Das moderne Hochgeschwindigkeitsnetz Spaniens steht für Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Es ist auch bei Touristen beliebt. Ein Bahnunglück erschüttert nun das Land – und wirft Fragen auf. Was wir bisher über den Vorfall wissen – ein Überblick:
Der Ablauf des Unglücks:
Am Sonntagabend gegen 19.40 Uhr entgleiste nahe der Gemeinde Adamuz in der Provinz Córdoba ein Iryo‑Hochgeschwindigkeitszug der italienischen Gesellschaft Trenitalia – bei einem Tempo von etwas mehr als 200 Kilometern pro Stunde. Der Zug geriet auf ein benachbartes Gleis und kollidierte dort mit einem entgegenkommenden Renfe‑Zug.
Der Aufprall war so heftig, dass die beiden vorderen Wagen des Renfe‑Zugs aus den Gleisen geschleudert wurden, eine vier Meter hohe Böschung hinabstürzten und nahezu vollständig zerstört wurden.
Der Iryo‑Zug fuhr von Málaga nach Madrid und hatte mehr als 300 Menschen an Bord. Der Renfe‑Zug war auf dem Weg von Madrid nach Huelva und transportierte rund 200 Passagiere.
Einige Passagiere beschrieben dramatische Szenen: Eine junge Frau kämpfte im Interview des TV-Senders RTVE mit den Tränen, als sie den Albtraum beschrieb, den sie im Iryo-Unglückszug erlebte.
Rettungskräfte arbeiten am Zug, der am Sonntag zwischen Málaga und Madrid entgleist ist.
© AFP/-UGC
„Es gab eine Vollbremsung, es wurde stockdunkel. Ich fiel kopfüber aus dem Sitz. Menschen und Gepäck flogen durch die Luft, es gab Schreie, weinende Kinder, Blut. Ich fühle mich, als wäre ich neu geboren.“ Ein anderer Passagier, der Journalist Salvador Jiménez, sagte: „Es war wie ein Erdbeben.“
Ich fiel kopfüber aus dem Sitz. Menschen und Gepäck flogen durch die Luft.
Eine junge Passagierin
„Der Anblick war furchtbar“, sagte auch Adamuz‘ Bürgermeister Rafael Moreno, der als einer der ersten an der Unfallstelle eintrifft, dem Fernsehsender Antena 3.
„Die Menschen riefen um Hilfe, Verletzte sind aus den Waggons gekommen, ein Bild, das ich nie vergessen werde.“ Der Passagier Lucas Meriako äußert sich im Sender La Sexta ebenfalls schockiert: „Das ist wirklich wie in einem Horrorfilm.“
Zahlreiche Fahrgäste blieben nach dem Aufprall stundenlang in den Zügen eingeschlossen. Feuerwehr und Rettungskräfte kämpften sich durch schwer zugängliches Gelände. Feuerwehrleiter Paco Carmona berichtete von „Chaos, offenen Brüchen“ und großer Zerstörung.
Die Einsatzkräfte haben Schwierigkeiten, zu den Verletzten vorzudringen. „Das Problem ist, dass die Waggons verbogen sind, und die Menschen stecken fest“, sagte Carmona. „Wir mussten eine Leiche wegräumen, um zu einem Überlebenden zu gelangen.“
Opfer und Verletzte:
- Die Zahl der Todesopfer liegt bei mindestens 39
- Mehr als 150 Menschen seien verletzt worden, berichtete der spanische Sender RTVE
- 73 Verletzte wurden in Krankenhäuser der andalusischen Stadt Córdoba gebracht
- 24 von ihnen sind schwer verletzt, darunter vier Minderjährige
Einige Verletzte mussten in der Nacht notoperiert werden. Angaben zur Identität der Opfer stehen noch aus, bisher ist nur bekannt, dass sich einer der Lokführer unter den Todesopfern befindet.
Angehörige der Passagiere des Zuges von Puerta de Atocha nach Huelva kommen zum Bahnhof von Huelva.
© dpa/Clara Carrasco
Das Rote Kreuz half nicht nur den betroffenen Passagieren und Bahnmitarbeitern mit psychologischer Betreuung, sondern auch traumatisierten Angehörigen und Freunden der Opfer, die etwa im Madrider Bahnhof Atocha oder in Huelva vergeblich auf ihre Lieben warteten.
Ursache des Unglücks:
Die Ursachen des Unglücks sind bisher unklar. Verkehrsminister Óscar Puente spricht von einem „extrem ungewöhnlichen“ Unfall: „Gerade Strecke, ein ziemlich neuer Zug, ein erst jüngst mit einer Investition von 700 Millionen Euro renovierter Streckenteil.“ Man müsse nun das Ergebnis der Ermittlungen abwarten.
Puente fügte laut der Tageszeitung „El País“ hinzu, dass die Ergebnisse der Untersuchung voraussichtlich innerhalb eines Monats vorliegen würden.
Ingenieure und Experten zeigten sich bisher ratlos, da das Sicherheitssystem eigentlich einen solchen Zusammenstoß hätte verhindern müssen – selbst ohne Eingreifen des Lokführers.
Spaniens Züge haben eigentlich einen guten Ruf
Spanien verfügt über das größte Hochgeschwindigkeitsbahnnetz Europas, die Züge in dem südeuropäischen Land gelten eigentlich als sehr sicher.
Wegen der Liberalisierung des Bahnverkehrs können Reisende häufig gleich unter mehreren Anbietern auswählen: Neben dem Platzhirschen Renfe ist auch die französische Staatsbahn SNCF mit der Marke Ouigo vertreten – und der Anbieter Iryo, der mehrheitlich der italienischen Bahngesellschaft Trenitalia gehört.
Der Präsident von Renfe, Álvaro Fernández Heredia, erklärte im Gespräch mit dem Radiosender Cadena SER, dass zwischen den beiden Zügen offenbar nur rund 20 Sekunden lagen.
Nach seinen Angaben gibt es zwar ein Sicherheitssystem, das bei einem Hindernis auf den Gleisen den Verkehr stoppt und eine Notbremsung auslöst. Die kurze Zeitspanne habe jedoch verhindert, dass dieser Mechanismus rechtzeitig aktiviert wurde.
Zudem erklärte Heredia, dass der Unfall nicht auf überhöhte Geschwindigkeit hindeute: Die Züge fuhren mit 205 und 210 km/h auf einem geraden Abschnitt, auf dem bis zu 250 km/h erlaubt sind.
Die Gleise seien erst im Mai 2025 repariert worden und sollten „in optimalem Zustand“ sein. Ausgestattet seien sie mit einem LZB-Sicherheits- und Signalsystem, das menschliche Fehler weitgehend ausschließe. Daher gehe er von einem technischen Defekt am Zug oder an der Infrastruktur aus.
Es sei außerdem unklar, ob der Alvia-Zug mit den entgleisten Iryo-Waggons oder mit einem Gleiselement kollidiert sei, die Räder des Zuges seien bislang nicht gefunden worden. Der Iryo-Zug wurde 2022 gebaut, zudem wurde er nur drei Tage vor dem Unglück gewartet.
Auch der Bahn-Experte Joan Carlos Salmerón betonte im Fernsehen, es könne einen Schaden am Gleis, einen Gegenstand auf den Schienen oder einen Fehler beim Zug selbst gegeben haben. Auf Luftaufnahmen waren die beiden verunglückten Züge zu sehen, die etwa 500 Meter voneinander entfernt zum Stehen gekommen waren.
Die Reaktionen:
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez sicherte schnelle Hilfe zu. „Heute ist eine Nacht tiefen Schmerzes für unser Land“, schrieb er auf der Plattform X. Wegen des schweren Unglücks hat er seine Teilnahme am Weltwirtschaftsforum in Davos abgesagt.
Sánchez hat eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Bei einem Besuch in Adamuz nahe der Unglücksstelle kündigte er am Montag zudem eine gründliche Untersuchung des Unfalls an und versprach „absolute Transparenz“.
König Felipe VI. und seine Frau, Königin Letizia, sprachen von Griechenland aus den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus und wünschten allen Verletzten eine schnelle und vollständige Genesung.
Sie kündigten an, dass sie nach der Beisetzung von Irene von Griechenland, der Schwester von Altkönigin Sofía, vorzeitig in die Heimat zurückkehren würden. Felipe wurde am Dienstag in Adamuz erwartet.
Neben dem Königshaus sprach auch die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, den Familien und Angehörigen der Opfer sowie dem spanischen Volk ihr Beileid aus. „In dieser Nacht seid ihr in meinen Gedanken“, schrieb sie auf X auf Spanisch.
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Auch aus dem Ausland kommen Beileidsbekundungen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) äußert sich „erschüttert“ und spricht den Familien und Angehörigen der Opfer sein Beileid aus.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versichert den Spaniern angesichts der „Tragödie“ von Adamuz: „Frankreich steht an eurer Seite.“ Die Regierung Thailands, wo sich vergangene Woche ebenfalls ein schweres Zugunglück ereignet hatte, drückte ebenfalls ihr Mitgefühl aus.
Auch Papst Leo XIV. hat sich „tief betroffen von dem tragischen Zugunglück“ gezeigt. Er bete für die zahlreichen Todesopfer und wünsche den Verletzten baldige Genesung, heißt es in einem am Montag vom Vatikan veröffentlichten Telegramm.
Den Familien der Verstorbenen sprach der Papst sein aufrichtiges Beileid aus. Zugleich wolle er ihnen Trost spenden. Die Rettungskräfte ermutigte Leo XIV., ihre Hilfs- und Unterstützungsbemühungen fortzusetzen.
In ganz Spanien, vor allem aber in Galicien wurden Erinnerungen an ein schlimmes Unglück vom 24. Juli 2013 wach. Ein Zug entgleiste damals in Angrois wenige Kilometer vor Santiago de Compostela mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit an einer Kurve. 80 Menschen kamen ums Leben.
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Angesichts der Tragödie, der Trauer und des Chaos zeigten sich viele Menschen in der 4000-Einwohner-Gemeinde Adamuz solidarisch. Trotz später Stunde brachten freiwillige Helfer Decken, Arznei- und Lebensmittel ins Gemeindezentrum. Supermarktbesitzerin Rafaela machte umgehend ihren Laden auf und sagte im Gespräch mit RTVE: „Heute schläft hier niemand!“ (dpa/AFP/Reuters/KNA/Tsp)