Herr Calvey, Sie sind 1992 als US-amerikanischer Auswanderer nach Moskau gekommen. Sie haben dort den ersten russischen Investmentfonds gegründet, der 2007 mehr als eine Milliarde US-Dollar an Kapital von Privatinvestoren einwerben konnte. Erinnern Sie sich noch daran, wie alles begann?
Die 1990er Jahre waren in Russland eine Zeit großer Hoffnung und Optimismus. Es fühlte sich an, als sei der Kalte Krieg nicht mit einer Niederlage Russlands zu Ende gegangen, sondern als habe das Land einfach die Seiten gewechselt und sich dem Westen angeschlossen. Als Westler war man damals in Moskau äußerst beliebt.

Es war eine chaotische und verrückte Zeit. Für junge und ehrgeizige Menschen war es ein unglaublich spannender Ort und eine aufregende Phase. Für ältere Menschen und die breite Bevölkerung hingegen war es eine beängstigende und belastende Zeit – hauptsächlich wegen der wirtschaftlichen Härten, denen ein Großteil der Bevölkerung ausgesetzt war.

Wie ist es Ihnen gelungen, finanziell so erfolgreich zu sein?

Wir haben schon früh in den privaten Sektor investiert, beispielsweise beim Mobilfunkanbieter VimpelCom, der Handys verkaufte. Damals waren diese Geräte noch so groß wie Schuhkartons, im ganzen Land gab es vielleicht 1000 Kunden. Innerhalb von nur drei Jahren wuchs diese Zahl auf zehn Millionen. Das Wachstum war schlicht explosionsartig.

Zur PersonU.S. investor and founder of the Baring Vostok private equity group Michael Calvey, who is under house arrest on suspicion of fraud, attends a court hearing in Moscow, Russia August 15, 2019. REUTERS/Evgenia Novozhenina

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Michael Calvey (58), geboren in Milwaukee, Wisconsin, ist Vorsitzender von Baring Ventures, einem Unternehmen, das Private-Equity-Fonds mit einem Marktwert von rund fünf Milliarden US-Dollar berät.

Im Jahr 1994 gründete er Baring Vostok, ein Unternehmen für privates Beteiligungskapital, das sich auf Russland und andere Länder der ehemaligen Sowjetunion spezialisiert hat. Während Calveys Zeit in Russland gab das Unternehmen an, mehr als 2,8 Milliarden US-Dollar in 80 Unternehmen der Region investiert zu haben.

Calvey wurde 2019 nach einem Streit mit zwei lokalen Aktionären der russischen Retailbank Vostochny in Moskau verhaftet. Drei Jahre später hob ein Moskauer Gericht alle gegen ihn verhängten Einschränkungen auf. Im April 2024 endete seine Bewährungszeit, und die Verurteilung wurde aufgehoben.

Sein Buch „Odyssey Moscow: One American’s Journey from Russia Optimist to Prisoner of the State“ erschien 2025.

Was hat Sie damals an Russland am meisten beeindruckt?
Zunächst war es das Abenteuergefühl, das mich dorthin zog. Was mich jedoch schließlich bleiben ließ, war der Eindruck, Teil der Geschichte zu sein. Dieses riesige Land wurde zunehmend in die globale Wirtschaft eingebunden, und wir waren ganz vorn dabei, um das mitzuerleben. Mit der Zeit habe ich Russland lieben gelernt und dort meine Frau kennengelernt. Meine Familie ist inzwischen zur Hälfte russisch und zur Hälfte amerikanisch.

Sie haben viele Prominente getroffen, unter anderem Michail Gorbatschow. Hatten Sie auch Kontakt zu Wladimir Putin?
Nein, ich habe ihn nie persönlich kennengelernt. Bei einigen Konferenzen war ich ihm jedoch räumlich sehr nah. Einmal sprach ich auf einem Podium, während er zur gleichen Zeit ebenfalls auf der Bühne stand.

Rückblickend hätten wir unsere Investitionen in dem Land vermutlich etwa zehn Jahre früher einstellen sollen – also nach der Annexion der Krim im Jahr 2014.

Michael Calvey

Sie haben sich nach eigenen Angaben aus der Politik herausgehalten – insbesondere seit der Verhaftung des Putin-Kritikers Michail Chodorkowski. Warum?
Wenn man als ausländischer Geschäftsmann oder Investor in einem fremden Land tätig ist, sollte man sich grundsätzlich nicht in die Politik einmischen.

Könnte es sein, dass Sie als Geschäftsmann zu Putins Zeiten finanziell zu abgesichert waren, um rechtzeitig auf die beunruhigenden Anzeichen eines wachsenden Autoritarismus zu reagieren?
Das ist eine unfaire Einschätzung. Als Geschäftsmann habe ich mich stets moralisch korrekt verhalten. Meine Investitionen haben Russland zu einem besseren Ort gemacht und das Leben vieler Menschen verbessert. In den Unternehmen, in die wir investiert haben, haben wir Werte vermittelt. Wenn man jedoch als Ausländer politisch aktiv werden wollte, sollte man das Land verlassen und dies von einem anderen Ort aus tun.

Haben Sie die zunehmende Einflussnahme der Sicherheitsdienste zu spät bemerkt?
Ich habe einige potenziell beunruhigende Anzeichen wahrgenommen, aber wirklich bewusst wurde mir das erst nach meiner Verhaftung. Rückblickend hätten wir unsere Investitionen in dem Land vermutlich etwa zehn Jahre früher einstellen sollen – also nach der Annexion der Krim im Jahr 2014.

Ich glaube, dass diese Entscheidung auf höchster Ebene getroffen wurde. Zugleich bin ich davon überzeugt, dass sie auf falschen Informationen beruhte.

Michael Calvey über seine Verhaftung

Im Februar 2019 landeten Sie für viele überraschend in Untersuchungshaft. Ihnen wurde „Betrug in großem Stil“ vorgeworfen. Glauben Sie, dass auch politische Motive dahinter steckten?
Es ging um einen Konflikt mit unseren Geschäftspartnern. Die russische Zentralbank hatte Prüfungsakten gegen sie. Vermutlich erkannten sie, dass sie nach der Untersuchung zur Rechenschaft gezogen würden, wenn sie keine drastischen Maßnahmen ergriffen. In dieser Situation überzeugten sie die Sicherheitsdienste, mich festnehmen zu lassen. Zu dieser Zeit war ich der größte ausländische Finanzinvestor in Russland.

Haben die Sicherheitsdienste Ihre Verhaftung mit Putin abgestimmt?
Ja, ich glaube, dass diese Entscheidung auf höchster Ebene getroffen wurde. Zugleich bin ich davon überzeugt, dass sie auf falschen Informationen beruhte.

MOSCOW, RUSSIA - APRIL 11: Senior Partner; Director of Baring Private Equity International, Michael Calvey attends a hearing at the Basmanny District Court in Moscow, Russia on April 11, 2019. Russian police have accused Calvey and his associates of embezzling 2.5 billion rubles ($37 million) from Vostochny Bank, of which Baring Vostok owns a controlling stake. (Photo by Sefa Karacan/Anadolu Agency/Getty Images) Fiel die Entscheidung, Calvey (hier vor Gericht) anzuklagen, auf höchster Ebene?

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Sie kamen nach „Matrosskaja Tischina“, ein Moskauer Untersuchungsgefängnis für hochkarätige Fälle. Was widerfuhr Ihnen dort?
Ich war zunächst in Einzelhaft und wurde täglich vom Inlandsgeheimdienst FSB oder von Ermittlern verhört. Eines Abends gegen neun Uhr sagte man mir, ich solle meine Sachen zusammenpacken und mich auf die Verlegung in eine andere Zelle vorbereiten.

Ich trug noch immer dieselbe Kleidung, die ich mir sechs Tage zuvor hastig übergeworfen hatte, als meine Wohnung durchsucht worden war. Alles, was ich bei mir hatte, waren ein vom Gefängnis ausgegebener Esslöffel, eine Metallschale, ein Stück Seife und ein kleines Handtuch, kaum größer als eine Küchenserviette.

The pre-trial prison Matrosskaya Tishina where local media report former oil billionaire Mikhail Khodorkovsky is being held is seen in Moscow February 24, 2009. Khodorkovsky, who was jailed for eight years in Siberia at a time when the Kremlin was reining in the political power of Russian oligarchs, will face another trial next month. A Moscow city court spokeswoman said on Thursday that Khodorkovsky, once Russia's richest man and the head of oil giant YUKOS, would stand trial for fraud and theft from March 3. REUTERS/Alexander Natruskin (RUSSIA) Matrosskaja Tischina heißt das Gefängnis, in dem Calvey einsaß.

© REUTERS/Alexander Natruskin

Und dann?
Die Wächter führten mich eine Treppe hinauf. Mein Herz raste, ich rechnete wirklich mit dem Schlimmsten. Dann klopften die Wächter an die Tür der Zelle 604, öffneten sie – und ich sah sieben Männer darinstehen. Sechs von ihnen hatten die kahl geschorenen Köpfe von Langzeitinsassen russischer Gefängnisse. In diesem Moment blieb mir für einen Augenblick buchstäblich das Herz stehen.

Meine Zellengenossen, von denen ich ein einschüchterndes, gefährliches und feindseliges Umfeld erwartet hatte, entpuppten sich als wirklich anständige Menschen, die einander unterstützten.

Michael Calvey

Was ist als Nächstes passiert?
Ich legte meine Sachen auf das eine freie Bett. Dann luden mich alle ein, mich an den „Dubok“, wie man im Gefängnis den Tisch nennt, in der Mitte der Zelle zu setzen. Jemand schenkte Tee ein. Reihum stellten sich die Männer auf Russisch vor. Der Letzte sagte schlicht: „Hör zu, in diesem Raum ist jeder ein anständiger Mensch.“

Sie erwiesen sich als einige der mutigsten und anständigsten Menschen, die ich je getroffen habe. Wir sprachen über die Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit, die viele von ihnen empfanden, weil sie von ihren Familien getrennt waren. Einige saßen bereits seit drei Jahren in dieser Zelle, ohne je vor Gericht gestellt, geschweige denn verurteilt worden zu sein. Zwei Monate war ich dort, bevor ich in Hausarrest kam.

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?
Eine erste Erkenntnis war, dass man Menschlichkeit selbst an den unwahrscheinlichsten Orten finden kann. Meine Zellengenossen, von denen ich ein einschüchterndes, gefährliches und feindseliges Umfeld erwartet hatte, entpuppten sich als wirklich anständige Menschen, die einander unterstützten – auch mich. Ich glaube, das Schönste daran war die Geschichte unserer Kameradschaft.

Meine zweite Erkenntnis war, dass der Geist nicht gefangen ist, selbst wenn der Körper es ist. Ich habe in der U-Haft etwa zwölf Bücher gelesen und die Freiheit genossen, groß zu denken. Es war eine Zeit intensiver Emotionen, aber auch der inneren Einkehr.

Im August 2021 wurden Sie zu einer fünfeinhalbjährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Im Januar 2022 hob ein russisches Kassationsgericht alle Beschränkungen auf, und Sie verließen Russland. Kurz darauf brach der Krieg in der Ukraine aus. Wie stehen Sie dazu?
Dies ist ein Krieg ohne Gewinner, aber mit zwei Verlierern. Sowohl Russland als auch die Ukraine stehen in Bezug auf menschliche Verluste, wirtschaftliche Kosten und strategische Konsequenzen schlechter da als vor Beginn des Angriffs.

Ich habe persönliche Erfahrungen mit den Sicherheitsdiensten gemacht und dabei erlebt, wie zynisch und brutal sie sind.

Michael Calvey

Die USA versuchen, bei den Verhandlungen mit Moskau über ein Kriegsende wirtschaftliche Anreize einzusetzen. Wie realistisch ist das?
Ich begrüße, dass Donald Trump und seine Administration versuchen, den Krieg zu beenden. Ich glaube, dass sich die Lage für die Ukraine in ein oder zwei Jahren deutlich verschlechtern könnte.

Das Versprechen einer Wiederaufnahme von Handel und Investitionen ist eine kluge und angemessene Verhandlungsstrategie. Es signalisiert, dass wirtschaftliche Aktivitäten unter der Bedingung wieder aufgenommen werden können, dass der Krieg beendet wird. Sollten die Kämpfe jedoch erneut aufflammen, würden sofort wieder Sanktionen verhängt.

Eine andere Frage ist jedoch, ob amerikanische oder europäische Unternehmen tatsächlich wieder in Russland investieren würden, wenn der Krieg endet. Ich glaube, dass es Jahre dauern wird, bis ausländische Investoren wieder zurückkehren werden.

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Wäre eine Rückkehr nach Russland für Sie nach Ende des Krieges denkbar?
Nein. Ich habe meine Fonds-Investments in Russland beendet und habe aus finanzieller Sicht kein Interesse mehr an einer Rückkehr. Das Land und seine Kultur liebe ich sehr, lehne jedoch das repressive System, das das Leben dort kontrolliert, entschieden ab.

Ich habe persönliche Erfahrungen mit den Sicherheitsdiensten gemacht und dabei erlebt, wie zynisch und brutal sie sind und wie tief sie in das Justizsystem und alle anderen Institutionen des Landes eingedrungen sind.

Angenommen, das System würde sich ändern und Sie hätten die Möglichkeit, nach Russland zu reisen – was würden Sie dort als Erstes tun?
Ich würde wahrscheinlich nach einem Besuch in der Banja mit ein paar Freunden ein herzhaftes russisches Essen genießen, eingelegte Gurken essen, Mors (ein Preiselbeergetränk; Anm. der Redaktion) trinken und russische Witze erzählen.