in der Hand hält.
Haben auch Demonstranten Gewalt angewendet?
Das Regime nutzt Bilder derart bewaffneter Personen und brennender Fahrzeuge, um alle Demonstranten als „Terroristen“ darzustellen. Human Rights Watch hat Videoaufnahmen verifiziert, in denen „einige Demonstranten zu sehen sind, die Gewalt anwenden“.
Auch die getöteten Regimekräfte lassen teilweise bewaffnete Gegenwehr vermuten. Ein iranischer Regierungsvertreter bezifferte ihre Zahl am Sonntag auf 500. Unklar ist, ob darin auch die fälschlich als Basidsch registrierten Toten enthalten sind.
Das Regime hat mitgeteilt, dass 250 Moscheen durch Brandanschläge zerstört oder beschädigt worden seien. Mehrere Iraner zeigten sich gegenüber der F.A.Z. überzeugt, dass das Regime selbst Moscheen angezündet habe, um die Demonstranten als Extremisten darzustellen.
Brennende Moscheen
Ein Aktivist, der in Isfahan an vorderster Front mitdemonstrierte, gestand aber zu, dass die Brände „zur Hälfte“ auf das Konto der Demonstranten gingen. „Die Leute sind ermüdet von Religion“, sagte er. Hauptsächlich sei es aber die Strategie gewesen, Gegenstände auf der Straße anzuzünden, um ein Vorrücken von Regimekräften zu verlangsamen.
Beide Seiten agierten in dem Glauben, dass Amerika militärisch eingreifen könnte. Schon am 2. Januar hatte Donald Trump verkündet, Amerika stehe „mit durchgeladenem Gewehr bereit“, einzugreifen, wenn Iran friedliche Demonstranten töte.
Am vergangenen Dienstag, als bereits Tausende tot waren, schrieb er: „Hilfe ist auf dem Weg.“ Am Mittwoch deutete vieles darauf hin, dass ein Militärschlag unmittelbar bevorstand. Iran schloss den Luftraum, und Personal von der Militärbasis Al-Udeid in Qatar wurde abgezogen, die Iran im Juni schon einmal zur Vergeltung angegriffen hatte.
Die Rolle Donald Trumps
Doch Trump gab keinen Marschbefehl. Ein Grund könnte eine Botschaft aus Teheran an den US-Sondergesandten Steve Witkoff gewesen sein, wonach Iran angeblich geplante Hinrichtungen von 800 Personen abgesagt habe. Auch Bedenken Saudi-Arabiens, Qatars und anderer Golfstaaten sowie ein Appell aus Israel, einen Militärschlag aufzuschieben, spielten wohl eine Rolle.
Die iranische Führung sieht die Gefahr eines Militärschlags nach Darstellung von Staatsmedien aber noch nicht gebannt. Eine amerikanische Flugzeugträgergruppe soll sich auf dem Weg an den Golf befinden.
Die Behauptung, dass niemand hingerichtet werde, dürfte sich schon bald als Schimäre erweisen. Teherans Generalstaatsanwalt Ali Salehi nannte Trumps Äußerungen „Unsinn“ und verkündete, dass es bereits eine große Zahl an Anklagen gebe. Auch Khamenei kündigte an, dass die „Verbrecher“ bestraft würden.
Trump ließ sich am Samstag von den Anfeindungen des iranischen Führers provozieren. Dieser sei ein „kranker Mann“. Es sei „Zeit, nach einer neuen Führung in Iran Ausschau zu halten“.
Der Schah-Sohn wird wieder zur Randfigur
Der frühere Kronprinz Pahlavi, der sich selbst als Führer einer Übergangsregierung ins Gespräch gebracht hat, scheint nach der Niederschlagung der Unruhen wieder zu einer Randfigur zu werden. Seine Aufrufe aus dem Exil erwiesen sich angesichts der Gewalt des Regimes als hilflos.
Bei Trump schien er kaum Gehör zu finden. Seine Kritiker werfen ihm vor, dass er nicht einmal versuchte, die Gräben zwischen den Oppositionsgruppen im Exil zu überwinden.
In Iran wurden einige Kommunikationskanäle am Wochenende wieder geöffnet. Man kann wieder SMS im Land verschicken und Nachrichten über die nationale Chat-App Balle. Kurze Anrufe ins Ausland sind möglich, aber die Sorge ist groß, dass sie abgehört werden. Die Gespräche zeugen von einer bleiernen Stimmung im Land.
Die Website Iranwire berichtet, die Regierungssprecherin habe geäußert, dass der Zugang zum weltweiten Internet nicht vor dem iranischen Neujahr im März wiederhergestellt werde. Im iranischen Trauerzyklus hat der 40. Todestag eine besondere Bedeutung. Trauerfeiern haben in Iran traditionell eine große Mobilisierungskraft. Das war schon bei der Revolution von 1979 so. Deshalb dürfte der Sicherheitsapparat am 17. und 18. Februar, dem 40. Todestag der meisten getöteten Demonstranten, besonders auf der Hut sein.