Darüber hinaus, so Hett, habe sich seit der Unabhängigkeit Moldaus Anfang der 1990er-Jahre eine moldauische Identität in dem Land konsolidiert. „In der Volkszählung von 2024 haben sich über drei Viertel der Befragten als Moldauer identifiziert, nur acht Prozent als Rumänen.“ Kleinere Anteile machten zudem Ukrainer, Gagausen, Russen, Bulgaren und Roma aus. Insgesamt wurden in der Zählung 185 Ethnien angegeben. Obwohl Moldau eine Bevölkerung von nur rund 2,4 Millionen hat, ist ihre Zusammensetzung sehr heterogen.
Die Idee einer Wiedervereinigung mit Rumänien ist indes nicht neu. Verschiedene politische Kräfte verfolgten bereits während der Unabhängigkeit dieses Ziel. In dieser Zeit kam es laut Felix Hett zu einer regelrechten „Vereinigungseuphorie“, die jedoch „mit der Abspaltung Transnistriens und einem kurzen, aber dennoch blutigen Krieg 1992 endete“. Etwa 1.000 Menschen wurden in dem Konflikt getötet, bei dem die moldauische Armee mit rumänischen Freiwilligen transnistrischen Kräften mit Unterstützung aus Russland und der Ukraine gegenüberstand.
Die Region Transnistrien liegt im Osten Moldaus. Der schmale Landstrich wird seit seiner Abspaltung von Russland unterstützt, aber international nicht als Staat anerkannt – auch nicht von Moskau. Rund 1.500 sogenannte Friedenstruppen aus Russland sind dort stationiert. Die Abspaltung der Region verkompliziert für die Regierung in der moldauischen Hauptstadt Chișinău nicht nur die tägliche Arbeit, sondern stellt auch ein großes Problem für Maia Sandus ambitionierte politische Ziele dar.
„Jetzt das Fass einer möglichen Vereinigung mit Rumänien wieder aufzumachen, birgt für viele das Risiko weiterer Instabilität – und rückt die Reintegration Transnistriens in weite Ferne“, erklärt Felix Hett. „Dabei ist Letzteres die eigentlich anstehende Frage, denn mit einem ungelösten Territorialkonflikt wird Moldau der EU nicht beitreten können.“
Moldau hat sich inzwischen energiepolitisch stärker an Rumänien und die EU angebunden und ist weniger auf Transnistrien angewiesen, von wo es früher fast vollständig mit Strom beliefert worden war. Russland verliert damit zwar an Einfluss, versucht aber weiterhin, eine Annäherung Moldaus an Europa zu verhindern. Präsidentin Sandu ist sich dieser Problematik bewusst – warum sie nun dennoch eine Wiedervereinigung mit Rumänien anspricht, ist nicht vollends klar.