Herr Gassen, Friedrich Merz findet, dass der Krankenstand in Deutschland zu hoch sei und macht die telefonische Krankmeldung dafür verantwortlich. Die Opposition und Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach weisen das zurück. Wie sehen Sie das?
Karl Lauterbach muss die telefonische Krankschreibung natürlich verteidigen, er hat sie als dauerhafte Regelung eingeführt. Ursprünglich stammt sie aus der Corona-Zeit, als alle vermeiden wollten, dass möglicherweise infektiöse Menschen Praxen betreten. Inhaltlich war das damals schon schwer zu begründen, und heute ist das noch schwieriger.
Teilen Sie also Merz‘ Analyse, dass sich zu viele Deutsche krankmelden?
Merz hat völlig recht: Deutschland hat im internationalen Vergleich einen sehr hohen Krankenstand. Im Vergleich der OECD und der EU arbeiten wir dabei auch noch weniger als fast alle anderen Länder – weniger arbeiten eigentlich nur noch die Franzosen, deren Wirtschaft aber in einer tiefen Krise steckt. Gleichzeitig gehen wir relativ früh in Rente. Das sind die nüchternen Fakten.
Zur Person
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Andreas Gassen, geboren 1962, ist niedergelassener Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie in Düsseldorf. Seit 2014 ist er Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung KBV.
Wie sehen Sie als Arzt in diesem Kontext die Rolle der telefonischen Krankschreibung?
Die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung lädt natürlich zum Missbrauch ein. Am Telefon kann doch niemand zuverlässig beurteilen, ob jemand wirklich arbeitsunfähig ist oder nicht. Das ist oft mitunter schon in der Praxis schwer, wenn jemand mit Kopfschmerzen erscheint. Bei manchen stimmt das, bei anderen ist es schlicht am Abend zuvor spät geworden.
Was fordern Sie stattdessen, um die niedergelassenen Ärzte zu entlasten?
Die Telefon‑AU gehört abgeschafft, und die Pflicht zur AU in den ersten drei Tagen gleich mit. Dann sind Missbrauchspotenziale minimiert, und die Praxen werden wirklich entlastet. Damit würde Lauterbachs Argument, die Praxen würden überlaufen, völlig ins Leere laufen. Diese Bagatell-AUs verursachen jährlich rund 27 Millionen Arzt‑Patienten-Kontakte, die medizinisch unnötig sind und dann wegfielen.
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Das Ziel wäre also eine strukturelle Entlastung – sowohl für Praxen als auch des Systems insgesamt?
Genau. Die ersten drei Krankheitstage sollten arbeitsvertraglich geregelt werden – wie es viele andere Länder tun. Ich bin Befürworter von Karenztagen oder Bonussystemen. Die Lohnfortzahlung im echten Krankheitsfall bleibt bestehen, sie ist auch wichtig, wenn Menschen wirklich krank sind. Aber sie war nie für leichte Erkältungen oder morgendliche Kopfschmerzen gedacht.
Und ja, wir benötigen einen Kulturwandel. Die allermeisten Menschen missbrauchen das System nicht, aber wir kennen alle das „Montagsschnüpfchen“. Das ist sicher nicht die Mehrheit, aber es passiert. Und wenn jemand am Ende für ein bis drei Tage unbezahlt fehlt, liegt es in der eigenen Verantwortung. Für solche kurzen Zeiträume braucht es aus medizinischer Sicht keine AU – weder telefonisch noch vor Ort.